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"Rendezvous": Die Ehehölle hinter der Fassade

Vier Personen spielen sich gegenseitig an die Wand. Ungewöhnlich für eine Kinoproduktion: Das Wort ist wichtiger als das Bild. Die bitterbösen Dialoge und die Handkamera vermitteln eine gnadenlose Intensität und Direktheit.

Von Jakob Nienstedt

Eine Wohnungstür wird aufgeschlossen und eine Frau knipst eine Designerlampe an. Das Licht gibt den Blick auf eine große, luxuriöse Wohnung frei: Eine teure aber sicherlich auch bequeme Couchgarnitur, ein großer Esstisch, die für Neureiche obligatorischen abstrakten Bilder an der Wand und die für zeitgenössische Menschen übliche Unterhaltungselektronik - die Zimmer sind stilvoll, aber dennoch kalt eingerichtet. Hier leben Walter (Sven Walser) und Anna (Lisa Martinek), die eigentlich an diesem Tage gar nicht in der Wohnung sein wollten, sich aber sichtlich überrascht in den eigenen vier Wänden wieder treffen.

Schnell wird deutlich, dass es in der Ehe der beiden kriselt. Walter ist ein kalter, unsympathischer Machtmensch, der sich in einer Ellenbogengesellschaft seinen finanziellen Wohlstand hart erarbeitet hat und merklich stolz darauf ist. Anna ist eine verwöhnte Frau aus wohlhabendem Hause, die den Luxus als Selbstverständlichkeit ansieht und sich ein Kind wünscht. Beide Ehepartner wissen kaum etwas miteinander anzufangen. Die Gespräche sind oberflächlich und gelangweilt. Eine bedrückende Stimmung, die sich schließlich in einem Streit über eventuellen Nachwuchs entlädt.

Intrigen, Macht und Rache

Die ungemütliche Atmosphäre wird auch durch den überraschenden Besuch von Walters Freund Jost (Tim Lang) nicht besser. Walter beobachtet Anna und Jost, ohne dass diese es merken, beim heimlichen Küssen in der Küche. In der Folgezeit spielt der Zyniker sein Wissen über die beiden gnadenlos aus und führt die Fremdgeher genüsslich vor. Die scheinbar harmlose Plauderei gerät zusehends außer Kontrolle. Die Intrigen und Machtspiele erfahren ihren Höhepunkt, als auch noch Josts leicht hysterische Lebensgefährtin Yvonne (Anika Mauer) zu Besuch kommt.

Die zwei eigentlich befreundeten Paare entblößen ihre wahren Persönlichkeiten und verraten ihre lang verborgen gehaltenen Geheimnisse. Im Laufe des Abends überschreiten sie dabei sämtliche Grenzen gesellschaftlicher Konvention. Es gilt nur noch, den anderen so schwer wie möglich zu verletzten, um den eigenen Schmerz erträglich zu halten. Der gegenseitige Racheakt gipfelt in einer masochistischen Sexorgie in der hauseigenen Sauna, an deren Ende allen klar ist, dass am nächsten Morgen nichts mehr so ist, wie es vorher war.

Ehehölle unszensiert

Regisseur Alexander Schüler und Produzent Sven Walser gelang es, in nur 14 Drehtagen und ohne finanzielle Förderung, einen brutal ehrlichen Film zu schaffen, der nicht nur aufwühlend, sondern auch ungeheuer spannend ist. Die vier Schauspieler bieten eine glänzende Leistung und vermitteln dem Zuschauer eine absolut real wirkende Vorstellung - so muss die Ehehölle aussehen!

Doch Vorsicht: Nicht jeder Hollywood-verwöhnte Zuschauer wird das unscharfe Bild entschuldigen. Auch muss sich der Kinobesucher darüber im Klaren sein, dass ihn ein adaptiertes Theaterstück erwartet - vier Schauspieler und ein Papagei, die die Wohnung nie verlassen. Nur Walter schafft es einmal bis zum Fahrstuhl, trifft dort aber auf Jost. Ansonsten fungieren Küche, Wohn- und Esszimmer, Dachterrasse und Sauna als Bühne. Die Handkamera ist den Gesichtern der Schauspieler stets nahe, keine Geste, keine Mimik entgeht dem Zuschauerblick. Diese unkonventionelle Machart könnte den ein oder anderen Kinobesucher überanstrengen.

Schmerzhaft

Wer sich jedoch auf die mitreißenden und bitterbösen Dialoge einlässt, die Darsteller Tim Lang unter dem Pseudonym Bob L. Sack schrieb, der wird sich von "Rendezvous" bestens unterhalten fühlen. "Wir wollten etwas herstellen, das sich direkt anfühlt", sagt Schüler. Der Film "soll schmerzhaft sein". Wer genug Abstand zu den handelnden Personen hält, könnte sich dennoch auf eine schadenfrohe Art und Weise amüsieren, wer sich auch nur teilweise mit ihnen identifizieren kann, wird geschockt sein.

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