Cannes Tag 6 "Wer ist eigentlich Cate Blanchett?"


Elf Filme, Austern, Modenschau - Halbzeit in Cannes. Jetzt wird es Zeit, einen Favoriten für die Goldene Palme auszurufen. James Grays Romanze "Two Lovers" mit Gwyneth Paltrow vielleicht oder "Three Monkeys", der türkische Problemfilm über eine Ehe, oder etwa die animierte Kriegsdoku "Waltz Wish Bashir"?
Von Matthias Schmidt, Cannes

Halbzeit. Und die beste Gelegenheit, der Lieblingsversuchung aller Cannes-Gäste nachzugeben. Nein, die Rede ist hier nicht von Orgien mit Austern im - nach wie vor unübertroffenen - Spezialitätenrestaurant "Astoux & Brun" oder außerehelichem Sex oder beidem in genau dieser Reihenfolge. Sondern: Wir basteln uns einen Trend.

Nach elf von 22 Wettbewerbern muss man doch Gemeinsamkeiten spüren können, die mehr oder weniger offensichtlich dem diesjährigen Programm eine Klammer geben. Und die uns Betrachtern Schubladen öffnen, in die wir Gesehenes verstauen und ordnen können, auf dass uns die Vielfalt und Unübersichtlichkeit dieser Welt nicht auch noch in einem der letzten verbliebenen Fluchträume unserer hektischen Zeit überwältigt: im dunklen Kinosaal.

Einige Kollegen sind bereits auf die Gefängnisfilme gestoßen. Wobei Gefängnis natürlich auch immer eine prima Metapher liefert für Eingesperrtsein in den sozialen Umständen, für den Eheknast oder die Unüberwindlichkeit von Standesgrenzen. Als Beweisstücke könnten geltend gemacht werden: "Blindness" (ist zwar eine ausrangierte Nervenheilanstalt, aber geschenkt), "Leonera" (spielt größtenteils in einer Knastsektion für Schwangere und Mütter), der türkische Beitrag "Three Monkeys" (die Eheleute sprechen nicht, hören nicht, reden nicht). Oder "Two Lovers", der neue Film von James Gray.

Erstaunlich hoffnungsfrohe Enden

Joaquin Phoenix spielt darin mit unglaublichem Gespür für Charakter-Details einen verwirrten, leicht suizidalen jungen Mann, der noch bei seinen Eltern wohnt und in der Textilreinigung seines Vaters aushilft, obwohl er lieber als Schwarz-Weiß-Fotograf Erfolg haben möchte. Selbst in Liebessachen mischen seine Eltern fleißig mit und wollen ihn mit der hübschen Tochter eines Geschäftspartners verkuppeln. Doch Junior hat sich einstweilen in eine noch hübschere und blonde Nachbarin (Gwyneth Paltrow) verguckt, die aus reichem Elternhaus stammt und eine Affäre mit einem verheirateten Mann pflegt (ohne Austern). Gray inszeniert das wie eine zartbittere Variante von Woody Allen und mit einem unerwarteten Finale.

Fotografen und ihr Bild von der Welt wäre denn auch eine schöne Cannes-Klammer. In Woody Allens zauberhaftem "Vicky Christina Barcelona" widmet sich die Figur von Scarlett Johansson der Knipserei, in den nächsten Tagen werden zudem noch "La Frontière de L'Aube" des Franzosen Philippe Garrel (Ehemann eines Filmstars verliebt sich in Fotografen) und unser Wim Wenders mit "Palermo Shooting" (Fotograf hat Lebenskrise) zu sehen sein.

Das bisherige Programm beleuchtet fast ausschließlich die dunklen Seiten der menschlichen Existenz, wie inzwischen übrigens bei allen großen Filmfestivals üblich. Alles was gute Laune machen könnte, wie "Indiana Jones" oder "Kung Fu Panda" oder eben Woody Allen, läuft "Out of Competition". Da ist es im Rückblick erstaunlich, wie viel Hoffnung viele Regisseure am Schluss gewähren. Sowohl "Blindness", als auch "Leonera" und "Two Lovers" entlassen ihre Figuren nicht in ein schreckliches Schicksal. Selbst die notorisch schonungslosen, belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, in Cannes bereits zweimal mit der Goldenen Palme versorgt, lassen in "La Silence de Lorna" ihrer Titelheldin zumindest eine Ahnung von Neubeginn. Und das obwohl sie zuvor eine Scheinehe mit einem Junkie und Angriffe der Russenmafia meistern musste. Und "The Exchange", der bewegende neue Film von Clint Eastwood, endet gar mit dem Wort "Hope".

Kein klarer Favorit für die Palme

Bei den Sonnenflecken am Ende des Leidenstunnels spielt zudem oft ein Kind eine gewichtige Rolle, egal, ob ungewollt, eingebildet oder entführt. Langsam verlieren wir hier aber den Überblick über die Trends und versuchen uns lieber an einer allgemeineren Bilanz. Ein klarer, herausragender Favorit auf die Palme ist bisher nicht auszumachen. Spitzenreiter einiger Kritiker ist der schon erwähnte Türke, knapp gefolgt von der animierten Kriegsdoku "Waltz Wish Bashir", der chinesischen Halb-Doku "24 City" (wir haben erst nach dem Film erfahren, dass einige der interviewten Fabrikarbeiter tatsächlich Schauspieler waren), und dem neuen Werk der Dardenne-Brüder.

Unsere persönliche Favoritin ist jedoch ein schwarzhaariges, etwa 25-jähriges Mädchen, wahrscheinlich Italienerin. Nein, die Rede ist hier wieder nicht von außerehelichem Sex, sondern von einer denkwürdigen Begegnung am Rande der Pressekonferenz zu "Indiana Jones". Ein Protokoll:

Auftritt Cate Blanchett
Frage der Italienerin: "Wer ist denn die blonde Frau da?"
Unsere Antwort: "Na, Cate Blanchett natürlich."
Die Italienerin:"Wer ist denn Cate Blanchett?"
Wir, ungläubig taumelnd: "Nie Herr der Ringe gesehen, oder die letzten Oscarverleihungen?"
Sie schüttelt den Kopf.
Wir: "Hast Du dich die letzten zehn Jahre unter einem Felsen versteckt oder was genau machst du hier in Cannes?"
Sie, nicht aus der Ruhe zu bringen: "Spielt die auch in Indiana Jones?"
Wir, zunehmend gleichmütig: "Ja, die böse Russin mit dem schwarzen, kurzen Haaren."
Sie, ehrlich begeistert: "Great Acting!"

Sorry, aber wir brauchen jetzt dringend einen Eimer Austern.


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