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Eklat beim Filmfest von Cannes: Die Dummheit des Lars von Trier

Der dänische Regisseur Lars von Trier hat sich mit seinen Hitler-Kommentaren ins Aus geschossen. Das Filmfest Cannes hat ihn nun zur unerwünschten Person erklärt. Doch es zeigte Größe in der Hysterie.

Von Sophie Albers, Cannes

Als die Crew um den dänischen Regisseur Lars von Trier am Mittwochabend die Premiere des wunderbaren Films "Melancholia" in Cannes mit einem Abendessen feiern wollte, stand man vor verschlossenen Türen. Das gebuchte Restaurant gehört einer jüdischen Familie, die Lars von Trier nach seinen Hitler- und Holocaustkommentaren vom Mittwoch nicht bewirten wollte. Auch beim Festival selbst ist der wilde Däne seit Donnerstag nicht mehr willkommen.

Doch hat das Bord der Direktoren in der allgemeinen Hysterie Größe bewiesen: Die politisch über dem künstlerischen Leiter Thierry Fremaux und Festivalpräsident Gilles Jacob stehende Gruppe aus Kunst, Wirtschaft und Politik hat das Werk des Künstlers Lars von Trier von dem offenbar schmerzfreien Provokateur Lars von Trier getrennt, als sie ihn zur unerwünschten Person erklärte.

Persona non grata

"Das Festival von Cannes bietet Künstlern aus aller Welt ein außergewöhnliches Forum, um ihre Werke zu zeigen und um die Freiheit des Ausdrucks und der Kreativität zu verteidigen. Das Bord der Direktoren, das am 19. Mai ein außerordentliches Treffen abgehalten hat, bedauert zutiefst, dass dieses Forum von dem Regisseur Lars von Trier benutzt wurde, um Kommentare abzugeben, die nicht zu akzeptieren und nicht zu tolerieren sind und die den Idealen der Menschlichkeit und Großzügigkeit, für die das Festival steht, widersprechen", heißt es in der Pressemitteilung. "Das Bord der Direktoren verurteilt diese Kommentare entschieden und erklärt Lars von Trier mit sofortiger Wirkung zur persona non grata auf dem Festival von Cannes."

Allerdings ist der Film "Melancholia" weiterhin im Rennen um die Goldene Palme. Sollte von Trier eine Palme gewinnen, dürfe er jedoch nicht in den Festivalpalast, um sie abzuholen, sagte eine Mitarbeiterin der Pressestelle auf Nachfrage von stern.de. "Herr von Trier hat keinen Ausweis mehr, um hereinzukommen."

"Ich verstehe Hitler"

Lars von Trier, der mit Filmen wie "Dogville" und "Antichrist" bekannt wurde und 2000 für "Dancer in the Dark" die Goldene Palme bekam, hatte sich am Mittwoch auf der Pressekonferenz zu "Melancholia" in dummem Sarkasmus gewälzt, in dem er letztlich Empathie für Hitler bekundete.

Für Äußerungen wie "Ich verstehe Hitler. Er war nicht, was wir einen guten Kerl nennen, aber ich kann ihm nachfühlen. (...) Okay, ich bin ein Nazi. (...) Vielleicht können Sie mich zu einem Film 'Die Endlösung' überreden" bekommt er nun die Quittung. Seine Abschwächungen, dass er nicht für den Zweiten Weltkrieg sei und nichts gegen Juden habe, sowie eine offizielle Entschuldigung am Abend konnten nicht verhindern, dass die Medien fast unisono mit seinem Spruch "Okay, ich bin Nazi!" titelten. Weil das Festival - offenbar anders als von Trier - Kunst auch als Verantwortung begreift, wurde den Ironieattacken des Regisseurs Grenzen gesetzt.

Wütender Kulturminister

Henri Béhar, als Moderator zahlreicher Pressekonferenzen eine Cannes-Institution, hatte auch die "Melancholia"-Diskussion geleitet. Von stern.de auf den Rauswurf angesprochen, lächelte er milde und sagte, dass er noch nicht erlebt habe, dass jemand auf Grund einer Konferenz gehen musste. Zu von Trier direkt wollte er sich jedoch nicht äußern.

Wütend klingt dagegen der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand, der von Triers Äußerungen als "nicht hinnehmbar" nannte: "Seine Haltung und die Art und Weise, wie er sie vorgetragen hat, haben keinen Platz beim Filmfest und auch sonst nirgendwo."

"Ohne Zweifel ist Lars von Trier mit 'Melancholia' ein Meisterwerk gelungen. Dass sein Film durch seine unbedachte Provokation bei der Pressekonferenz, für die er sich unmittelbar danach entschuldigt hat, Schaden nehmen soll, muss man sehr bedauern", sagte Petra Müller, Geschäftsführerin der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, die von Trier mehrfach - auch für "Melancholia" - gefördert hat.

Und was macht Lars von Trier? Der gibt Interviews. In Mougins, eine halbe Stunde außerhalb von Cannes, da der sozial gestörte, neurotische, depressive (von Triers Selbstbeschreibung) 55-Jährige sich weigert, in die Stadt zu kommen. Offensichtlich hat er mittlerweile eingesehen, dass er sich "dumm" verhalten hat. Aber immerhin hat das Festival nun einen satten Skandal, der die Weltpresse beschäftigt.