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Stern Logo Filmfestival in Cannes

Cannes-Tagebuch: Die übliche Mischung aus "Bravo!" und "Häh?"

Cannes ist vorbei, die Jury hat gesprochen und - wie so oft - gute und merkwürdige Entscheidungen gefällt. Zum Abschluss sollen außerdem noch einige Aspekte des Festivals gewürdigt werden, die bis jetzt zu kurz kamen: Staubsauger, Zeigefinger und Shuttlebusse.

Von Matthias Schmidt

Okay, einen Preis hat Fatih Unser am Ende doch noch gekriegt. Nach den vielen Liebesbeteuerungen ausländischer Kritiker, den Huldigungen in den Feuilletons, hatte man sich insgeheim für die deutsch-türkische Familiengeschichte "Auf der anderen Seite" zwar eine etwas wichtigere Auszeichnung erhofft als "Bestes Drehbuch". Aber gut: Auch über solch kleineren Erfolge sollten sich die Oscar- und Goldener-Bär-verwöhnten Deutschen freuen. Andere, weitaus renommiertere Filmemacher wie David Fincher, Quentin Tarantino, Wong Kar Wai oder die Coen-Brüder wurden komplett preislos nach Hause geschickt.

Die Entscheidungen der Jury waren, wie eigentlich jedes Jahr, eine gesunde Mischung aus "Bravo, gute Wahl, kann man nur zustimmen" und "Was hat die denn geritten?" An der Goldenen Palme für das rumänische Abtreibungsdrama "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage" lässt sich wirklich nichts aussetzen.

Der stille, unheimlich fesselnde Film des 39-jährigen Cristian Mungiu skizziert mit wenigen Alltagsdetails die bedrohliche Atmosphäre der letzten Tage der Ceaucescu-Diktatur. Einfachste Dinge wie eine Hotelzimmer-Reservierung oder das Bemalen von Ostereiern werden zur logistischen Herausforderung. Ein erschütterndes Zeugnis einer persönlichen und politischen Tragödie. In Cannes läuft so was in vollbesetzten Riesenkinos, in Deutschland wohl nur unter "ferner liefen". Auch eine Art Tragödie.

Betroffener Schleicher

Schade, dass auch der Tränenzieher "Die Tauchglocke und der Schmetterling" von Julian Schnabel nur den Preis für den besten Regisseur absahnen konnte. Hauptdarsteller Mathieu Amalric, der einen Ganzköprer-Gelähmten spielt, wäre klassisches Oscar-Material. Der Preis ging jedoch, zur Überraschung vieler, an den Russen Konstantin Lavronenko, der in dem russischen Ehedrama "Izgnanie" meist ziemlich betroffen durch die Gegend schleicht.

Bei den Frauen wurde die Koreanerin Jeon Do-yeon für ihre Rolle einer alleinerziehenden, vom Schicksal schwer gebeutelten Mutter in "Secret Sunshine" ausgezeichnet. Auch wenn der Film selbst deutlich zu lang ist und irgendwann nur noch leer läuft: eine nachvollziehbare Wahl.

Seltsamer Preis für "Der Trauerwald"

Viel Leerlauf auch beim Gewinner des Grand Prix und wir sprechen hier nicht von Alonso. "Der Trauerwald" heißt das Werk der Japanerin Naomi Kawase. Die Geschichte einer vorsichtigen Annäherung einer jungen Altenpflegerin und eines etwas verwirrten Opas, die beide Trauerfälle verarbeiten müssen. Das tun sie, in dem sie vor allem ausdauernd zwischen Bäumen und anderem japanischem Gehölz herum irren, bis schließlich auch der letzte Zuschauer die Geduld verliert. Seltsamer Preis für einen doch sehr unausgegorenen Film.

Ob man sich denn über die eine oder andere Entscheidung gestritten hätte, wurde Jury-Präsident Stephen Frears auf der Abschluss-Pressekonferenz gefragt. Kurzes Grübeln: "Maggie Cheung hat mich auf Auge geschlagen." Warum Javier Bardem als irrer Killer keinen Preis bekommen hat? Frears: "Er schuldet mir noch 500 Pfund." Und so weiter. Jury-Fazit der Schauspielerin Sarah Polley: "Ich habe in den letzten elf Tagen mehr gelernt als in meinem ganzen Leben." Etwas übertreiben, okay, aber Cannes Nummer 60 war allen etwas schwächeren Filmen und etwas fragwürdigeren Preisen zum Trotz ein richtig guter Jahrgang.

Unsere persönlichen Preisträger

Am Ende dürfen wir trotzdem noch ein wenig jammern, schließlich sind wir deutsch. Unsere persönlichen Preisträger sehen eher so aus:

Der beliebteste Sound des Festivals: Der Staubsauger. Da hat man es sich gerade auf dem Oberdeck der Yacht von Arte bequem gemacht, gerade hieß es noch, nur herein, es gebe noch Essen und Trinken, schon beginnt der große Kehraus und auf dem Zwischendeck dröhnt bereits der Staubsauger. Auch in der noch gut gefüllten Bar des Nobelhotels Majestic kennen die Angestellten kurz nach eins kein Pardon mehr. Stühle hoch, Staubsauger Marsch. Da steht noch eine halb volle Flasche rosa Champagner? Egal, saugen wir halt drumherum. Und im eigenen Hotel muss man offensichtlich genau dann, wenn die meisten Gäste beim Frühstück sitzen, den langen Läufer in der Lobby säubern. Wahrscheinlich kann man am Ende froh sein, dass in den Kinos nicht schon während des Abspanns von den peniblen Ordnungskräften die Saugrüssel geschwungen wurden.

Beliebteste Geste des Festivals: Der erhobene Zeigefinger, rasch hin und her geschwenkt und gerne in Verbindung mit energischem Kopfschütteln. Sie haben eine rosafarbene Akkreditierung und wollen ins Parkett: Zeigefinger raus, non, Monsieur! Sie möchten den Raum der Pressekonferenz nach Ende rasch verlassen: Nicht möglich, Sie sehen doch meinen Zeigefinger. Sie möchten einem Kollegen schnell Ihre Zeitung ausleihen, der sitzt aber in einer anderen Sektion des Kinos: Zeigefinger hoch, das haben Sie sich wohl so gedacht! Die übertriebene Gereiztheit des Festival-Personals, die teilweise in Handgreiflichkeiten ausartete, die "Ich spreche kein Englisch"-Ignoranz hat dieses Jahr viele Kollegen verwundert und genervt. Gut, man wird nicht alle Jahre 60, aber was wurde eigentlich aus dem berühmten französischen Laissez-faire?

Vehikel des Festivals<(i>: Der Bus. Genauer gesagt der Shuttle-Bus. Stiegen früher viele Premierenpartys und Empfänge an den Hotelstränden und in den Restaurants entlang der Croisette, geht der Trend nun ab in die Hügel. Um zu den dort gelegenen Edel-Villen zu gelangen, mietet der Veranstalter also ein paar Busse, die die Gäste vom Bahnhof in mehreren Fuhren zum Ort des Geschehens shuttlen. Einfaches Prinzip. Da es sich jedoch schwer planen lässt, wie viele Gäste zu welcher Zeit zur Party hin oder von der Party weg wollen, waren dieses Jahr das Warten groß angesagt. Da jenseits der Innenstadt von Cannes Taxis eher Mangelware sind, verzögerte sich die Heimfahrt manchmal um mehr als eine Stunde. Die Krönung: der ansonsten gelungene Empfang von German Films. Gleich mehrere Shuttlebusse standen minutenlang auf einer dunklen Strasse, weil die Fahrer offensichtlich den Weg nicht mehr fanden.

Aber natürlich finden wir nächstes Jahr wieder an die Côte d'Azur. Und dann nehmen wir endlich mal wieder eine Palme mit.