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Tag 3: Zwischen "Bonnie und Clyde" und leichter Übelkeit

Schon vor Beginn des Festivals war Berlinale-Boss Dieter Kosslick ins Schwärmen geraten. Die Filme, die dieses Jahr in der Retrospektive laufen, hätte er gerne im Wettbewerb gehabt.

Schon vor Beginn des Festivals, vor der allerersten Vorführung, war Berlinale-Boss Dieter Kosslick ins Schwärmen geraten. Die Filme, strahlte er, die dieses Jahr in der Retrospektive "New Hollywood 1967 - 1976" laufen, hätte er gerne im Wettbewerb gehabt. Das sollte natürlich vor allem Werbung sein für die 60 Werke zwischen den zwei großen Landmarken "Bonnie und Clyde" (1967) und "Taxi Driver" (1976), die Hans Helmut Prinzler, der Leiter der Retrospektive, mit traumwandlerischer Sicherheit ausgewählt hatte.

Das Kino ist nicht von der Stelle gekommen

Doch wer sich die bisherigen Wettbewerbsbeiträge anschaut, die Psychodramen "Morgengrauen" aus Schweden und "Confidences trop intimes" aus Frankreich oder den US-Western "The Missing" und sie mit den rund 30 Jahre früher entstandenen, ersten Filme von Altman, Cassavetes, Coppola (Francis Ford natürlich, Sophia spielte damals noch mit Puppen), Spielberg, Scorsese oder Peckinpah vergleicht, muss erkennen, dass das Kino seit dieser Zeit nicht wirklich von der Stelle gekommen ist.

Realität in den Lichtspielhäusern

Die damaligen Regisseuren ließen erstmals die Realität einbrechen in die Lichtspielhäuser. In einer Zeit, in der Vietnamkrieg, Rassenunruhen und Studentenproteste den politischen Alltag dominierten, spiegelten sie in vorher nicht gekannter Radikalität die Traumata einer Nation wieder, ihre psychischen und physischen Deformationen. Und verpassten so dem dahinsiechenden Hollywood die dringend nötige Herzmassage.

Berühmte Klassiker

In der Retrospektive lassen sich denn auch, neben weithin gerühmten Klassikern wie "Easy Rider", "Chinatown" oder "The Godfather", unbekannte Schätze entdecken. "The Last Detail" beispielsweise, ein kleines aber feines Road-Movie von Hal Ashby. Oder "Cisco Pike" (1971), das Debüt des 27-jährigen Regisseurs Bill L. Norton, der für die Rolle des gescheiterten Musikers und Drogendealers Cisco den Sänger Kris Kristofferson verpflichtete. Und Gene Hackman als Drogenfahnder, der das Gesetz nach seinem Gutdünken auslegt. Hackman erschafft mit geringen schauspielerischen Mitteln einen beklemmenden Charakter, den man so schnell nicht vergisst. Ein Jahr später gewann er für "French Connection" den Oscar.

Anekdoten von Hollywood-Legenden

Oder das wort- und handlungskarge Road-Movie "Two-Lane Blacktop" von Monte Hellman, der mit seiner ebenfalls im Film auftretenden Tochter angereist war und Anekdoten zum Besten gab. Wie er für die Rolle des Automechanikers einen Mann anheuerte, der bereits beim Vorsprechen nach Schmiere roch. Oder wie einer der drei verwendeten Chevys später in "American Graffiti" von George Lucas demoliert wurde, weil er der gleichen Produktionsfirma gehörte.

Von John Boorman steht der großartige "Point Blank" auf dem Retro-Programm, ein tiefschwarzer Rachefeldzug eines Gangsters, gespielt von Lee Marvin. Im Wettbewerb zeigt Boorman, heute 71, "Country of my Skull". Es geht um Südafrika nach dem Ende der Apartheid, Wahrheitsfindungskommissionen, die geständigen weißen Polizisten Amnestie gewähren und zwei Journalisten (Juliette Binoche und Samuel L. Jackson), die darüber berichten und sich verlieben.

Eine emotionale Achterbahnfahrt, teilweise hölzern gespielt, die wegen ihres Folklore-Kitsches und ihrer unseligen Verquickung von privater und öffentlicher Schuld mehr als einmal aus den Gleisen springt und als gescheitert gelten muss. Gute Absichten allein reichen eben nicht.

Radikalität und Originalität

Die Radikalität und Originalität, die der Wettbewerb bisher vermissen lässt, findet man dagegen immer wieder in der Nebenreihe "Forum". "Anatomie der Hölle" heißt der zehnte Film der Französin Catherine Breillat ("Romance"). Eine Frau lernt einen Mann kennen, der keine Frauen mag und will ihn eines Besseren belehren. Wer Breillat kennt, ahnt, dass sie die grundeinfache Geschichte für philosophische und pornographische Exkursionen nutzen wird, Porno-Legende Rocco Siffredi spielt die männliche Hauptrolle.

Wenn ein Tampon für Übelkeit sorgt

In einer Szene zieht die Frau einen benutzten Tampon zwischen ihren Beinen hervor, tunkt ihn in ein Wasserglas und lässt den Mann den roten Saft trinken. "Sagt man nicht, ich trinke das Blut meiner Feinde", lächelt sie. Eine Dame verließ daraufhin den Saal und übergab sich. Wann ist sowas zuletzt im Wettbewerb passiert?

Matthias Schmidt