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Mario Adorf: "Ich bin ziemlich beschimpft worden"

Schauspieler Mario Adorf hat vorübergehend die Seiten gewechselt und ist Mitglied der Berlinale-Jury. Im stern.de-Interview spricht er über diese ungewohnte Rolle, Schweigepflicht und gefährliche Halbsätze.

Im 5. Stock des Berlinale-Palastes sitzt ein leicht übermüdeter Mario Adorf (76) im blauen Hemd in einem schwarzen Sessel und stöhnt leise über die Terminhetze. Jeder Tag ist von morgens bis abends verplant. Erst Filme. Dann Essen. Dann manchmal noch Partys und Empfänge. Der "Ernste-Laune-Bär" (taz), unser "international bekanntester deutscher Charakterdarsteller" (Berlinale-Chef Dieter Kosslick) spielte in mehr als 120 Film- und Fernsehrollen und ist zum ersten Mal Mitglied der siebenköpfigen Berlinale-Jury.

Herr Adorf, wie viele der 22 Filme im Wettbewerb haben Sie schon gesehen?

18 insgesamt. Wir sehen täglich drei Filme. Über meine Favoriten darf ich natürlich nichts sagen. Deshalb gehe ich auch nicht auf alle Partys, damit ich nicht in die Verlegenheit komme, schweigen zu müssen, wenn die Kollegen mich aushorchen wollen.

Der Eröffnungsfilm "La vie en rose" über das Leben von Edith Piaf ... ?

... läuft im Wettbewerb. Darf ich natürlich auch nichts zu sagen. Nur soviel: Edith Piaf singt im Original, und das ist sehr schön. (grinst)

Der amerikanische Jury-Präsident Paul Schrader war 1987 schon mal in der Jury. Damals, sagte er, sei man bei den Sitzungen aufgestanden, um sich besser anschreien zu können. Wie ist das heute?

Moderater. Bisher ziemlich harmonisch. Wir treffen uns insgesamt viermal. Schrader hat übrigens darüber später ein Theaterstück geschrieben und mit der Berlinale-Jury von 1987 abgerechnet. Ich hoffe nicht, dass er das diesmal wieder tut.

Sie sagten neulich: Ich bin kein Cineast...

Dafür bin ich ziemlich beschimpft worden, als ahnungsloser Idiot, oder so. Völliger Quatsch. Das war nur der halbe Satz. Ich wollte sagen: Ich bin kein Cineast, der alle Schnitte von Hitchcocks "Psycho" im Kopf hat. Ich habe keine besessene Insider-Kenntnis, wer wie viele und welche Filme gemacht hat. Aber natürlich kann ich Filme beurteilen.

Wann ist ein Film gut?

Wenn er mir intelligent eine gute Geschichte erzählt. Denn ich bin ein ganz normaler Kinogänger. Ich will mich im Sessel zurücklehnen und mich gefangennehmen, rühren lassen, oder mich freuen. Als Juror muss ich natürlich genauer hinschauen: wie ist der Film geschnitten, wie wird die Musik eingesetzt, wie sind die einzelnen schauspielerischen Leistungen.

Viele Wettbewerbsfilme - "Das Leben der Edith Piaf", "The Good German", "Der gute Hirte", oder "Die Fälscher" - beschäftigen sich mit der Historie des letzten Jahrhunderts. Zu vergangenheitslastig? Zu viel Politik? Zuwenig Glamour?

Das würde ich so nicht sagen. Piaf ist durchaus auch Glamour. Und Filme sagen immer etwas aus über das kulturelle Gedächtnis der Menschen. Aber abschließend kann ich auch das noch nicht beantworten.

Würden Sie noch mal Jury-Mitglied werden?

Eher nicht. Es ist sehr anstrengend. Ich bin von morgens bis Mitternacht unterwegs. Ich bin lieber ein ganz normaler Festival-Besucher, der ins Kino und auf Partys gehen und unbefangen mit Kollegen schwatzen kann. Dazu hab ich jetzt keine Zeit. Ich hab noch nicht mal meinen Enkel in Berlin gesehen.

Interview: Gerda-Marie Schönfeld