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Praktikanten statt Volonteers: So umgeht die Berlinale den Mindestlohn

Vom Gästebetreuer bis zum Lichtdouble: Die Berlinale braucht hunderte Hilfskräfte. Anstatt allen Mindestlöhne zu zahlen, müssen nun die billigeren Praktikanten ran.

Den Roten Teppich rollt die Berlinale nicht gerade für ihre Hilfskräfte aus. Unter den 1300 Mitarbeitern sind auch 120 Praktikanten. Sie bekommen gerade mal einen Stundenlohn von 2,56 Euro.

Den Roten Teppich rollt die Berlinale nicht gerade für ihre Hilfskräfte aus. Unter den 1300 Mitarbeitern sind auch 120 Praktikanten. Sie bekommen gerade mal einen Stundenlohn von 2,56 Euro.

Es ist Silvester. Das neue Jahr ist zum Greifen nahe. Und mit ihm die 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Katja K. freut sich schon wie Bolle auf die Berlinale. Seit vier Jahren arbeitet sie jeden Februar zwei Wochen lang als sogenannter Volonteer des Festivals. Der Deal: Die Berlinale zahlt eine Aufwandsentschädigung um die 200 Euro, händigt dem Volonteer dazu aber noch einen Festivalpass aus. Der Hilfsarbeiter hat also freien Zugang zu den Kinos, erlebt Premieren, Debatten und Stars hautnah mit. So macht man Selbstausbeutung attraktiv. Selbst Katja K., hauptberuflich Dozentin, findet das in Ordnung. Für die 41-Jährige ist die Berlinale so etwas wie Kultur-Urlaub. Party und Arbeit. Lebensglück.

Katja K. ist normalerweise bei der Berlinale Assistentin eines Saal-Managers: "Saalmanager werden normal bezahlt, ihre Assistenten nicht", sagt sie. Trotzdem hätte sie es auch 2015 wieder getan. Doch an Silvester kam die Absage per Mail. Das staatlich organisierte Filmfestival teilte mit: Ab sofort gibt es keine Volonteers mehr. Weil der Deal nicht mehr funktioniert. Laut Gesetz müsste die Berlinale den Volonteers nun einen Mindestlohn zahlen, 8,50 Euro pro Stunde. Das will aber keiner, nicht einmal in der seit mehr als einem Jahrzehnt von den Sozialdemokraten regierten deutschen Hauptstadt.

Praktikanten für 2,56 pro Stunde

Stattdessen beschäftigt die Berlinale nun Praktikanten. Sie bekommen 400 im Monat für 39 Arbeitsstunden in der Woche, also ziemlich genau denselben Satz wie die Volonteers, die offiziell nur 35 Stunden pro Woche arbeiten durften. Damit bleibt das Filmfestival kilometerweit unter Mindestlohnniveau - statt 8,50 Euro pro Stunde gehen die Helfer mit rund 2,50 pro Stunde nach Hause. Das ist schäbig, aber legal. Die Jobs auf der Berlinale gelten nun offiziell als Lehr- und Lernstunden für Studenten, als interessante Möglichkeit der Aus- und Fortbildung. Allerdings nur für jene, die definitiv nicht unter das Mindestlohngesetz fallen. In ihren Praktika-Ausschreibungen erwähnen die Internationalen Filmfestspiele Berlin - ein Geschäftsbereich der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) GmbH - ausdrücklich: "Ein Praktikum setzt voraus, dass Sie sich in einer Ausbildung bzw. einem Studium befinden. (...) fügen Sie bitte Ihrer Bewerbung auch den Nachweis bei, dass die Studienordnung ein Pflichtpraktikum vorsieht."

An die 120 Praktikanten wurden so auf Positionen gesetzt, auf denen bisher 150 Volonteers arbeiteten. Zu den 400 Euro gibt es noch die Mitarbeiterparty am Ende des Festivals und die Chance via Mitarbeiterpass in die ein oder andere nicht voll besetzte Vorstellung zu schnuppern. Am Ende bleibt ihnen ein Trinkgeld. Wenn man bedenkt, was das Festival für die einzelne Rund-Um-Betreuung eingeflogener Hollywood-Stars springen lässt - von privater Limousine, über Fünf-Sterne-Hotel und eigenem Gästebetreuer - ein starkes Stück.

Peinliche Details vom größten Publikumsfestival der Welt

Katja K. ist enttäuscht. Ein paar der Berlinale-Stellen wurden zwar in Bezahljobs umgewandelt, ihrer gehörte aber nicht dazu. Als fertig ausgebildete Musikwissenschaftlerin, Coach und Dozentin hat sie ab sofort keine Chance mehr, mit dem ihr ans Herz gewachsenen Team zusammenzuarbeiten. "Die mussten das Personal so gut wie komplett austauschen", sagt Katja ernüchtert.

Um das größte Publikumsfestival der Welt zu stemmen, bedarf es vieler fleißiger Hände. Laut der Berlinale sorgen mehr als 1300 Mitarbeiter dafür, dass die 975 Vorführungen in 25 Kinos organisiert werden und von statten gehen können. Rote Teppiche müssen ausgerollt, Kinosäle hergerichtet, Leinwände bespielt, Stars glücklich, Journalisten mit Infos versorgt und Jacken an der Garderobe aufgehängt werden. Das können die über das ganze Jahr festangestellten 40 Mitarbeiter der Berlinale natürlich nicht alleine leisten. Der Rest der Crew wird saisonal und nach Bedarf dazu geholt.

Probleme, neue, begeisterte und so gut wie umsonst arbeitende Helfer zu finden, hatte die Berlinale nicht. Wer beruflich auch über die Berlinale hinaus Events organisieren möchte, kann hier vielleicht tatsächlich etwas lernen. Unterm Strich aber nutzt die Konstruktion vor allem der Berlinale - was den Verantwortlichen peinlich zu sein scheint. Eine Stellungnahme ist über das Pressebüro der Berlinale nicht zu bekommen. Die Sprecherin ist angeblich nicht zu erreichen, Festivalchef Dieter Kosslick hat nur öffentlich bestätigt, dass es so ist, wie es ist.

443 Filme aus 72 Ländern

2014 wurden 325.000 Eintrittskarten verkauft, und auch in diesem Jahr säumen die endlos langen Schlangen filmverrückter Fans die Plätze vor den zentralen Ticketvorverkauf-Stellen. Ob die Besucher wissen, dass nur ein verschwindend geringer Beitrag ihrer Ticketgelder an die jungen Mitarbeiter an den Infoschaltern wandert?

Noch bis zum 15. Februar werden 443 Filme aus 72 Ländern gezeigt, darunter viele Welt- und Europapremieren. Wenn Sie die Bilder der über den Roten Teppich huschenden Berlinale-Stars in den Medien zu Gesicht bekommen, denken Sie immer daran: Es ist nicht alles Gold was glänzt. Bär hin oder her.

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