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Deutsche Cannes-Debütantin: "Ich werde kein leises Kino machen"

Heftiger Auftakt einer vielversprechenden Karriere: Mit ihrem provokanten Erstlingsfilm "Tore tanzt" liefert die 30jährige Katrin Gebbe den einzigen deutschen Beitrag beim Filmfest von Cannes.

Von Lutz Meier, Cannes

Der Junge geht einfach nicht fort. Grausame Dinge geschehen in "Tore tanzt", doch Tore, die Hauptfigur, kehrt wieder und wieder an den Ort der Brutalitäten zurück. Weggehen? "Das wäre das gewesen, was normale Menschen machen", erklärt Katrin Gebbe. Sie sucht mit Augen und Händen Halt, die Dreißigjährige aus Hamburg sitzt wie eben aus dem Hubschrauber in der ungewohnten Umgebung abgeworfen auf einer Dachterrasse an der Croisette. Dann aber spricht sie so entschlossen, als habe sie nie einen Zweifel daran gehegt, dass sie hierher gehört. Das, was normale Menschen machen, wird da, wo Katrin Gebbe das Sagen hat, garantiert nicht passieren. Sie ist ja auch nicht Regisseurin geworden, um etwas Normales zu tun.

Scharfe Buhrufe und donnernder Applaus

Es ist einigermaßen erstaunlich, was hier passiert: Katrin Gebbe liefert mit "Tore tanzt" den einzigen deutschen Beitrag in diesem Jahr in Cannes. Und dann gibt sie sich erst gar nicht der Idee hin, man könnte als Neuankömmling im Olymp des Weltkinos mit naiver Demut weiterkommen. Denn damit wäre sie kaum hierhin gelangt. Am Vortag hat der Film in der Cannes-Nebenreihe "Un certain regard" Premiere. Scharfe Buhrufe, dann donnernder Applaus und Bravo, es ist schließlich alles andere als ein Feelgood-Movie.

Katrin Gebbe hat die Premiere überstanden, das Fest, hat die Regisseurin Jane Campion getroffen, dessen Film "Das Piano" sie verehrt, und noch am Tag der Premiere wurde ihr Film nach Amerika verkauft, das gab es wohl noch nie, dass ein deutscher Debütfilm einen US-Kinoverleih hat, noch bevor es einen solchen in Deutschland gibt. "Langsam beginne ich, das alles zu fassen", sagt Gebbe. Aber das war erst am Morgen, nach dem Aufstehen. "Vorher hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, da wartet noch etwas Düsteres um die Ecke und kommt irgendwann heraus - und jetzt ist das gar nicht passiert." Jetzt also versucht sie zu genießen.

Der Weg der Katrin Gebbe nach Cannes beginnt, als sie an der Kunsthochschule im niederländischen Enschede studiert, sie startet mit Graphik-Design und leiht nebenbei eine DVD nach der anderen. Auf allen Filmen, die sie schätzt, prangt immer die stilisierte Palme, das Logo des Festivals an der Côte d'Azur. Da ist ihr schon klar, da muss man hin.

Aber es dauert noch, bis sie sich selbst entschließt, Filme zu machen. Für ein Mädchen vom Kleinstadtgymnasium im westfälischen Hörstel ist schon der Weg an die Kunsthochschule weit, der Weg zum Film - unvorstellbar. Doch in Enschede zeigt ein Dozent "Die 120 Tage von Sodom", den Skandalfilm von Pier Paolo Pasolini. "Mir ist plötzlich klar geworden, was für eine Wucht ein Film haben kann", erzählt Gebbe. Als Graphik-Designerin kann sie nichts ausdrücken, denkt sie. Aber im Film? Sie wird in Hamburg an der Filmhochschule genommen. "Wo siehst du dich in zwei Jahren?", fragt ihr Dozent. "Weiß nicht", antwortet Gebbe. "Oder in sechs Jahren?", insistiert der Lehrer. "In Cannes", antwortet die Anfängerin entschlossen. Warum nicht, man muss sich Ziele setzen.

"Sie weiß ziemlich genau, was sie will"

Sie will Filmprovokationen machen wie Pasolini, wie Lars von Trier, nicht die braven deutschen Sozialdramen, in denen es für alles eine Erklärung gibt, die Filme, die sie hasst. Und tatsächlich gibt es in "Tore tanzt" keine Erklärungen. Der junge, orientierungslose Tore, folgt dem Glauben, sucht Halt in einer Familie und mehr und mehr erlebt er dann das Brutale im Normalen, es wird Teil des Familienalltags.

"Sie weiß ziemlich genau, was sie will", erzählt der junge Hauptdarsteller Julius Feldmeier, auch er eine Entdeckung, und diese Unbeirrtheit ist ungewöhnlich für eine Debütregisseurin. In "Tore tanzt" hat sie das zu einem Film geführt, in dem mit großer Konsequenz das Unerwartete passiert und nicht unbedingt das Erklärbare, in dem das Böse böse ist, aber keine eindeutige Interpretation liefert, warum.

"Mich interessiert sehr das Düstere, die großen, archaischen Geschichten, sagt die Regisseurin, sie will sich international vergleichen, nicht deutsche Fernseh-Sendeplätze beliefern (obwohl sie, natürlich, zu dem Angebot, einen "Tatort" zu drehen, nicht nein sagen würde).

Bei ihr muss es wuchtig sein. "Einen wuchtigen Film habe ich gemacht, weil ich selber wuchtig bin", deklamiert Gebbe, "Das hört man doch wohl - ich kämpfe mich durch". Und unmerklich geht sie schon zu dem Thema über, wie es weitergeht. "Ich werde kein leises Kino machen. Irgendwo braucht es Wumms dahinter". Man darf sich auf was gefasst machen.

"So konsequent, wie sie diesen Film erzählt hat, hat sie eine Hausnummer gesetzt", glaubt Gebbes Hauptdarsteller Julius Feldmeier. Gebbe lässt sich einen Kaffee bringen, haut vorsorglich mit der Faust auf den Tisch und sagt, dass sie Fesseln nicht akzeptiert. "Ich denke da ein bisschen größer". Das ist doch ein guter Anfang.