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36. Toronto International Film Festival Druckbetankung mit Oscar-Appeal


Die diesjährigen Internationalen Filmtage in Toronto warten mit vielen Meisterwerken, einigen Skurrilitäten und auch ein paar Flops auf. stern.de verrät, welche Filme Sie sehen müssen.
Von Bernd Teichmann, Toronto

Jetzt erst einmal richtig intensiv den Kopf schütteln und durchatmen. 35 Filme in zehn Tagen, cinematografisches Komasaufen sozusagen. Druckbetankung mit täglich dreieinhalb Kinobesuchen im Durchschnitt. Durchs Hirn mäandert eine zähe Bildermelasse, in der alles Gesehene nur noch schwer auseinander zu dividieren ist. Mehr noch: Man meint zu halluzinieren. War das vor drei Tagen wirklich "Schweigen der Lämmer"-Regisseur Jonathan Demme, der mir telefonierend in der Toilette entgegenstolperte? Der ältere Herr mit schütterem grauen Haar, der im Kino einen Platz weiter saß. War das tatsächlich Brian De Palma? Und der bärtige Kerl mit der Baseballkappe hinter dir in der Morgenkaffee-Schlange bei Starbucks: Sah aus wie "Juno"-Regisseur Jason Reitman. War er wohl auch, schließlich zählen er und sein Vater Ivan zu den größten Sponsoren und Unterstützern des Toronto International Film Festivals (Tiff).

Es gibt kaum ein Festival auf diesem Planeten, bei dem es so schwer ist, keinem Star über den Weg zu laufen. Sie waren wieder alle da, um für ihre Filme über die roten Teppiche zu schweben. Weil sie (und allen voran natürlich ihre Produzenten und PR-Manager) wissen, dass Toronto als größte Kino-Leistungsschau auf dem amerikanischen Kontinent die wichtigste Präsentationsplattform für ihre Produkte ist. Aber auch, weil diese Stadt eine unglaubliche Lockerheit und Cinephilie verströmt. Toronto ist cool und sophisticated. Es macht einfach Spaß, hier zu sein.

Gradmesser für die Oscar-Verleihung

Zugleich ist Tiff immer auch ein ausgezeichneter Seismograph für die Oscars gewesen. Sieben Mal in den letzten zehn Jahren war auch der spätere beste Film des Jahres im Programm. Von den prämierten Schauspielern, Regisseuren und Autoren ganz zu schweigen. George Clooney etwa könnte bei der nächsten Verleihung am 26. Februar 2012 der ganz große Abräumer werden. Als Regisseur und Ko-Verfasser des Drehbuchs darf er sich mit dem smarten Politdrama "The Ides of March" (Start bei uns am 22.12.) gute Chancen ausrechnen, während er mit seiner uneitlen, rührenden Vorstellung als geplagter Familienvater in Alexander Paynes "The Descendants" (Start 19.1.) klar auf "Best Actor"-Kurs ist.

Hartnäckiger Konkurrent könnte der Ire mit deutschen Wurzeln, Michael Fassbender, werden, der als emotional verkümmerter Sexsüchtiger in Steve McQueens "Shame" (Start: Frühjahr 2012) buchstäblich der nackte Wahnsinn ist. Stark ebenfalls der 81-jährige Christopher Plummer, der in seiner furiosen Ein-Mann-Show als Hollywood-Star "Barrymore" zu grandioser Altersform aufläuft, der Franzose Jean Dujardin als gefallener Leinwandheld in dem bezaubernden und zeitlosen Stummfilm "The Artist" (Start: 26.1.) und Woody Harrelson, der einem als durch und durch verkommener Cop in "Rampart" das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Bei den weiblichen Kollegen sollte eigentlich, wenn es in der Welt mal gerecht zugeht, endlich Glenn Close zum Gold greifen. Für ihre bravouröse Leistung als "Albert Nobbs", einem feingliedrigen Hotelkellner im viktorianischen Dublin, der in Wahrheit eine Frau ist, aber ohne die Maskerade keine Aufstiegschancen in der strengen gesellschaftlichen Grundordnung sieht. Eine Nominierung, es wäre die sechste, dürfte ihr sicher sein. Und wohl nur Meryl Streep als "Iron Lady" Maggie Thatcher (der Film lief nicht in Toronto) könnte ihr noch gefährlich werden.

