"Super Size Me" Generalangriff auf die Fast-Food-Industrie

In der dokumentarischen Satire "Super Size Me" unterzieht sich der US-Regisseur Morgan Spurlock einem Selbstversuch: einen Monat lang ernährte er sich nur von McDonald's. Gesundheitlich ging es mit ihm bergab.

Es war am Tag Nummer 21, als Morgan Spurlock um sein Leben fürchtete. Mitten in der Nacht war er aufgewacht, das Gewicht von Tonnen auf seiner Brust, er fühlte sich so elend wie nie zuvor in seinem Leben, und er glaubte auch genau zu wissen, woran das lag - McDonald's morgens, McDonald's mittags, McDonald's abends - die Kamera immer dabei, immer nah dran, manchmal näher, als man es sich wünscht.

Man begleitet ihn im Kino bei einem bizarren Experiment, aus dem ein herausragender Dokumentarfilm geworden ist - "Super Size Me" beantwortet die einfache Frage: Was passiert, wenn ich einen Monat lang nur Fast Food esse? 5000 Kalorien am Tag? Nicht ablehnen darf, wenn der freundliche McDonald's-Mitarbeiter fragt, ob man das extra große "Super Size" Gericht wolle, eine Regel, die Spurlock sich zu Beginn des Selbstversuchs auferlegte.

Die Idee zur verfilmten Fressorgie hatte Spurlock, als er vor zwei Jahren bei seinen Eltern nach einem ausgiebigem Thanksgiving-Essen im Fernsehen einen Bericht über zwei fettleibige Mädchen sah, deren Schadensersatzklage gegen McDonald's abgelehnt wurde.

Spurlock kratzte sein gesamtes Geld zusammen und machte sich sofort an die Arbeit - Neuland für den 33-jährigen New Yorker, der bis dahin Werbespots und Musikvideos produziert hatte. Zudem war er Erfinder der TV-Ekelshow "I bet you will", die er an MTV verkaufte, wo man dann Menschen dabei zusehen konnte, wie sie für Geld vor der Kamera etwa ihre Haare hinunterwürgen. Diesmal war es Spurlock, der leiden musste, denn es widerfuhren dem Mann Dinge, die seine schlimmsten Erwartungen übertrafen.

Man sieht ihn nach drei Wochen als bleiches, aufgequollenes und verängstigtes Wrack bei einem seiner drei Ärzte sitzen, die ihn während des Selbstversuchs betreuen und die medizinischen Daten protokollieren. Der Mediziner rät ihm, das Experiment sofort zu beenden. Die Cholesterin- und Leberwerte seien abenteuerlich. Der ehemals fitte, schlanke, gesunde Mann war zu einem aufgedunsenen, depressiven Kranken geworden, der, wie seine Freundin Alex sagt, "im Bett schnell müde wird".

Kann man sich also wirklich an Big Mäcs, Cheeseburger und Pommes frites zu Grunde fressen? Zumindest scheint dies im Bereich des Möglichen. Doch Spurlock machte weiter. Es fehlten ja nur noch neun Tage. Er hielt durch - und brauchte dann 14 Monate, um die mehr als elf Kilo wieder loszuwerden, die er in diesem einen Monat zugelegt hatte. Es wäre natürlich ein ziemlich dummer und nichtsnutziger Film geworden, hätte es Spurlock allein dabei belassen, ihm beim Fressen zuzusehen. Doch dem Mann geht es um ein großes und ernstes Thema: die grassierende Fettleibigkeit in den USA.

Und so interviewt er in seinem Film Wissenschaftler und Ärzte, geht in Schulen und untersucht die Essgewohnheiten von Teenagern, unterhält sich mit Lobbyisten der Ernährungsmittelbranche, trägt unzählige Fakten und erstaunliche Daten zusammen, die in diesen Ausmaßen dann doch überraschen: Zwei Drittel der erwachsenen Amerikaner sind übergewichtig, seit 1980 hat sich die Zahl der Dicken verdoppelt. Fünf Prozent der Erwachsenen haben rund 50 Kilogramm Übergewicht, schlechte Ernährung ist nach dem Rauchen die zweithäufigste vermeidbare Todesursache in den USA, jedes dritte im Jahr 2000 geborene Kind wird Diabetiker werden, und die Behandlungskosten von Zuckerkranken haben sich von 1997 bis 2002 verdoppelt, jeder vierte Amerikaner isst täglich in einem Fast-Food-Restaurant...

McDonald's warf Spurlock vor, einen unrealistischen Film gedreht zu haben. Niemand esse dreimal täglich Fast Food, niemand könne glauben, 5000 Kalorien am Tag würden dem Körper nicht schaden.

Ronald McDonald bekannter als Jesus

Doch Spurlock zeigt, dass die freie Wahl schwierig ist, man dem Fast Food in den USA kaum entgehen kann. Zeigt, wie raffiniert die Konzerne schon Kleinkinder mit Werbung und Spielzeugen ködern, so dass der Vorwurf "Selber schuld" nicht wirklich verfängt. Der Film zeigt im Zeitraffer, was passiert, wenn man sich ein Leben lang mit Fast Food vollstopft. "Was mir nach 30 Tagen passiert ist, passiert dir, wenn du 20, 30, 40 Jahre ungesund lebst, auch wenn du nicht dreimal täglich zu McDonald's gehst" - das ist seine Botschaft. Und Spurlock belegt, wie mächtig Fast Food im Alltag und im American Way of Life verwurzelt ist. In einer Szene zeigt Spurlock Kleinkindern Fotos und bittet sie zu sagen, wer zu sehen ist. Sie erkennen Jesus nicht - aber sie wissen, wer Ronald McDonald ist.

McDonald's brachte der Film in die Klemme, und siehe da: Der Riese bewegte sich. "McDonald's hat inzwischen angekündigt, die 'Super Size'-Gerichte bis Ende 2004 vom Markt zu nehmen, will ein Gymnastikvideo für Kinder herausbringen und hat eine neue Gesundheitskampagne mit den 'Go active!'-Gerichten im Angebot", erzählt Spurlock, der nicht daran glauben mag, dass all dies ohne Anlass geschähe, wie McDonald's immer wieder betont. "Außerdem ist Oprah Winfreys Fitnesstrainer Bob Greene der Sprecher für die Vermarktung der neuen, gesünderen Gerichte", sagt er. "Das ist doch ein schöner Zufall, oder?"

Oliver Link/Hannes Ross


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