Cannes-Tagebuch Schlagerbarde aus der Hölle


Wenn es blond zugeht in Cannes, dann darf die weltberühmteste Bademeisterin Pamela Anderson nicht fehlen. Ihren neuen Film "Blond und Blonder" hätte sie aber auch in Hollywood zurücklassen können. Zum Glück können die Amis aber auch anders.
Von Bernd Teichmann

Das geht wahrscheinlich jedem so: Weil Cannes während des Filmfestivals vollgestopft ist mit Stars, bildet man sich schnell ein, beim Flanieren über die Croisette gerade an einem vorbeigelaufen zu sein. Manchmal passiert das auch tatsächlich, aber eher vor und in einem der großen Hotels. Die Chance, dass auf der Straße die echte Pamela Anderson an einem vorbeiwippt, ist eher gering. Zumal die Verwechslungsgefahr gerade an der Cote d'Azur außerordentlich hoch ist. In dieser Ecke Frankreichs laufen in etwa so viele getunte Plastik-Blondinen herum wie frisch gefönte, kleine, weiße Plüsch-Schoßhündchen.

Vielleicht würde sich Pamela Anderson gerade deshalb ohne Entourage unters Volk mischen, wer weiß? Niemand bliebe erstaunt stehen. Möglich also, dass sie es doch war heute Nachmittag, ein paar hundert Meter vom Hotel Majestic entfernt.

Ein paar Stunden Zeit zum Bummeln hätte sie jedenfalls gehabt, erst am Abend präsentierte die berühmteste Bademeisterin der Welt, nein, keine eigene Swimsuit-Kollektion, sondern: Ups, ein Lichtspiel! Und zwar standesgemäß als "Filmmarkt-Weltpremiere". "Blond and Blonder" heißt das Werk, was verdammt nach "Dumb and Dumber" klingt und bestimmt humoristisch ausgeklügelte Absicht ist.

zwei Sexbomben namens Dee Twiddle und Dawn St. Dom

Pamela Anderson und das einstige Bond-Girl Denise Richards spielen darin zwei Sexbomben namens Dee Twiddle und Dawn St. Dom, die zufällig einen Mafia-Mord beobachten und darob in turbulente Schwierigkeiten geraten. Ein gewisser John Laing, Chef einer gewissen Firma, die sich Rigel Entertainment nennt und die internationalen Rechte besitzt, pries das Ganze folgendermaßen an: "Wir waren auf der Suche nach einer großen, originelle Komödie mit Massenappeal, und dieser Film ist in dieser Beziehung ein echter Slamdunk".

Nun ja, kurze Auszeit und Rebound. Widmen wir uns dem Ernst des Lebens, also dem Wettbewerb, der, abgesehen vom allseits gelobten rumänischen Abtreibungsdrama "4 Luni, 3 Saptamini Si 2 Zile" noch nicht so richtig auf Betriebstemperatur läuft. Das änderte sich ab 19.15 Uhr, aber dazu später.

Experiment leider missglückt

Frühmorgens bemühte sich zunächst einmal der Franzose Christophe Honoré, die versammelte Journalie mit seinem Singspiel "Les Chansons d'Amour" aus dem Halbschlaf zu locken. Experiment leider missglückt. Sein Liebesreigen um den egozentrischen Pariser Magazin-Redakteur Ismael, der sich es in einer Ménage-à-trois gut gehen lässt und dessen Leben aus den Fugen gerät, als seine Freundin Julie (Ludivine Sagnier) völlig überraschend stirbt, krankt wie die meisten Musicals am Grundproblem des Genres: Je länger die Protagonisten versuchen, ihre Emotionen via Gesang auszudrücken, umso ausgiebiger schalten die Zuschauer ab. Vor allem, wenn die Songs klingen, wie in einer französischen Samstagabend-Show.

