Berlinale-Tagebuch Berlin ist voller Dänen


Der Eröffnungsfilm "Snow Cake" hat der Berlinale diesmal einen gelungenen Start beschert. Sigourney Weaver brachte sogar ein wenig Hollywood-Flair an die Spree. Auch das weltpolitische Geschehen fand am Potsdamer Platz seinen Niederschlag.

Also diesmal kann man wirklich schwerlich meckern über den Eröffnungsfilm. Seine beiden Hauptdarsteller, im Volksmund auch Stars genannt, sind tatsächlich angereist und geben sich auf dem roten Teppich den wetterharten Fans hin. Der Film bringt sein Publikum manchmal zum Weinen, manchmal zum Lachen, was will man mehr von gutem Kino? Er hantiert besonnen mit großen Themen wie Behinderung, Rache, Trauer, Schuld und Freundschaft. Und er heißt "Snow Cake", und wie bestellt fing es vor der Eröffnungs-Gala tatsächlich an dick zu schneien auf diese bemerkenswerte Ansammlung hässlicher Hochhäuser, im Volksmund auch Potsdamer Platz genannt. Internationale Filmfestspiele Berlin, die Sechsundfünfzigste: Auftakt geglückt - es kann mal wieder losgehen.

Ob sich was geändert hat seit dem letzten Jahr? Nun, die seltsame Riesenbaustelle unter dem Veranstaltungszentrum ist immer noch eine seltsame Riesenbaustelle (Erinnert sich eigentlich noch irgendjemand an die sagenumwobene "Kanzler-U-Bahn?"). Die Berliner ziehen sich weiterhin schlecht an und bevorzugen Jeans statt Smokinghose. Vor dem Berlinale-Palast hat das ZDF ein Fernsehstudio hingeklotzt, das an einen Westwall-Bunker erinnert. Ach ja, und das Festival, das wieder mehr als 350 Filme in mehr als 1100 Vorstellungen für mehr als 3800 Journalisten aus mehr als 2,4 Quadrillionen Ländern auffährt, ist auch heuer extrem politisch und sozial und überhaupt. Bisher augenscheinlichster Beweis: Ein als Wikinger verkleideter Aktivist schwenkt neben dem roten Teppich ein Schild "Wir sind alle Dänen!".

Der Mörder und die Autistin

"Snow Cake" spielt aber in Kanada, ist garantiert politikfrei und handelt von drei einzigartigen Frauen und einem schnoddrigen alten Mann. Der Mann (Alan Rickman), ein frisch entlassener Mörder, will seine Ex besuchen und gabelt unterwegs eine lebenslustige Anhalterin auf. Bei einem fremd verschuldeten Autounfall stirbt das Mädchen, er fühlt sich trotzdem schuldig und kümmert sich von da an um ihre autistische Mutter (Sigourney Weaver). Und lernt deren hübsche Nachbarin (Carrie-Anne Moss) kennen und lieben. Der walisische Regisseur Marc Evans hält dabei feinfühlig die Balance zwischen Komödie und Tragödie und vertraut ganz auf seine exquisiten Schauspieler.

Den ganzen Schnee im Film könnte man jetzt natürlich zu wunderbaren Metaphern über Autismus häufen. Ist doch jede Flocke ebenso klar organisiert und doch absolut einzigartig wie die Patientin mit der rätselhaften Krankheit. Vom Schillern und Schmelzen und Tauen wollen wir erst gar nicht anfangen. Doch die Drehbuchautorin, die selbst einen autistisches Kind hat, wollte während der Pressekonferenz zur tiefenpsychologischen Bedeutung des gefrorenen Regens nur eines sagen: "Der ist nur im Film, weil mein Sohn ihn ständig isst." Snow Cake eben.

Wenig redselig gab sich auch die Jury bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt. Die versammelten Damen und Herren mögen zwar individuell große künstlerische Meriten erworben haben - der Produzent der Coppolas, das Auge Spielbergs, die Bollywood-Legende, der Avantgarde-Künstler, die koreanische Elfe - auf dem Podium wirkte es eher wie ein Konferenz zum Thema: Muffeln, Maulen und Verspannt-Gucken für Fortgeschrittene. Die frostige Jury-Präsidentin Charlotte Rampling hielt sich konsequent im Vagen: "Ich habe keine Erwartungen an die Filme. Ich will überrascht werden." Nur Armin Mueller-Stahl versprühte ein wenig Esprit, lobte Berlin als eine "vertraute Unbekannte" und sinnierte über die Schwierigkeiten aus fünf gleichwertigen Beiträgen am Ende einen preiswürdigen zu wählen. Mueller-Stahls Hoffnung: "Ich denke, wir sind eine schöne Gruppe. Wir werden uns nicht die Köpfe einschlagen." Vielleicht ist er ja auch ein Däne...

Matthias Schmidt


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