HOME

Stern Logo Filmfestival in Cannes

stern.de-Gespräch mit Lars von Trier: "In jedem von uns steckt ein kleiner Nazi"

Mit Lars von Trier ist erstmals ein Regisseur in Cannes zur Persona Non Grata erklärt worden. Mit stern.de spricht er über Gründe für seinen Aussetzer und Folgen für seine Karriere.

Von Sophie Albers, Cannes

Herr von Trier, was haben Sie damit gemeint: Ich verstehe Hitler?
Zuerst einmal möchte ich mich ein bisschen entschuldigen. Hätte ich es in Dänisch gesagt, wäre es nuancierter gewesen. Natürlich bin ich mit nichts einverstanden, was er getan hat. Was ich sagen wollte, war, dass ich - nachdem ich Bruno Ganz in "Der Untergang" gesehen habe - meinte, einen kleinen Menschen in Hitler sehen zu können. Es war sehr interessant zu erkennen, dass in jedem von uns ein kleiner Nazi steckt, so wie ein kleiner Mensch in Hitler steckt. Aber natürlich kam es überhaupt nicht rüber. Ich war ein Vollidiot, naiv und dumm. Ich habe in meine Pommes gepisst, wie die Engländer sagen...

Können Sie sich diese Wirkung des Namen Hitler erklären?
Das ist eine No-Go-Zone, wie ich gelernt habe. Es war extrem dumm, das habe ich schon hundert Mal gesagt. Ich hatte einfach gute Laune, ich dachte: Ah, das läuft gut. Und dann ist es mit mir durchgegangen in keine so gute Richtung. Und ich konnte nicht mehr zurück.

Und nun geht es nicht mehr um Ihren Film.
Ich versuche immer wieder, darüber zu reden (lacht laut) - als Therapie. Los, reden wir drüber. Entschuldigen Sie, aber ich versuche, mich irgendwie zu erklären. Doch wie meine Tante zu sagen pflegte: Du kannst deine Hände nicht in Druckerschwärze waschen.

Was bedeutet der Bann für Ihre Zukunft als Filmemacher?
Keine Ahnung. Ich habe in Cannes immer noch zwei sehr gute Freunde: Das sind Gilles Jacob und Thierry Fremaux (die Festivalleiter, d. Red.), zwei sehr schlaue Menschen, die ich sehr respektiere. Über ihnen steht das Bord der Direktoren, und die sagen ihnen, was sie tun müssen.

Und was wird aus "Melancholia"?
Natürlich schadet das dem Film. Bestimmte Länder wollen ihn nicht mehr kaufen. Einen Tag vor dem ganzen Unsinn hatte ich ein Gespräch mit Gilles Jacob. Der hat vor langer Zeit in seinem Buch geschrieben, dass ich, als ich das erste Mal in Cannes war, eine Lederjacke getragen habe, und nun im Smoking kommen würde. Das würde mit Rebellen passieren: Sie kommen irgendwann zurück zur Herde. Etwas, das man mir echt nicht sagen sollte. (lacht und ballt die Fäuste wie ein verstocktes Kind). Ich habe ihm gesagt, dass er schuld ist an meinem "Fuck"-Tattoo. Und auch daran, dass ich als nächstes einen Porno drehen werde - hoffentlich. Nur um wieder Rebell zu sein. Auch mit 55 hat man noch die Sehnsucht danach in sich. Aber vielleicht hat mir das alles mehr geschadet, als ich denke, finanziell gesehen. Wenn nun Sponsoren aussteigen habe ich ein Problem. Vielleicht muss ich auf acht Milimeter drehen...

Ist Political Correctness Ihr Feind?
Political Correctness ist gefährlich, denn man kann über viele Dinge nicht reden, wie sie wirklich sind. Und über vieles darf nicht reden. Allerdings sollte man eben nicht dumm sein. Andererseits sorgt eben diese Macht in mir, die mich so etwas sagen lässt, auch dafür, dass ich Filme drehe.

Werden Sie je wieder nach Cannes kommen?
Das kommt auf Cannes an. Im Augenblick darf ich mich dem Festival-Palast nur bis auf 100 Meter nähern. Da wird es ein bisschen schwierig teilzunehmen. Mit Signalflaggen vielleicht: Hab - ich - die - Palme - ? (wedelt mit Armen)

Themen in diesem Artikel