Um die Mittagszeit herum drangsalierte dann Honorés Landsmann Olivier Assayas die Allgemeinheit mit seinem - so steht's jedenfalls auf dem Presseheft - Thriller "Bording Gate". Asia Argento, die in ihrer Verlottertheit immer mehr aussieht wie die Kate Moss des Euro-Kinos, spielt darin die ehemalige Prostituierte Sandra, die sich in China eine neue Existenz aufbauen will und sich das Geld dafür mit dem Mord an ihrem Ex-Lover Miles verdienen will. Was natürlich grandios in die Hose geht, ebenso wie dieser Film, der sich in der ersten Hälfte in endlosen Dialog-Passagen verrennt und in der zweiten Hälfte, die in Hongkong spielt, endlich Fahrt aufnimmt, was einem aber dann schon völlig egal ist.

Dolph Lundgren als depressiver Bratschen-Virtuose?

Den größten Clou leistete sich Assayas allerdings mit der Besetzung des nach einer Stunde dahingemeuchelten Miles: der müde Parade-Psychopath Michael Madsen als Börsen-Spekulant. Was kommt als nächstes? Dolph Lundgren als depressiver Bratschen-Virtuose?

In der Tat virtuos, welch ein eleganter Übergang, und damit sehr versöhnlich, ging dann dieser dritte Festivaltag doch noch zu Ende. Nachdem sich die Medien-Kollegen unter Einsatz ihres Lebens in den Saal gequetscht hatten, begann um 19.15 Uhr das neue Werk der Brüder Joel und Ethan Coen. Ein Meisterwerk, um genau zu sein. "No Country For Old Men", basierend auf dem Roman des frischgebackenen Pulitzer-Presiträgers Cormac McCarthy, ist eine ebenso melancholische wie witzige und blutige Ballade aus dem texanisch-mexikanischen Grenzgebiet um 1980, dem guten alten Westen, der im unkontrollierten Chaos aus Gewalt und Drogen versunken ist. Jene vergangenen Tage personifiziert der desillusionierte Kleinstadt-Sheriff Bell, dessen Vorfahren schon das Gesetz gehütet haben, der noch Spuren lesen kann und einer Zeit hinterher trauert, die es schon längst nicht mehr gibt.

So ist er auch völlig überfordert, als sein Zuständigkeitsbereich nach einem geplatzten Drogen-Deal plötzlich mit Leichen gepflastert ist. Auslöser des Gemetzels ist der herzensgute Jäger Llewelyn Moss (Josh Brolin), der während der Pirsch in der Einöde fünf Autos, diverse Leichen, mehrere Kilo Drogen und einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar entdeckt. Statt die Polizei zu alarmieren, behält er das Geld mit dem Hintergedanken, sich und seiner Frau ein besseres Leben zu ermöglichen.

Womit er den ziemlich humorlosen Killer Anton Chigurgh (zum Niederknien: Javier Bardem) auf dem Plan ruft, der mit seiner grotesken Aufmachung aussieht wie ein direkt aus der Hölle gesandter Schlagerbarde. Ausgestattet mit Schrotflinte plus absurd großem Schalldämpfer und einer Sauerstoffflasche, die ihm wahlweise als Türöffner oder tödliches Bolzenschussgerät dient, heftet er sich an Llewelyns Fersen und räumt sogar jene beiseite, die sich ihm nicht in den Weg stellen. Überlebende gibt es am Ende nur wenige. Einer von ihnen: Sheriff Bell, der seinen Dienst schließlich quittiert, verloren vor seiner warmherzigen Frau sitzt und über das Leben philosophiert. Ein ganz großer Kino-Moment. Oder, um es mit den Worten eines geschätzten, noch völlig betäubten Kollegen zu sagen: "Was würden wir nur ohne das amerikanische Kino machen?"

Und morgen kommt Michael Moore

Kleiner Exkurs kurz vor Schluss auf das gestrige Tagebuch: Heute dröhnte aus dem Lautsprecher der Herren-Toilette des Palais du Festival die Titelmusik von "Superman". Das könnte ein Zeichen gewesen sein: Morgen kommt Michael Moore…


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