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"Tatort": Er läuft und läuft

Als 1970 der erste "Tatort" über den Bildschirm flimmerte, gab man bei der ARD der neuen Reihe eine Lebenszeit von zwei Jahren. Inzwischen ist daraus die längste und erfolgreichste Krimireihe im deutschen Fernsehen geworden.

Er gehört einfach zum gemütlichen, sonntäglichen Fernsehabend - und handelt doch von Mord, Totschlag und anderen menschlichen Abgründen. Auch nach 36 Jahren ist "Tatort" noch die erfolgreichste Krimi-Reihe Deutschlands. Kaum jemand aus der großen Fangemeinde wird aber sagen können, was ihn - abgesehen von Sendeplatz und Vorspann - eigentlich ausmacht. Weder an Gesichter noch an Orte sollte sich der Zuschauer allzu sehr gewöhnen. Mehr als 70 Kommissare und Ermittlerteams waren bislang in ganz Deutschland auf Mördersuche.

Die stete Erneuerung und die Vielfalt waren von Anfang an das Erfolgsrezept des "Tatorts". Sein Erfinder Gunther Witte (WDR) hatte Ende der 60er Jahre den Stein der Weisen entdeckt: Alle Sender der ARD sollten beteiligt werden, und jeder sollte seinen eigenen "Tatort" und den dazugehörigen Kommissar bestimmen können. Das Motto "Jeder macht, was er will" erwies sich in diesem Fall als Volltreffer.

Einige der besten deutschen Fernsehspielproduktionen

Unter all der Serienware, die unter dem Markenzeichen des "Tatorts" zu sehen war, haben sich eine Reihe wirklich brillanter Mord-und-Totschlag-Geschichten eingeprägt. Der allererste Fall unter dem Titel "Taxi nach Leipzig" (1970) mit Kommissar Trimmel (Walter Richter), "Reifezeugnis" (1977), "Peggy hat Angst" (1983) oder "Moltke" (1988) zählen zu den besten deutschen Fernsehspielproduktionen überhaupt. Dabei nutzen die Macher oft genug die Chance, in der Verpackung des Krimis gesellschaftliche Probleme wie Gewalt gegen Ausländer oder Kinderpornografie zu thematisieren.

Aber auch wenn es "nur" um Unterhaltung geht, sind Lebensgefühl der jeweiligen Epoche an den Geschichten abzulesen. Der allererste Fall "Taxi nach Leipzig" schilderte Konflikte, in die Menschen im geteilten Deutschland geraten können. 30 Jahre später war "Quartett in Leipzig" ein gemeinsamer Fall der Kommissare aus Köln und Leipzig.

Menschliche Ermittler

Bei den Fernsehkommissaren sind es die speziellen Marotten, die sie zu Sympathieträgern machen: Der beliebteste "Tatort"-Kommissar der 70er Jahre, der Essener Haferkamp (Hansjörg Felmy), hing mit seiner Ex-Frau in seiner Stammkneipe bei Bier und Bulette herum, der Münchner Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) schmuggelte seinen Dackel Oswald am Pförtner vorbei ins Polizeipräsidium, und Horst Schimanski (Götz George) zeigte nicht nur ein Faible für deftige Kraftausdrücke, sondern auch Körpereinsatz wie kein anderer.

Manfred Krug und Charles Brauer schließlich gingen als die singenden Hamburger Kommissare Stoever und Brockmöller in die Geschichte des "Tatorts" ein. Die meisten Einsätze haben die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr (Miro Nemec und Udo Wachtveitl), bislang löste das Team 43 Fälle.

Neue Gesichter

Derzeit sorgen der Generationenwechsel und zusätzliche "Tatort"-Städte für neue Gesichter: In Frankfurt ermitteln Friedrich Dellwo und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf), beim Landeskriminalamt Hannover Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), in Münster Frank Thiel (Axel Prahl) und der Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) sowie in Konstanz Klara Blum (Eva Mattes) und in Kiel Klaus Borowski (Axel Milberg).

"Der einzelne 'Tatort' funktioniert wie ein Knallbonbon, das seinen Inhalt erst preisgibt, wenn man es öffnet", hat Witte einmal gesagt. Nur das Auge im Fadenkreuz und der Schattenmann zum Stakkato von Klaus Doldingers Musik werden den Zuschauern sicher erhalten bleiben.

Lisa Arns/AP / AP