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"The Host": Mutantentango mit Hirn

"The Host", der erfolgreichste südkoreanische Film, ist eine wilde Mischung aus Gesellschaftssatire, Familiendrama und Slapstick-Comedy. Ein riesiges Fischmutanten-Monster spielt auch mit.

Von Ralf Sander

Ein schöner sonniger Tag in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Unter einer Brücke, die den großen Han-Fluss überspannt, hängt ein Monster. Es lässt sich fallen ins Wasser - und stattet den picknickenden Menschen am Ufer einen Besuch ab, um sich seinerseits einige Happen zu genehmigen. Heran tobt eine lastwagengroße Amphibie mit einem langen Greifschwanz, auf dem Land so behände wie im Wasser und auch schwingend von Stahlträger zu Stahlträger unterwegs. Ein Mutant, halb Echse aus dem "Jurassic Park", halb Reste vom Hamburger Fischmarkt. Das Letzte, was Park Gang-du von seiner Tochter Hyun-seo sieht, ist, wie sie im Fluss versinkt, umschlungen vom Schwanz des Monsters.

Gang-du jobbte gerade im Kiosk seines Vaters. Er ist im Kopf ein wenig zurückgeblieben und seit dem Tod seiner Frau allein verantwortlich für Hyun-seo. Als das Monster angriff, schnappte er sich in der Hektik ein falsches Mädchen, um es zu retten. Hat er versagt? Ist seine eigene Tochter tot?

Sie hat überlebt. Sie meldet sich per Handy aus dem Futterreservoir des Fischmutanten, irgendwo in den Abwasserkanälen der Millionenstadt. Vater, Großvater, Onkel und Tante machen sich auf die Jagd nach dem Wesen. Eine Jagd, die so ganz anders ist als in den üblichen Monsterfilmen.

Godzillas kluger Nachfahre

"The Host", der erfolgreichste südkoreanische Film aller Zeiten, ist ein Monsterfilm, ein Nachfolger des großen japanischen Städteplatttreters Godzillas. Die flinke Amphibie aus Korea hat sogar eine vergleichbare Vorgeschichte wie der viele Nummern größere Vorfahr. In "The Host" ist die Ursache für die Mutation ein fauler Gerichtsmediziner der US Army, der im Jahr 2000 große Mengen Einbalsamierungsmittel einfach in den Ausguss und damit in den Han-Fluss entsorgt hatte. Godzilla verdankte seine Existenz den amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Doch das war's auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Regisseur Bong Joon-ho macht aus "The Host" einen der außergewöhnlichsten Genrevertreter der letzten Jahre, indem er um die zentrale Monsterhatz ernsthaftes Familiendrama, absurden Humor und vor allem bittere Satire drapiert.

Die Park-Familie um das kluge Mädchen, den trotteligen Gang-du und den pragmatischen Großvater funktioniert überhaupt nicht: Hyeon-seos Onkel Nam-il ist arbeitslos, alkoholkrank und verbittert. Tante Nam-joo ist vermutlich Südkoreas beste Sportbogenschützin, doch wenn es darauf ankommt, erstarrt sie vor Angst. Deswegen gewinnt sie bei den Meisterschaften nur Bronze statt Gold. Von Familienidylle keine Spur, der Großvater hat alle Hände voll zu tun, die Streitereien zwischen seinen Kindern zu schlichten. Weil es für westliche Beobachter schwierig sein kann, das Verhalten asiatischer Familienmitglieder untereinander zu "lesen", wirken die Konfrontationen zwischen den Parks bisweilen etwas befremdlich, übertrieben und unangemessen. Dieses Problem des Zuschauers ändert aber nichts daran, dass sich "The Host" bei den Charakteren wohltuend von dem Klischeebaukasten US-amerikanischer Genrefilme abhebt.

Gift und Galle für das System!

Apropos Klischees: Zu einem zünftigen Monsterfilm gehört eigentlich, dass der Staat und seine Armee die Bevölkerung beschützen und das Monster bekämpfen - wie in den "Godzilla"-Filmen oder bei King Kong. Nicht so in "The Host": Die Behörden flüchten sich in Aktionismus und behandeln die Einwohner Seouls, als seien sie die größere Bedrohung: Jeder, der dem Fischwesen begegnet ist, wird interniert. Begründung: Der Mutant sei Wirt (daher der Filmtitel) eines gefährlichen Virus. Mit beißendem Spott nimmt Regisseur Bong Missstände aufs Korn: Die Organisation ist das totale Chaos, alles geht schief. Der Beamtenapparat steckt voller Dilettanten. Bestechung ist gang und gäbe. In der Bevölkerung bricht Hysterie aus, sobald jemand an der Bushaltestelle hustet. Und das US-Militär hat in der Katastrophe auch noch die Finger drin.

Angesichts dieser Masse an Stoff hätte der Film eine bleierne Schwere entwickeln können, die jeden Spaß nimmt. Das Gegenteil ist der Fall - was vielleicht die größte Überraschung dieses koreanischen Blockbusters ist. "The Host" ist trotz aller Vielschichtigkeit und seiner ständigen Verweise auf Vogelgrippe-Panik, Umweltverschmutzung, Terrorismusangst und bestimmte berühmt-berüchtigte Massenvernichtungswaffen vor allem ein schmissiger Mutantentango mit tollen Actionszenen und einem wirklich coolen Monster.

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