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Jafar Panahi: Berlinale-Juror ohne Ausreiseerlaubnis

Für seinen Film "Offside" über iranische Mädchen, die sich ins Fußballstadion einschleichen, gewann Jafar Panahi 2006 den Silbernen Bären. In diesem Jahr gehört er der Berlinale-Jury an - obwohl der Regisseur den Iran nicht verlassen darf.

Von Carsten Heidböhmer

Jafar PanahiJafar Panahi

Jafar Panahi

In seinem Film "Offside" beschreibt der iranische Regisseur Jafar Panahi das absurde Theater, das in seinem Heimatland täglich neu inszeniert wird. Dafür erhielt er 2006 auf der Berlinale den Silbernen Bären. In diesem Jahr soll Panahi selbst über die Vergabe der Preise mitentscheiden: Er gehört der siebenköpfigen Wettbewerbs-Jury der am kommenden Donnerstag startenden Filmfestspiele an. Er wird diese Aufgabe allerdings nicht antreten können.

Denn genau dieses absurde Theater, das Panahi in seinem Film so anschaulich dargestellt hat, wirkt sich auf die diesjährige Berlinale aus: Der Regisseur darf seine Heimat nicht verlassen. Er war im vergangenen Dezember in Teheran wegen Propaganda gegen die islamische Führung zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Zusätzlich wurde ein 20-jähriges Berufsverbot gegen ihn verhängt. In dieser Zeit darf der Regisseur keine Drehbücher mehr schreiben, Filme machen, Interviews geben oder ins Ausland reisen.

Jafar Panahis Filme werden gezeigt

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick will zwar die Hoffnung auf eine Festival-Teilnahme des verurteilten Regisseurs noch nicht ganz aufgeben und bekräftigte auf der Programmpressekonferenz noch einmal, Panahi sei weiterhin offizielles Mitglied der Jury. Dass der regimekritische Künstler aber tatsächlich ausreisen darf - damit rechnet niemand ernsthaft. Aus diesem Grund sind schon verschiedene Initiativen geplant, mit denen Panahi während der Berlinale unterstützt werden soll. In mehreren Sektionen sollen zudem seine Filme gezeigt werden, darunter auch der preisgekrönte "Offside".

Der Film erzählt die Geschichte verschiedener Frauen, die sich am Tag des entscheidenden WM-Qualifikationsspiels gegen Bahrain als Männer verkleidet ins Stadion schmuggeln, um ihr Land anzufeuern. Wozu dieses Theater? Im Gottesstaat Iran gilt für alle Fußballstadien: Frauen müssen draußen bleiben. Aus diesem Grund verkleiden sie sich, ganz ähnlich wie die Weiber, die sich in "Das Leben des Brian" mit angeklebten Bärten zur Steinigung gehen.

Der Unterschied: Während dem Monty-Python-Film eine bitterböse Komödie ist, sind die in "Offside" geschilderten Zustände Realität. Panahi erzählt von einem Land, in dem sich die Widersprüche längst nicht mehr verbergen lassen. Formal beachten die Menschen die Regeln des Gottesstaates, die jedoch zur reinen Staffage verkommen, weil sie nicht akzeptiert werden. Denn auch die Soldaten als Vertreter der repressiven Staatsmacht unterstützen das System nur widerwillig. Sie leisten ihren Wehrdienst zwangsweise und wären viel lieber bei ihren Familien auf dem Land. So spielen alle miteinander Theater. Gerade am Beispiel der Rolle der Frau im Iran schafft es Panahi, die Widersprüche auf den Punkt zu bringen.

Seine Kritik bringt er nicht mit erhobenem Zeigefinger vor, sondern mit Witz und Intelligenz. Besonders abenteuerlich wird die Situation, als eines der im Stadion festgehaltenen Mädchen dringend zur Toilette muss. Eine Damentoilette gibt es im Stadion nicht. Aber dürfen die Soldaten ein Mädchen aufs Männerklo lassen? Mit diesen Szenen des täglichen Irrsinns legt Panahi den Finger in die Wunde eines morschen Systems - und liefert gleichzeitig einen höchst amüsanten Unterhaltungsfilm ab. Hier wie dort lässt sich beobachten: Fußball setzt Kräfte und Energien frei, die von gesellschaftliche Strukturen nur schwer gebändigt werden können. Darin liegt die hoffnungsvolle Botschaft, die der - im Iran verbotene - Film transportiert. Sollte ein Film ähnliche Macht entfalten - man müsste sich um den für sechs Jahre inhaftierten Jafar Panahi keine Sorgen machen.