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TV-Tipp 24.8.: "Melancholia" Nie sah Weltuntergang so verführerisch aus


Lars von Trier trifft Richard Wagner: "Melancholia" ist artifizielles Überwältigungskino, mit einem großartigen Schauspieler-Ensemble und suggestiver Musik. Unser TV-Tipp des Tages.

"Melancholia"
22.40 Uhr, Tele5

DRAMA Zugegeben: Es gibt nicht wenige Menschen, die diesen Film als quälend langweilig empfinden. Die während der 135 Minuten eingenickt sind oder den Kinosaal vorzeitig verlassen haben. Ich kann nicht leugnen, dass "Melancholia" gewisse Längen hat, und auch ich musste mich am Riemen reißen, um bis zum Ende durchzuhalten. Aber es lohnt sich! Regisseur Lars von Trier liefert einen Weltuntergang, wie er opulenter und, ja: schöner nicht sein könnte. Der geradezu süchtig macht.

Angedeutet wird das böse Ende schon in der "Ouvertüre" genannten Anfangssequenz, drunter macht es von Trier nicht. Über das Vorspiel von Richard Wagners "Tristan und Isolde" sehen wir die letzten Minuten vor dem Weltuntergang: ein Pferd bricht zusammen, Insekten schwirren aufgeregt umher, Menschen rennen in Panik durch den Wald und im Hintergrund zeichnen sich die Konturen eines fremden Planeten ab.

Dann beginnt der erste Akt, der die Hochzeit von Michael (Alexander Skarsgård) und Justine (Kirsten Dunst) beschreibt. Beide sind ausgelassen, befinden sich auf dem Weg zur Feier im Schloss ihres Schwagers John (Kiefer Sutherland) und ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg). Doch der Abend läuft völlig aus dem Ruder: Die geschiedenen Brauteltern streiten sich vor aller Augen, Justine wird von ihrem Chef zunächst befördert und kündigt wenige Stunden später. Und auch ihre Ehe zerbricht noch in der selben Nacht, nachdem sie ihren Ehemann auf der Feier mit einem jungen Kollegen betrogen hat. Bamm. Dieser erste Teil allein lohnt das Einschalten. Doch es kommt noch besser!

Der zweite Akt spielt ebenfalls auf dem Schloss. Claire holt ihre depressive Schwester zu sich nach Hause und betreut sie. Beim gemeinsamen Ausreiten entdecken sie am Himmel den Planeten "Melancholia", der an der Erde vorbei fliegen soll. Doch Justine ist von düsteren Untergangsphantasien geplagt. Wir sehen Bilder von berückender Schönheit. Wie Justine in der Nacht am Bach liegt und ihren nackten Körper vom Mond anstrahlen lässt.

Der Planet passiert zunächst die Erde, alles scheint gut zu gehen. Doch dann kehrt er zurück und steuert genau auf die Erde zu. In der Schlussszene setzt von Trier noch einmal Richard Wagner ein. Während "Melancholia" am Horizont immer größer wird, untermalt der gigantomanische Komponist die Katastrophe mit süchtig machenden "Tristan"-Harmonien. Und anstatt verängstigt wegzuschalten, sieht der Zuschauer gebannt hin. Nie zuvor ist der Weltuntergang so verführerisch inszeniert worden.

Ein TV-Tipp von Carsten Heidböhmer, Kulturredakteur beim stern


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