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"Shoot 'Em Up": Nichts für Pazifisten!

"Shoot 'Em Up" ist ein überdreht-sarkastischer Actionfilm, in der Hauptdarsteller Clive Owen keine Gefangenen macht, und sogar eine Karotte zur Mordwaffe wird. Der Gipfel des Zynismus: ein flammendes Plädoyer gegen die Waffenlobby.

In der ersten Viertelstunde von "Shoot'em up" wird der Held zum Geburtshelfer und schießt die Nabelschnur des Säuglings durch. Später rammt er einem Killer eine - selbst gezüchtete - Karotte durchs Auge. Und auch beim Sex drückt er mehrmals den Abzug. Wem bei solchen Szenen das Wasser im Munde zusammenläuft, der ist richtig in dem am 20. September anlaufenden bizarren Actionfilm, dessen Titel "Knall' sie ab" - sein Motto ausstellt: Gefangene werden keine gemacht.

Auch so Zeugs wie Logik und Motive sollte man schnell vergessen in diesem bleihaltigen Spektakel, dessen Inspiration angeblich eine Szene aus dem Hongkong-Actionklassiker "Hard Boiled" von John Woo ist. Darin schliddert der Held mit Kanone und Baby im Arm durch ein Krankenhaus. Beim Erfinden des Drumherums ging es, so Regisseur und Drehbuchautor Michael Davis, darum "Schießereien clever und fantasievoll zu variieren". Und brutal, sexistisch und zynisch dazu: diese filmische Visitenkarte wird ihm jedenfalls viele Türen öffnen. Gipfel des Zynismus ist das Plädoyer gegen die Waffenlobby, auf das die Handlung hinausläuft.

Was diesen Film jedoch zu mehr macht als nur zum nächsten lauten, sinnlosen und Gewalt verherrlichendem Machwerk für eine Taschengeld und Testosteron starke Zielgruppe, sind zuvorderst die Darsteller. Fast-Bond Clive Owen, der als mysteriöser Mr. Smith genervt einer Hochschwangeren zu Hilfe eilt und sich dann, mit dem Baby unterm Arm, einer stetig anschwellenden Killer-Armada bravourös entledigt, übt hier süße Rache an den 007-Talentsuchern. Sowohl als lakonischer Eigenbrötler mit Karotten-Vorliebe und Wut auf unzivilisierte Mitbürger wie auch als kaltblütiger Pistolero, der auch beim Fallschirmsprung zielen kann, erinnert er an den jungen Sean Connery.

Vom Heimchen zum Killer

Effektvoll gegen den Strich besetzt ist Paul Giamatti, der noch in der Wein- und Männerkomödie "Sideways" ein wehleidiges Heimchen mimte. Jetzt hat er sich als zähneknirschender Ex-FBI-Mann auf die andere Seite der Macht geschlagen, hängt sich wie eine Zecke an den scheinbar kugelsicheren Mr. Smith und flucht "Fuck me sideways". Monica Bellucci dagegen, als Hure mit viel Herz im prallen Dekolleté und schwerem italienischen Akzent besetzt, bietet als Bordell-Amme eine perverse Variation der üblichen Nummer. Auch der Pistolenfetischismus von Mr. Smith und seinen Häschern wird z.B. in einer Waffenfabrik weidlich ausgemalt.

Natürlich soll der buchstäbliche "Overkill" parodistisch verstanden werden. Doch die schwarzhumorige Gewaltorgie präsentiert sich stilistisch als eigentümlicher Zwitter: mit ihren Anspielungen auf "Matrix" und Sergio-Leone-Streifen, Tabu brechendem Baby-Accessoire und hübschen Ideen wie etwa einer Ratte als dressierter Türöffner spricht sie Cineasten an, die auf den nächsten Tarantino hoffen. Andererseits erinnert die serielle Reihung von Ballerszenen an "Ego Shooter" und andere dumpfbackige Computerspiele; und das Frauenbild ist allzu schlicht. Ob die Ironie beim üblichen Actionpublikum ankommt, ist zweifelhaft. Man darf deshalb gespannt sein auf die Kontroversen, die das Geballer auslösen wird.

Birgit Roschy/AP / AP
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