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"Winter's Bone" neu im Kino: Eine echte Dolly!

Ihre Sippe besteht aus feindseligen Drogenkochern und Dealern - doch die 17-jährige Ree traut sich trotzdem, Fragen zu stellen. Independent-Regisseurin Debra Granik ist ein existenzielles, gleich vierfach Oscar-nominiertes Drama aus den Bergen Missouris gelungen.

Kinotrailer: "Winter's Bone"

Mit bleierner Düsternis und spärlichem, kalten Sonnenlicht hat der Winter das südwestliche Missouri in seinen Klauen. In einsamen Wäldern der Ozarkberge leben Menschen mit verwitterten Gesichtern, die - wenn überhaupt - eine raue Sprache sprechen. Zum dysfunktionalen Clan der Dollys gehört die 17-jährige Ree (Jennifer Lawrence). In Debra Graniks archaischem Familiendrama "Winter's Bone" muss sie ganz allein für die Hütte kämpfen, die ihr, ihren kleinen Geschwistern und der debilen Mutter als Zuhause dient. Der atmosphärenstarke, realistische Indie-Film mit Mainstream-, Noir- und Horrorelementen begeisterte weltweit und erhielt sogar vier Oscar-Nominierungen - trotz einiger Unstimmigkeiten zu Recht.

"Wage nicht, Little Arthur und seinen Leuten blöde Fragen zu stellen - du wirst im Schweinetrog enden": Sätze wie dieser knallen Ree um die Ohren, als sie sich aufmacht, ihren Vater zu finden. Der Ex-Häftling, der zu einem Gerichtstermin nicht aufgetaucht ist, hatte sein Heim als Kaution verpfändet. Daher droht die Polizei Rees Restfamilie, für die der Teenager wie eine Mutter sorgt, mit dem Verlust des Dachs über dem Kopf.

Der ruhig voranschreitende Film hat im Nachwuchstalent Lawrence (20) eine beeindruckende, Oscar-nominierte Hauptdarstellerin gefunden: So würdevoll wie präzise verkörpert sie die Heldin, der man beim Erwachsenwerden in bedrohlicher Umgebung nicht von der Seite weichen mag. Hinzu kommen authentisch wirkende Schauspieler sowie Laien aus der Region, die all die Abgewrackten und Dealer verkörpern, die in Holzhütten verstreut in der seltsam malerischen Landschaft hausen.

Feindselig begegnen die Männer und Frauen ihrer jungen Verwandten, die es wagt, nachzuforschen. Schon bald wird spürbar, dass Ree ihr Leben aufs Spiel setzt. Unaufdringlich versteht es Regisseurin Granik, stete Spannung zu erzeugen: Nicht nur, als Onkel Teardrop nach anfänglicher Abwehr mit seiner Nichte durch den Wald fährt, um sie vom Tod ihres Vaters zu überzeugen, spüren die Zuschauer Grauen.

"Winter's Bone" zeigt eine Gegend und einen Menschenschlag, die es tatsächlich gibt: Im gleichnamigen Roman von 2006 hatte der aus Missouri stammende Daniel Woodrell die Geschichte entwickelt. Schlicht und ohne Sozialkitsch würdigt die 49-jährige Co-Drehbuchautorin und Regisseurin Granik diese uramerikanische Szenerie. Aber auch die Mainstream-Idee, dass jeder Mensch es schaffen kann - selbst in auswegloser Lage. Die Vermischung von Arthouse-Geist und Hollywood-Optimismus dürfte man ihrem Werk allerdings auch vorwerfen.

Am meisten fällt auf, welch existenzielle Bedeutung Woodrell und Granik der Familie beimessen. Zwar handelt es sich bei ihren bärbeißigen Dollys um eine Sippe, mit der wohl niemand gern verwandt wäre. Doch verborgene Blutsbande führen selbst diese Menschen immer wieder zu unerwarteten Verbundenheitsgefühlen und Hilfeleistungen. Am Ende sogar zur - mit grellem Horror behafteten - Lösung des Falls. "Ich bin eine Dolly, eine echte", erkennt schließlich Ree selbst - melancholisch und stolz zugleich.

Ulrike Cordes, DPA / DPA