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"Saw": Ein mörderisches Spiel

Zwei Absolventen einer australischen Filmhochschule haben frischen Wind ins Horrorgenre gebracht. Mit "Saw" ist ihnen ein Meisterwerk des realen Grauens gelungen.

Von Hauke Friederichs

Als Lawrence Gordon mit Kopfschmerzen aufwacht, ist es stockdunkel. Er liegt auf einem dreckigen Fliesenboden und tastet sich zur Wand. Jemand schreit um Hilfe. Er findet den Lichtschalter, doch als seine Augen sich an das grelle Neonlicht gewöhnt haben glaubt er ihnen nicht. Er muss träumen. Ein Alptraum. Wie kommt er in diesen verlotterten Raum, wo sind seine Schuhe, Tasche und Jackett? Wurde er ausgeraubt? Jemand hat den Mediziner mit einer Stahlkette und Fußschellen an ein Rohr gekettet. Als er sich genauer umsieht, wird der Alptraum Realität. In der Mitte des Raumes liegt ein Mann in einer Blutlache. In seiner Hand hält er einen Revolver. Schräg gegenüber in einer Ecke sitzt ein junger Mann, er ist ebenfalls angekettet.

Der junge Mann heißt Adam und ist genauso verstört wie der Mediziner Gordon. Beide können sich nicht erklären, wie sie in den schäbigen Waschraum gekommen sind. Dann finden sie ein kleines Aufnahmegerät und zwei Kassetten. Sie sind Opfer eines unbekannten Sadisten geworden, der ein brutales Spiel mit ihnen beginnt. Der Einsatz sind Menschenleben, die Spielregeln so einfach wie unmenschlich. Gordon muss sein Gegenüber innerhalb von acht Stunden töten, sonst wird der verrückte Unbekannte seine Familie für seine Unfähigkeit bestrafen. Adam soll einfach überleben, doch dafür müsste er vermutlich den Rivalen töten.

Die Erinnerung kehrt zurück

Nachdem sich ihre Aufregung gelegt hat, und Gordon den misstrauischen Adam versichert, dass er ihn nicht töten wird, erzählen beide vom vergangenen Tag. Sie können nicht begreifen, warum der Irre sie ausgewählt hat. Doch je länger sie miteinander reden und ihr Schicksal verfluchen, desto mehr Erinnerungen kehren zurück. Zuerst bei Gordon: Er wurde entführt. Ein unheimlich Maskierter hat ihn im Parkhaus abgegriffen und betäubt. Dann weiß er plötzlich, warum er in diesem Alptraum gelangt ist.

Regisseur James Wan und Co-Drehbuchautor sowie Hauptdarsteller Leigh Whannell ist es mit "Saw" gelungen, frischen Wind in das Horror-Genre zu bringen. Ihre Geschichte ist spannend wie "Sieben", wenn auch weniger subtil. In beiden Filmen bleibt der psychopathische Täter zunächst unsichtbar. Er hat ein grausames Netz gesponnen, in dem sich seine Opfer und die Polizisten verfangen. Bei "Saw" sind die Helden aber keine smarten, wehrhaften Ermittler, sondern hilflose Gefangene. Die Schauspieler Whannell (Adam) und Cary Elwes (Lawrence Gordon) überzeugen als verzweifelte Gefangene. Obwohl die ersten Filmminuten fast ausschließlich in dem Waschraum spielen, gelingt es Regisseur Wan eine enorme Spannung aufzubauen.

Sadistische Spiele

Gordon war der Hauptverdächtige der Polizei in einer Serie von bestialischen Mordfällen. Die Ermittler fahnden nach einem irren Tüftler, genannt "Jigsaw", der seine Opfer in lebensbedrohliche Extremsituationen bringt. Um zu überleben müssen sie sich selber Schmerzen zufügen oder andere Menschen töten. Der Täter will wissen, wie weit seine Opfer gehen, um sich selbst zu retten. Menschlichkeit und Mitgefühl bleiben dabei auf der Strecke. Ein Opfer ist eine Drogensüchtige. Sie wacht in einem Keller auf. Ihr Kopf steckt in einer Stahlmaske, die ihr nach Ablauf weniger Minuten das Gesicht zerreißen werde, wie ihr der sadistische Täter per Fernseher mitteilt. Der Schlüssel zum Öffnen des Mordwerkzeugs ist im Magen eines betäubten Mannes versteckt, der ebenfalls in dem Keller liegt.

Sie hat ein Messer und muss die furchtbare Entscheidung treffen: Rettet sie ihr Leben und opfert dafür ein anderes, oder wartet sie, ob die Maske wirklich auslöst. Gordon hört auf dem Polizeirevier die Aussage der traumatisierten Frau. Jigsaw habe sie wegen ihrer Sucht ausgewählt. Er wolle ihrem Leben einen Sinn geben, hatte der Wahnsinnige per Videobotschaft mitgeteilt. Verdächtigt wird Gordon aber wegen eines anderen Falls.

Von Hollywood finanziert

Dass sie ihren ersten kommerziellen Film gleich für Hollywood machen würden, hätten die früheren Filmstudenten James Wan und Leigh Whannell nicht erwartet. Auf der Suche nach Geldgebern für "Saw" hatten sie ein Demotape aufgenommen. Die intensiven Probeaufnahmen und das spannende Drehbuch überzeugten Finanziers. "Wir gingen auf eine sehr kunstorientierte Filmhochschule, da liefen die Leute mit Baskenmützen herum und drehten Filme über Sand. Und mittendrin bastelte James an seinen Zombiestreifen. Ich wusste, dass er irgendwann ein ganz großes Tier werden würde", sagte Whannell in einem Interview über seinen Freund Wan. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten.

Mit einer Produktionssumme von 1,2 Millionen Dollar war "Saw" für amerikanische Verhältnisse eine Low-Budget-Produktion. Ähnlich wie der Horrorfilm "Blair Witch Project", bei dem Studenten durch einen Wald irrten und von übernatürlichen Mächten gejagt werden, war "Saw" auch ohne Top-Schauspieler und Millionenetat an den amerikanischen Kinokassen äußerst erfolgreich und spielte 55 Millionen Dollar ein. Für Wan und Whannell ein Debüt, dass in Hollywood der Anfang einer steilen Karriere bedeuten könnte.

Der Film ist visuell düster und mit teilweise bizarren Kamerafahrten umgesetzt, doch bleibt der Blick schonungslos auf die Gewaltexzesse gerichtet. "Saw" setzt vor allem auf die perfiden Mordmethoden des unbekannten Täters. Seine Motivation, Böses zu tun, wird allerdings kaum offensichtlich. Anders als bei den Filmen "Sieben", "Das Schweigen der Lämmer" oder "Der rote Drache" liefert "Saw" einen fast profillosen Killer. Dies ist von den Drehbuchautoren gewollt. Sie widmen sich ganz den Opfern des Serienmörders.

Nichts für schwache Nerven

"Saw" ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven oder Anfälligkeit für Alpträume und definitiv kein Film für die ganze Familie. Weniger Blut und Grausamkeit hätte dem Film sicher nicht geschadet.

"Wessen Blut wird fließen?" fragt der Untertitel von "Saw". Diese Frage bleibt bis zum Ende spannend. Denn der Regisseur wartet zum Schluss mit unerwarteten Überraschungen auf, die eigentlich eine Fortsetzung dieses gelungenen Debüts von Wan und Whannell fordern. Laut Internetquellen sollen dieses Jahr die Dreharbeiten zum zweiten Teil beginnen.

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