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Berlinale für Anfänger: Ein persönliches ABC für Festivalbesucher

Was ist wo? Und was wird wichtig? Für altgediente Profis ist die Berlinale ein Kinderspiel. Für andere ist sie eine Herausforderung. 250 Filme in zehn Tagen? Auch unser Autor ist neu. Für alle Anfänger stellt er sein persönliches ABC zusammen.

Von Florian Güßgen

E wie Eröffnungsfilm/Eröffnungsgala

Der Eröffnungsfilm ist der erste Film, der auf dem Festival gezeigt wird. Die Vorführung findet im Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz statt. 1600 Zuschauer passen da rein, die Leinwand ist 17,6 Meter mal acht Meter groß. Eigentlich ist der Berlinale Palast ein Musical Theater. In diesem Jahr hieß der Eröffnungsfilm "Man to Man" und stammt von dem französischen Regisseur Régis Wargnier. Hauptdarsteller sind Joseph Fiennes ("Shakespeare in Love"), der Bruder des Englischen Patienten Ralph Fiennes ("Der Englische Patient"), und Kristin Scott Thomas, die glücklose Geliebte des Englischen Patienten, und zwei Schauspieler, die tatsächlich aus dem Pygmäen-Volk stammen.

Hunderte jubelten gerade Frau Scott Thomas zu, als sie am Donnerstag den roten Teppich betrat. Dabei wirkte die Dame eigentlich recht lustlos. Bei der Pressekonferenz am Nachmittag wurde ihr die interessante und berechtigte Frage gestellt, wo denn nun die Unterschiede lägen zwischen den beiden Fiennes-Brüdern Ralph und Joseph. Sie müsse das ja wissen, weil sie immerhin mit beiden gedreht habe. Reichlich uninspiriert antwortete Scott Thomas, ein Vergleich erlaube sich nicht, denn schließlich seien die beiden ja Individuen. Aber sie möge die Familie und drehe derzeit einen Film mit der Fiennes-Schwester. Aha. Auch eine weitere Frage möchte sie nicht so recht beantworten, weil das, was sie hätte sagen können, sagt sie, hätte ja ohnehin schon Ralph, sorry, Joseph Fiennes beantwortet.

Mindestens genauso wichtig wie der Eröffnungsfilm selbst ist die Eröffnungsgala, die im Palast stattfindet. Dieses Jahr luden Staatsministerin Christina Weiss und der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, ein - sie baten um "festliche Kleidung". Allzu ernst sollte man diesen Empfang jedoch nicht nehmen - die Reden werden alle bei der Vorführung gehalten. Dafür schafft er, gerade für Journalisten, eine wunderbare Gelegenheit, andere Journalisten zu betrachten. Der Wein ist umsonst und das Buffet hervorragend. Zudem ist der Keller des Berlinale Palastes, in dem das Buffet stand, durchaus bemerkenswert.

Das Gemäuer ist schwer, wie einem mittelalterlichen Rittersaal nachempfunden, unpassend dazu stehen auf dem mächtigen Kaminsims an einer Seite des Kellers aber die Büsten einiger Griechen, die buntbemalten Kirchenfenster tun dann noch das Übrige zu der architektonischen Verwirrung. Um Mitternacht spielte in diesem Jahr eine Band, eine afrikanische, weil sich das gesamte Festival um diesen Kontinent kümmert und weil der Eröffnungsfilm zum Teil auch dort spielt. Der Sänger trug Jeans und Chucks und die Musik klang ein bisschen nach Paul Simons "Graceland". Sehr schön.

F wie Feste

Feste sind wichtig auf der Berlinale, natürlich nicht für die gemeine Öffentlichkeit, sondern vor allem für die Profis - die Regisseure, die Schauspieler, die Produzenten, die Filmverleiher und natürlich, ganz besonders, für die geifernde Journaille, die hinterherhechelt, um möglichst früh möglichst viel mitzukriegen, was die Regisseure, Schauspieler, Produzenten und Filmverleiher machen.

Das Prinzip ist einfach. Für jeden Film gibt es Presseagenten. Diese Presseagenten sind oftmals auch die Hüter der Gästelisten - im feinen Adlon-Hotel, im Trésor-Club, im Umspannwerk oder irgendeiner anderen "Top-Location", wo man natürlich hinmuss. Hat man es geschafft, dank eines auflagenträchtigen Mediums, eines guten Namens oder erniedrigender Bettelei auf die Liste zu kommen, so findet diese meist am Abend der Premiere des jeweiligen Films statt.

Problematisch ist lediglich, dass diese Feste oft sehr spät sind, erst knapp vor Mitternacht beginnen. Und so kann es passieren, dass der Cineast, kurz nachdem er sich in das schwarze, schicke, künstlerische Outfit geworfen hat, auf dem Bett des Hotelzimmers friedlich entschlummert.