Unerwartete Überraschungen

Oscarverdächtig auch eine Vielzahl namhafter Regisseure mit ihren neuen Werken. Neben Clooney und Alexander Payne etwa David Cronenberg und sein Psychodrama "A Dangerous Method" (Start: 10.11.), Werner Herzogs beklemmende Doku wider die Todesstrafe "Into The Abyss", Bennett Millers unkonventioneller Baseballfilm "Moneyball" (Start: 8.12.) oder Roland Emmerichs "Anonymus" (Start: 3.11.) über die vermeintlich wahre Identität William Shakespeares.

Auch dieses Jahr lauerten unter den 336 Produktionen wieder unerwartete Überraschungen und überraschende Enttäuschungen. Die großen Lieblinge waren neben "The Ides of March" und "The Descendants" das krude Stuntfahrer-Action-Drama "Drive" (Start: 26.1.), in dem Ryan Gosling sich auf der Überholspur Steve McQueens Coolness nähert, das drollige Boulevardstück "Hysteria" (Start: 22.12.) über die Erfindung des Vibrators, Nick Murphys cleverer Geister-Thriller "The Awakening" und das schleichend bedrohliche Drama "Take Shelter" (Start: 1.3.), in dem Michael Shannon von Weltuntergangs-Visionen gepeinigt wird.

Altmeister Francis Ford Coppola irritierte indes mit seiner kleinen, an frühe Roger-Corman-Tage erinnernden Horror-Fingerübung "Twixt", Marc Foster ("Ein Quantum Trost") präsentierte mit "Machine Gun Preacher" den bizarrsten Film seiner Karriere um einen Ex-Biker und Drogenealer (Gerard Butler), der, von Jesus erleuchtet, im Sudan zum schussgewaltigen Schutzengel verwaister Bürgerkriegskinder avanciert. Und Luc Besson scheiterte schließlich mit seinem Versuch, in "The Lady" (Start: 15.3.) das Wesen und Leben der burmesischen Freiheitskämpferin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi mit angemessener Tiefe zu ergründen.

Ein ausgesprochen starker Jahrgang

Mit David Hares Spionage-Thriller "Page Eight" endete am Sonntagabend die 36. Auflage des International Toronto Film Festival. Es war ein ausgesprochen starker Jahrgang, der erneut demonstrierte, dass Tiff inzwischen zu den drei großen Playern Cannes, Venedig und Berlin aufgeschlossen hat. Übrigens auch als Handelsplatz für Produktionen, den einige Verleiher und Produzenten sogar vor dem renommierten American Film Market oder dem European Film Market während der Berlinale sehen (Lars von Triers nächstes Werk "Nymphomaniac" etwa wurde schon nach Russland verkauft, obwohl es noch gar kein Drehbuch gibt).

Nach dem letzten Vorhang beginnt bereits der Coundown für Tiff 2012. Und obwohl das Festival jährlich umgerechnet 126 Millionen Euro in die Stadt spült, soll es ebenfalls im Rahmen der geplanten Kultur-Etatkürzungen von 4,5 Millionen Euro den Gürtel etwas enger schnallen. Sollte das durchgewinkt werden, kann man nur hoffen, dass das qualitativ keine spürbaren Auswirkungen hat auf die lässigste und schönste Filmparty der Welt.

Oder, um es (mal wieder) mit George Clooney zu sagen: "Ich habe die meiste Zeit getrunken. Mir wurde gesagt, genau das sollte ich machen, wenn ich in Toronto bin." Cheers.


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