"Unterwegs nach Cold Mountain" Große Kinoemotionen, die nicht zünden


Mit viel Vorschusslorbeeren und einer tollen Besetzung läuft das Bürgerkriegs-Abenteuer von Anthony Minghella an. Restlos überzeugen kann "Unterwegs nach Cold Mountain" leider nicht.

Wer ein opulentes Kinoepos über den amerikanischen Bürgerkrieg auf die Leinwand bringen will, muss sich zwangsläufig mit einem der legendärsten Werke der Filmgeschichte messen lassen, nämlich "Vom Winde verweht" aus dem Jahr 1939. Der britische Oscar-Preisträger Anthony Minghella hat also gewusst, was er riskierte, als er den Bestseller "Unterwegs nach Cold Mountain" von Charles Frazier mit großem Aufwand und vielen Stars in Szene setzte.

Erzählt wird die Geschichte des Naturburschen Inman aus einem Nest namens Cold Mountain in North Carolina, der sich in die feine Pfarrerstochter Ada verliebt, aber als Soldat der Südstaaten in die grausigen Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs geschickt wird. Nur mit großem Glück, aber auch schwer verwundet überlebt Inman, der schließlich genug vom Krieg hat und desertiert. Er will zurück zu Ada, die sich nach dem Tod ihres Vaters allein durchs harte Dasein schlagen muss. Allerdings findet sie in der patenten Streunerin Ruby eine Freundin, die alle Probleme entschlossen anpackt.

Nicole Kidman passt nicht recht ins raue Landleben

Es ist die eine entscheidende Schwäche des ansonsten in vielerlei Hinsicht perfekt gemachten, auch hin und wieder bewegenden Films, dass die Liebenden sich nur zu Anfang und am Ende des Films begegnen. Und es ist sein anderes Manko, wie wenig es emotional zündet zwischen den Hauptdarstellern Jude Law als Inman und Nicole Kidman als Ada. Das hat man von den unvergessenen Clark Gable und Vivien Leigh aus "Vom Winde verweht" doch ganz anders in Erinnerung. Besonders die ansonsten so gute Kidman wirkt im rauen Landleben ganz fehl am Platz, dazu wird die Oscar-Preisträgerin von der furiosen Renee Zellwege als Ruby glatt an die Wand gespielt. Und der gewohnt elegant-hintergründige Law ist als Naturbursche übrigens auch nicht so recht vorstellbar.

In Einzelepisoden überzeugend

Grandios und erschütternd zugleich sind die ungeschönten Schlachtszenen im Anfangsteil des 150-minütigen Films. Sie machen es mehr als verständlich, warum Inman schließlich die Reihen der ohnehin auf verlorenem Posten stehenden Südstaaten-Armee verlässt. Was er dann erlebt, könnte unter dem Titel laufen "Soweit die Füße tragen". Inman erlebt auf dem Weg nach Cold Mountain ein gefährliches Abenteuer nach dem anderen. Die beste und emotional gelungenste Episode ist aber die Begegnung mit der jungen Witwe Sara, die er mit ihrem Baby vor marodierenden Soldaten schützen muss. Zwischen Sara, verkörpert von der eindrucksvoll spielenden Natalie Portman, und dem Deserteur knistert es erotisch viel stärker als zwischen ihm und seiner geliebten Ada.

Schales Happyend

Am Ende bietet Minghella, der kaum etwas falsch macht, aber des Guten einfach zu viel will, auch noch eine Prise Italo-Western samt blonder Killerbestie, die wohl nicht ganz zufällig an Klaus Kinski erinnert. Der großen Liebe zwischen Inman und Ada wird auch nach der Heimkehr nicht viel Zeit gegönnt, doch trägt sie noch eine schöne Frucht in Gestalt eines reizenden Töchterchens. Auch das halbe, etwas schale Happyend hat "Unterwegs nach Cold Mountain" in den USA nicht den erhofften ganz großen Erfolg gebracht.

Zu europäisch, also zu distanziert-kritisch schaut der Brite Minghella, der 1996 mit seinem Welterfolg "Der Englische Patient" triumphierte, auf das tragischste Geschehen der US-Geschichte. Das Urteil über diesen Film, der bei der Berlinale sehr gemischte Reaktionen fand, sollte indessen nicht zu schnell gefällt werden. Denn "Unterwegs nach Cold Mountain" gehört zu jenen Werken, die in einigen Jahren noch mehr Anerkennung gewinnen könnten als derzeit. Das betrifft aber nicht die Liebesgeschichte: Die aus "Vom Winde verweht" wird auch dann immer noch das Maß aller Dinge sein. Es gibt eben auch im Kino Ereignisse, die sich einfach nicht mehr übertreffen lassen.

Wolfgang Hübner, AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker