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"Sideways": Kalifornischer Grand Cru

Das schmeckt nach Oscar: Regisseur Alexander Payne hat eine Midlife-Crisis-Komödie um zwei liebenswerte Versager vorgelegt, die sich im kalifornischen Weingebiet nicht nur an guten Tropfen laben.

"Er ist dünnhäutig, verletzlich, mag's nicht zu kalt oder zu warm." Ob ein Pinot-Noir-Wein tatsächlich so zimperlich ist, wie von Weinkenner Miles beschrieben, bleibt herauszufinden: Aber auf Miles trifft alles zu. In vino veritas: Das trunkene Roadmovie "Sideways" könnte auch Abstinenzler auf den Geschmack bringen.

Meisterlich entfaltet die Buddy-Komödie auf ihrer Tour durch kalifornische Weinberge auch männliche Seelenlandschaften, wie man sie so intelligent, komisch und rührend lange nicht gesehen hat, genauer: seit der Tragikomödie "About Schmidt" nicht mehr, die ebenfalls von Alexander Payne gedreht wurde. Stand in "About Schmidt" Jack Nicholson als zerzauster Rentner im Zentrum, so ist es nun Paul Giamatti, seit vielen Jahren beliebt als wuselig-schäbiger Nebenrollendarsteller.

"Seit zwei Jahren offiziell depressiv"

Diesen Typus baut er nun als naturverschlurfter Intellektueller und erfolgloser Schriftsteller Miles zu tragikomischer Größe aus: Allzeit verkatert und seit seiner Scheidung "seit zwei Jahren offiziell depressiv", klammert er sich an der - meist teuren - Flasche fest. Allerdings parliert er so kenntnisreich über Weine, dass sein bester Freund Jack, ein erfolgloser Schauspieler mit einfachem Gemüt, schwer beeindruckt ist.

Vor Jacks Heirat mit einem hübschen, reichen Mädchen, das viel zu gut für ihn ist, wollen sie Jacks Abschied vom Junggesellendasein mit einem einwöchigen Abstecher zu kalifornischen Winzern feiern. Für Miles eine Lizenz zum gepflegten Besäufnis; Jack dagegen will alles flachlegen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Wo Miles auf Weinproben tief ins Glas guckt und über Aromen von "Zitrone, Pfirsich und Edamer" fachsimpelt, da stürzt der banausische Jack den Schoppen volle Kanne hinunter und flirtet mit willigen Kellnerinnen.

Flirts und Weinproben

Und während Miles sich ängstlich an die besonnene Maya annähert (ein glänzendes Comeback für die Schauspielerin Virginia Madsen), vergnügt sich Jack hemmungslos mit der aufreizenden Stephanie (Paynes Ehefrau Sandra Oh). Der verknitterte Sonnyboy mit dem Aussehen eines sonnengegerbten Surfers stiehlt Giamatti fast die Show und wird gespielt vom ebenfalls eher unbekannten Thomas Haden Church, der prompt eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller bekam.

Es ist schlicht brillant, wie Regisseur Payne die Sympathien zu wecken weiß für seine beiden dummen Jungs in der Midlife-Crisis, die sich in ihrem Selbstmitleid und ihrer Lebenslust perfekt ergänzen und mittels Wein und Weib völlig schimmerlos und herrlich komisch ins Chaos und zur Selbsterkenntnis driften. Und wo Payne einerseits feinsinnige Dialoge entwirft, da scheut er andererseits nicht zurück vor derbem Humor, der sich aber stets glaubhaft aus der Situation heraus entwickelt: Die beiden haben sich ihren Kater redlich verdient.

Sympathische Antihelden

Jenseits gedrechselter Mainstream-Stereotypen verhalten sich die zwei Antihelden so menschlich-nuanciert und nachvollziehbar, dass man sie wiederzuerkennen glaubt. Und dabei lässt der Film durchaus offen, ob die beiden Loser fortan so gut altern wie ein edler Pinot Noir oder nicht doch irgendwann sauer werden.

Ungewöhnlich und ungeschönt zumindest für europäische Zuschauer ist auch die Perspektive auf das kalifornische Weinbaugebiet, dessen sonnenwarme Naturidylle ebenso vorgeführt wird wie die pseudo-mediterrane Architektur der Kleinstädte und die Trostlosigkeit einer disneyhaften Simulation alteingesessener Gemütlichkeit.

Traurig-komisch

Diese sehr lustige und sehr traurige Film hat bereits zwei Golden Globes in den Kategorien Film und Drehbuch eingeheimst, gilt mit fünf Nominierungen als heißer Oscar-Anwärter und wurde von der amerikanischen Kritik euphorisch gefeiert. Diese Elogen für eine verhältnismäßig kleine Komödie ohne Stars verraten wohl die Sehnsucht nach einer neuen Bescheidenheit und danach, das "real life" erwachsener Zeitgenossen wieder auf der Leinwand zu finden, dass im virtuellen Nirgendwo von Special-Effects-Spektakeln und Superhelden verlustig zu gehen drohte. Wie abgeklärt und moralfrei zudem Sex und Alkohol abgehandelt und Pinot Noir & Co. gar als Gegenmittel gegen allzu grausame Desillusionierung propagiert werden, ist überdies erfreulich.

Birgit Roschy/AP / AP
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