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Diane Kruger im stern.de-Interview: "Es gibt 1000 Frauen, die besser aussehen"

Diane Kruger gilt als deutscher Exportschlager. Der Berlin-Thriller "Unknown Identity" ist ihr erster Actionfilm. Ein Gespräch über Action, ihren "Adoptivvater" Karl Lagerfeld und die Schönheit.

Von Sophie Albers

Wie war Ihr erster Actionfilm, Frau Kruger?
Ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukommt! Ich wusste nicht, wie präzise diese Kampfszenen einstudiert werden. Das ist, als würde man einen Tanz lernen. Liam (Co-Star Liam Neeson, Anm.d.Red.) war zum Glück sehr hilfsbereit. Er hat mir gezeigt, wie man schlagen und treten muss, damit es auch für die Kamera gut aussieht. Der Dreh war sehr ermüdend, vor allem die Szenen im Wasser: den ganzen Tag war ich drin, voll angezogen. Das dauert alles sehr lange. Ist doch komisch: Es ist das Schnellste an einem Film: zwei Minuten - bang bang bang. Aber man braucht Tage, um solche Szenen zu drehen.

Haben Sie denn was abbekommen, weil der "Tanz" nicht ganz so präzise war?
Nein, wir haben uns nicht verletzt. Gott sei Dank. Aber es war wirklich heftig körperlich anstrengend. Und noch viel beeindruckender war die Tatsache, dass Liam 25 Jahre älter ist. Und während ich am Ende des Tages gehechelt habe, war es für ihn völlig okay.

Wollen Sie jetzt häufiger Actionrollen spielen?
Als nächstes spiele ich Marie Antoinette (lacht) in einem akkuraten Kostümfilm von Benoît Jacquot. Es geht um ihre letzten Tage. Bei der Recherche hat mir Karl Lagerfeld sehr geholfen. Er ist wie mein Adoptivvater. Wir sind Nachbarn und sehen uns ständig. Er spricht selten Deutsch, deshalb ist das schön für ihn. Er ist unheimlich kultiviert und hat mir 1000 Bücher über Marie Antoinette geschickt. Er kennt alles. Wir waren auch zusammen in Versailles.

Sie arbeiten mal in Frankreich, mal in Amerika, mal in Deutschland. Ist das Absicht?
Ich wollte immer schon zwischen den Stühlen sitzen! Ich möchte nicht nur als Deutsche, nur als Französin oder nur als Amerikanerin gesehen werden. Ich möchte alle Rollen spielen können, in allen Kinos.

Wo fühlen Sie sich denn zu Hause?
Manchmal fühle ich mich sehr deutsch, was eine gewisse Disziplin, eine gewisse Pünktlichkeit angeht. Aber am meisten zu Hause fühle ich mich in Paris. Da hatte ich mit 16 meine erste eigene Wohnung. Wenn ich in Amerika bin, fehlt mir nach sechs Monaten das europäische Leben - Sachen wie Abendessen oder Wochenende. In Amerika denken die Leute ganz anders über bestimmte Dinge.

Sie hängen gerade als 30 Meter hohe Kosmetikwerbung am Potsdamer Platz. Wie ist das, sich so zu sehen?
Das ist auch für mich komisch, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen. Ich war etwas überwältigt, als ich das gesehen habe. Als ich kürzlich von einer Reise nach Los Angeles zurückkam und das Auto mich von Flughafen nach Hause gefahren hat, war da ein riesiges Poster von einer Parfümwerbung mit mir gegenüber vom Chateau Marmont. Ich habe das Auto angehalten und ein Foto gemacht. Das ist wirklich unglaublich. Das wird nie normal werden.

Erkennen Sie sich auf diesen Bilder noch wieder?
Mehr und mehr, weil ich immer mehr Kontrolle habe. Und je mehr ich zu sagen habe, desto mehr bestehe ich darauf, dass ich es bin. Ich hasse es, dass man Schauspieler perfekt retuschiert. Ich bin kein Fotomodel mehr, es interessiert mich überhaupt nicht mehr, perfekt retuschiert zu sein. Die Zeiten sind vorbei.

Die sehen irgendwie alle gleich aus.
Ja, genau. Ich hasse das.

Wird das Retuschieren weniger oder mehr?
Ich glaube, es wird weniger. Ich habe gerade diese Parfüm-Kampagne gemacht, und da war Retusche ein großes Thema. Na klar, ein bisschen retuschiert werden möchte ich auch. Aber man soll schon die Poren sehen, und ich möchte nicht aussehen wie eine 16-Jährige. Dass Frauen sich schön fühlen wollen, ist das eine, wenn sie irgendwelche Cremes benutzen wollen, finde ich das völlig okay. Etwas anderes ist eine völlig unerreichbar retuschierte Person auf einer Titelseite.

Und vor allem gibt es genug junge Mädchen, die denken, das sei echt, und dann meinen, sie müssten auch so aussehen.
Ich finde das gar nicht begehrenswert. Ich persönlich, die ich Zeitschriften lese, möchte nichts über eine völlig glatte Person erfahren und auch nicht die Klamotten kaufen. So glatt möchte ich nicht aussehen.

Ist die Schauspielerei für Sie der Weg raus aus dieser Oberflächenwelt?
Natürlich möchte ich schön aussehen auf Fotos. Aber ich möchte aussehen wie eine echte Person. Ich möchte, dass man mich wiedererkennt.

Aber viele Rollenangebote kommen doch nur wegen des Aussehens.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass in Hollywood nicht Türen aufgehen, weil man ein bestimmtes Aussehen hat. Ich habe aber sehr schnell gelernt, dass es wirklich nicht drauf ankommt, wie man aussieht, sondern darum, in einer Charakterrolle emotionale Tiefe zu haben. Es gibt 1000 Frauen, die besser aussehen und jünger sind. Aber das heißt nicht unbedingt, dass sie Stars werden.