L wie Leberkäse

Selbstredend. Auf der Berlinale muss niemand verhungern, weder die Allessehendürfer noch die Einzelkartenbesitzer. Für die Großkopferten gibt es ohnehin unzählige Schnittchen-Gelegenheiten, für alle anderen bieten Restaurants, Bars, und Cafés rund um den Potsdamer Platz alles, was man so braucht. Zwei Orte darf jedoch kein stilbewusster Berlinale Besucher verpassen: Den bayerischen Stand im Untergeschoss der Potsdamer-Platz-Arkaden und den Geheimtipp.

Aber zunächst zu der bayerischen Braterei. Vergessen sie die schicken Restaurants im Hyatt Hotel oder im Sony Center, denn der wahre Geist dieser internationalen, multikulturellen und politisch motivierten Filmfestspiele lässt sich auf ein simples Gericht herunterbrechen: "Leberkäse in Schrippen für 2 Euro". In Bayern, lieber Leser, aber auch schon in München, würde der Koch, die Bedienung, der Restaurant-Manager oder alle, die für dieses Angebot verantwortlich sind, justament gemeuchelt werden, von einem wütenden Mob in Stücke gerissen. "Leberkäse in Schrippen", alleine mit diesem Gericht werden fürchterliche Schlachten, ethnische Konflikte, tief sitzende Vorurteile zwischen zwei Bevölkerungsgruppen einfach beiseite gewischt. Auf der Berlinale ist das anders. Hier wird ein Neuanfang gewagt. Hier gedeiht der Geist dieses auch ansonsten sehr politischen Festivals - er lebe hoch!

Das zweite Muss ist der Geheimtipp. Der Geheimtipp befindet sich ein wenig abseits des allgemeinen Berlinale-Stroms in etwa 100 Meter Gehweite von der S-Bahnstation Potsdamer Platz. In der Köthener Straße 44 gibt es die Homebase Panorama Lounge. Nachdem in der Filmsektion "Panorama" ohnehin die coolsten Filme gezeigt werden, gibt es dazu auch die passende Lounge. Als Sitze dienen aufeinander gestapelte Europaletten, über die kleine Polster gelegt sind, an einer coolen, unaufgeregten Bar gibt's Bier, guten Kaffee, süße Teilchen und, jawohl, Suppen. Irgendwie sieht alles aus wie in einem Studio und an die Decke werden Filmszenen projiziert. Eine Wohlfühl-Bar, selbst der Hot Spot für die WLan-Verbindung des Laptops fehlt nicht.

Ab zehn Uhr morgens kann sich der langsamer getaktete Berlinalebesucher hier etwas zurücklehnen und die Zeit vorbeiziehen lassen, bei Bedarf bis zum nächsten Morgen um drei Uhr. Dabei ist die Panorama-Homebase, zumindest die meiste Zeit, nicht nur etwas für Badge-Träger, also Leute, die irgendwie Film-Profis sind, sondern für jeden Menschen zugänglich - genau das richtige nach einem vernünftigen Leberkäse in der Schrippe.

P wie Pressefächer

Die Presse ist wichtig für die Berlinale. Mehr als 3600 Journalisten aus 80 Ländern kommen nach Berlin. Alle - egal, ob sie Rundfunk-, Print- oder Onlinemedien arbeiten - interessieren sich für Filme. Ein wunderbarer Job: Von morgens bis abends gehen die Kritiker ins Kino, manche drei bis viermal am Tag.

Alle Journalisten wissen, dass sie im Prinzip furchtbar privilegiert sind, weil sie fürs Filmeschauen bezahlt werden. Gejammert wird doch viel, weil, hach, Filmeschaun doch sehr anstrengend ist. Ist ja schließlich Arbeit. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass nicht alle Journalisten gleich sind. Es gibt Kenner und Ignoranten. Ein erstes Indiz für einen Kenner ist das Pressefach. Im Kellergeschoss des Berlinale Palasts gibt es Hunderte davon. Von vorne sehen sie aus wie flache Briefkästenbatterien in Fünfziger-Jahrebauten. Von hinten sind sie offen, so dass die zwei freundlichen mittelalterlichen Damen, die dort arbeiten, immer die neuesten Infos zu Filmen, Terminen, Reihen nachfüllen können.

Eine Kollegin fragte ich, ob man per Pressefach auch Dates verabredet, à la "Heute Abend, 23.45 Uhr, nach der Special-Surprise-Aufführung in der Hotel-Lounge, Freu’ mich. P.?" Die Dame, definitiv eine altgediente Kennerin und Berlinale-Korrespondentin für eine Zeitung im deutschen Süden, zerstörte die Fantasie. "Nein", sagte sie. "Wenn, dann vielleicht früher. Jetzt gibt es ja Mobiltelefone". Auch wieder wahr.

Wer sich nicht rechtzeitig ein Pressefach reserviert hat, der bekommt keine rote Berlinale-Hängetasche, mit der man auf andere Festivals gehen kann, sondern nur einen schwarzen Leinenbeutel. Pressematerialien erhält der Fachlose von einer Art Kino-Wühltisch, auf dem die beiden Fächerdamen jene Papiere, die von der Fächerverteilung übrig sind, deponieren. Im Übrigen sind die Damen auch dafür verantwortlich, das hin und wieder grundlos ungehobelte Journalisten-Volk zu disziplinieren. Einen mosernden älteren Kollegen ohne rote Tasche - muss aber mal ein Kenner gewesen sein - bedienten sie freundlichst. Als er sich, weiter maulend, abwandte, riefen sie ihn her: "Danke hätten Sie ja zumindest sagen können."

