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Endspurt bei der Berlinale 2011: Unverbindliche Preisempfehlung

Die 61. Berlinale ist fast vorbei. Preise gibt es morgen, allerdings interessieren die kaum jemanden. Deshalb vergibt stern.de einfach andere.

Von Sophie Albers, Berlin

Der schlechte Film: Im Preisleistungsverhältnis hat "Unknown Identity" (läuft außer Konkurrenz im Wettbewerb) wirklich alle abgehängt! Ein zig-Millionen-Budget, Liam Neeson, Diane Kruger, Frank Langella und Bruno Ganz wurden verbraten, das Berliner Luxushotel Adlon in Schutt und Asche gelegt, und wofür? Für einen zusammengstückelten Pseudo-"Bourne Identity"-"Frantic"-"Total Recall"-Thriller, in dem Liam Neeson nach einem Autounfall feststellen muss, dass sein Name gar nicht sein Name, seine Frau gar nicht seine Frau und sein Job gar nicht sein Job ist. Ort ist Berlin, und während der eingebildete Biologe (Neeson) mit Hilfe einer gepiercten Taxifahrerin (Diane Kruger) auf der Suche nach seiner wahren Identität durch die Hauptstadt wankt, geht alles Mögliche zu Bruch. Die tragischsten Filmaugenblicke sind gekommen, wenn Bruno Ganz als Ex-Stasi-Mann Herr Jürgen mit einem Augenbrauenzucken wirklich alle an die Wand spielt, was sage ich, nagelt. Man wird das Gefühl nicht los, dass in seinem grandiosen Abgang auch Darsteller-Verzweiflung über den Film liegt. Und dabei taugt "Unknown Identity" nicht einmal als unterhaltsamer Trash wie zum Beispiel "The Expendables". Dafür nimmt der Zwei-Stunden-Streifen sich zu ernst. Wer Liam Neeson in seiner besten Actionrolle sehen will, sollte sich "96 Stunden" ansehen.

Der überschätzte Film:

Es sind wahrscheinlich ihre großen blauen Augen. Miranda July, zierliche Independent-Künstlerin aus den USA, sorgte 2005 mit ihrem Filmdebüt "Ich und du und alle, die wir kennen" für Kritikerfreude. Ihre leicht verschnarchte, total hilflose Frauenfigur mit Hirnknoten ist nun mit "The Future" zurückgekehrt und wird komplett unverständlicherweise von vielen gefeiert. Vielleicht liegt es daran, dass man das Gefühl nicht los wird - entschuldigen Sie meine Deutlichkeit -, jemandem beim Masturbieren zuzugucken. Die Geschichte zweier übersättigter Menschen der Wohlstandsslackergesellschaft in der Paar-Starre hat niedliche Einfälle, hinterlässt aber nichts als genervte Leere. Julys Welt ist so selbstverliebt, dass man sich übergeben möchte. Dabei soll es eigentlich um Liebe gehen, wie die Filmemacherin immer wieder betont.

Der Aufregerfilm

: Den gab es es in diesem Jahr nicht. Nachdem im vergangenen Jahr bei Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" so leidenschaftlich gebuht wurde, waren die Reaktionen in diesem Jahr eigentlich rundweg höflich bis indifferent. Einzig spannend war noch der Krimi um Cyril Tuschis Film "Khodorkovsky", eine Dokumentation über den in Sibirien inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski. Vor dem Filmfest wurden Computer mit der letzten Filmfassung gestohlen, und die Premiere fand unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen statt. Bereits eingenordet im politischen Bewusstsein der Festivalbesucher ist die Tatsache, dass Jury-Mitglied Jafar Panahi im Iran im Gefängnis sitzt, anstatt in Berlin über Filme zu diskutieren

Die wilde Party:

Nach den Filmen und Interviews kommen die Partys. Manch einer kommt überhaupt nur deshalb zur Berlinale. 50 Partys in neun Nächten sollen es sein. Und es wird wie immer getrunken, gekuschelt, gelästert und zusammen das Klo besucht. "Geschlafen wird im Taxi", hat Partyprofi Armin Rohde gerade verraten. Neue Location war in diesem Jahr das ehemalige "Tagesspiegel"-Gebäude in der Potsdamer Straße. Von Premierenpartys bis zum Berlinale-Sponsor Hugo Boss haben hier alle gefeiert. Sonst auch gern in Nobelhotels, -Restaurants, Landesvertretungen oder Cafés irgendwo in der Stadt. (Die Taxifahrer hatten eine gute Berlinale) Das Aufregerfest fand im Hotel Esplanade am Lützowufer statt. Um 2:30 Uhr kam die Polizei in Kampfmontur, denn die Premierenparty für den Film "Gegengerade" (der nicht mal auf der Berlinale lief) endete in einem 10.000-Euro-Schaden und einer Anzeige wegen Vandalismus. Rund 300 Gäste waren geladen, um den Film über den Hamburger Kult-Fußballverein St. Pauli zu feiern. Dann trat die Punkband Slime auf, und die Menge drehte durch

Der ultimative Star der 61. Berlinale:

Liv Ullmann. Die Ingmar-Bergman-Muse kam anlässlich der Bergman-Retrospektive, die - wenn man sich die Zeit nahm - die Frage nach großem Kino wieder ins rechte Lot brachte

Der ultimative Glamour:

Der Eyeliner von Shooting-Star Alexander Fehling in "Wer wenn nicht wir"

Preis der Zukunft:

Der geht leider an das Filmfest von Cannes. Die großen Namen unter den Regisseuren werden alle dort vertreten sein. Angeblich weil sie nicht eher fertig geworden sind - die Wahrheit ist aber natürlich das Klima und ... Cannes: Terry Malick zeigt endlich seinen "Tree of Life", Lars von Trier "Melancholia", Pedro Almodovar "The Skin I live in", David Cronenberg "The dangerous Method" und Steven Spielberg "War Horse". Ja, der Wettbewerb der 61. Berlinale war dröge. Und wenn der überhaupt nicht dröge, herausragende iranische Film "A Separation" nicht den Goldenen Bären gewinnt, werden ziemlich viele Leute ziemlich hoch dotierte Wetten verlieren.