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"Sesamstraße": Das Paradies als Exportschlager

Vor 35 Jahren lief im US-Fernsehen die erste Folge der "Sesame Street". Startschuss für eine weltweite Erfolgssendung. Auch in Deutschland prägte die "Sesamstraße" Generationen von Kindern.

So muss das Paradies sein: Es gibt Kekse ohne Ende, man kann den ganzen Tag in der Badewanne liegen, und alle haben gute Laune. Seit 35 Jahren liegt dieses Paradies in der "Sesamstraße", wo das Keks verschlingende Krümelmonster, die Wannenfans Ernie und Bert, Grobi und Graf Zahl zu Hause sind. "Sesame Street", das amerikanische Original, wurde am 10. November 1969 in den USA zum ersten Mal ausgestrahlt. Dabei war das Ambiente der Show alles andere als paradiesisch: Eine Straße im New Yorker Getto, in der bunte Puppen in umgekippten Mülltonnen saßen.

Doch das gehörte zum Konzept von Fernsehproduzentin und "Sesamstraßen"-Erfinderin Joan Ganz Cooney. Drei- bis Sechsjährige aus sozial schwachen Familien sollten auf den Schulstart vorbereitet werden mit Geschichten, die in ihrer Umgebung spielten und in denen Puppen und Menschen aller Hautfarben vorkamen. Toleranz und Konfliktfähigkeit sollten sie dabei ebenso lernen wie Zahlenreihen und Alphabet.

Lernhäppchen für Kleinkinder

Als Medium war das Fernsehen ideal, denn Kleinkinder waren damals schon Intensivgucker, bis zu 9.000 Stunden verbrachten sie bis zu ihrer Einschulung mit Fernsehen. Im Stil von Werbespots wurden die Szenen der Sendung als Lernhäppchen serviert: kurz und leicht zu merken. Als Stars der Show schuf Muppet-Erfinder Jim Henson die Puppen Ernie, Bert und all die anderen, die trotz der tristen Kulissen für Spaß sorgten. Unterhaltung und Wissen wurden so verbunden.

"The Nitty Gritty Itty Bitty Kiddy Show" sollte die Sendung eigentlich heißen, doch in letzter Minute kam die Idee, die Straße nach dem Zauberspruch "Sesam öffne Dich" aus dem Aladin-Märchen zu nennen. Sie wurde zum Exportschlager. In über 140 Ländern gibt es eine auf die lokalen Ansprüche abgestimmte Version: die "Alam Simsim" in Ägypten, die chinesische "Zhima Jie" und in Brasilien leben Krümelmonster und Co. in der "Vila Sesamo".

Angst vor "kultureller Entfremdung"

Die deutsche "Sesamstraße" wird seit dem 8. Januar 1973 ausgestrahlt. Anfangs befürchteten einige Politiker eine "kulturelle Entfremdung" durch das Getto-Ambiente der US-Vorlage, in Bayern durfte die "Sesamstraße" erst mal nicht gesendet werden. Heute ist sie eine Institution für Kinder wie sonst wohl nur das "Sandmännchen". Als die Sendung 2003 vom Abendprogramm in den frühen Morgen verlegt werden sollte, appellierte sogar die Kinderkommission des Bundestages an die ARD-Anstalten, sie auf ihren 18 Uhr Sendeplatz zu lassen. Vergeblich.

Heute muss früh aufstehen, wer die extra für die deutsche Show kreierten Puppen Samson und Tiffy im dritten Programm sehen will oder den Comedian Dirk Bach als Zauberer Pepe. Die menschlichen Stars gehörten von Anfang an zum Konzept. In den USA schauen schon mal Hillary Clinton, Basketballer Michael Jordan oder UN-Generalsekretär Kofi Annan in der "Sesame Street" vorbei. Damit soll die Sendung auch für Eltern attraktiv werden, in der Hoffnung, dass sie sich mit ihren Kindern über die Themen der Sendung unterhalten.

Aids-Aufklärung in Südafrika

Denn trotz paradiesisch guter Laune gibt es nicht immer leichte Kost zu sehen. In der südafrikanischen "Sesamstraße" klärt eine HIV-infizierte Puppe über den Umgang mit Aids auf, eine gemeinsame Version für Israel, Jordanien und die palästinensischen Gebiete wirbt für Achtung und gegenseitiges Verständnis. An afghanischen Schulen sollen "Sesamstraße"-Filme den Mädchen Lust auf Bildung und Karriere machen. Lust auf Bildung weckt auch das Titellied: "Wieso, weshalb, warum - wer nicht fragt, bleibt dumm" - für die Eltern kann diese Fragelust dann auch mal weniger paradiesisch sein.