T wie Tickets

Eigentlich gibt's ja verschiedene Berlinalen. Da sind die Regisseure und Schauspieler, die wirklich dazugehören, dann gibt es die Journalisten, die mit ihren Akkreditierungen um den Hals durch die Berlinale-Hallen stromern und so tun, als ob sie dazu gehören würden, und dann ist da noch das gemeine Publikum, von dem alle sagen, dass es dazu gehört.

Freilich ist es für den Filmliebhaber etwas schwerer, an Karten zu kommen, als für den akkreditierten Menschen, der zumindest für alle Wettbewerbs-Filme freien Zutritt hat. Also, zuerst muss man mindestens 18 Jahre alt sein, um sich auf der Berlinale einen Film ansehen zu dürfen. Nur für das Kinderfilmfest gilt das nicht. Dann gibt es für das Publikum ein bestimmtes Kontingent, das man online bestellen kann. Hat der Filmliebhaber eine Bestätigung erhalten, darf er sich vor den Berlinale-Häuschen in den Arkaden am Potsdamer Platz - einer riesigen Shopping Mall à la USA - anstellen.

Die gebuchten Karten können frühestens zwei Stunden nach Kauf zwischen 10 Uhr und 19.30 Uhr am Info-Counter der Berlinale in den Arkaden am Potsdamer Platz abgeholt werden. Im Übrigen gelten beim Online-Kartenkauf die gleichen Vorverkaufsfristen wie an den Vorverkaufskassen.

Der Kartenvorverkauf selbst findet jeweils drei Tage im Voraus, für die Wiederholungen der Wettbewerbsfilme vier Tage im Voraus statt. Am Tag der Vorstellung sind Eintrittskarten nur an den Tageskassen der Kinos erhältlich. Ein besonderes Schmankerl bietet Berlinale-Chef Dieter Kosslick der Öffentlichkeit am 20. Februar. An diesem Sonntag, wenn alles vorbei ist, die Goldenen und Silbernen Bären verliehen sind, zeigt die Berlinale noch einmal Filme aus allen Kategorien zum reduzierten Einheitspreis von sechs Euro pro Ticket. Alle anderen, die dazugehören, - Regisseure, Schauspieler, Journalisten - werden dann wahrscheinlich schon weg sein.

Z wie Zigarette

Klar, das Klischee gilt nach wie vor. Jeder halbwegs kreative Mensch muss rauchen, gerade der Filmmensch, einerlei ob Filmemacher, Filmbetrachter oder Filmkritiker. Und so rauchen sie. Im Foyer des Hyatt-Hotels gegenüber dem Marlene-Dietrich-Platz oder in einem der zahlreichen Kaffee-Bar-Ketten-Filialen rund um den Potsdamer Platz. Wir sind ja schließlich im alten Europa, und nicht im sterilen Hollywood, auch wenn die Kaffeelattemachiattolargezumhiertrinken-Läden fast alle von den USA aus gesteuert werden.

Trotzdem, so langsam wird auch hier die Gesundheit zum Fetisch und so gibt es auch auf der Berlinale einige Örtlichkeiten, an denen die Fluppe sich wirklich nicht geziemt. So ein Ort ist der Saal der Presskonferenz mit Superregisseuren und Superschauspielern (jeder Auftritt von Superstars wird auch live auf einer großen Leinwand vor dem Berlinale Palast übertragen).

Die Konferenz findet statt in einem großen Saal mit einem Podium mit Berlinale-Poster dahinter, einer Menge Stühle und einer Armada von Kameras an der hinteren Wand. Da raucht die plebejische Journaille nicht, wenn ihr etwa die zauberhafte Chinesin Bai Ling, Schauspielerin und eine der von irgendeinem Magazin zertifizierten 50 schönsten Frauen, gegenüber sitzt?

Nur eine, die Allergrößte der Großen, pfiff auf das stillschweigende Nichtraucher-Gebot. Eine Französin, klar: die Deneuve. Schon in ihrem Film "Les Temps qui changent" hatte sie eine stilvolle Dame gespielt, die die übliche französische philosophisch-psychologische Nabelschau auf schön banale Handlungen herunterbrechen kann. Im Hyatt-Hotel stellte die Deneuve nun unter Beweis, dass sie dazu auch im wirklichen Leben fähig ist. Im allgemeinen Fragengeplänkel antwortete sie kurz und prägnant, je nach Bedarf auf Französisch oder Englisch. Irgendwann dann zog sie eine Schachtel superdünner Zigaretten und ein Feuerzeug hervor und steckte sich, ohne eine Mine zu verziehen, eine Kippe an. Weil gerade kein Aschenbecher vor ihr stand, aschte sie in ihr Wasserglas. Dummerweise zog der Rauch der Deneuve dann auch noch dem sehr bemühten Moderator des Podiums ins Gesicht.