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Die Coen-Brüder im Interview "Die Katze hat viele Einstellungen ruiniert"


Ihr neuer Film "Inside Llewyn Davies" führt die Zuschauer in die New Yorker Folkszene der 60er Jahre. Im Interview sprechen Joel und Ethan Coen über Musik, Komödien - und ihr Problem mit einer Katze.

Llewyn ist einer dieser typischen Coen-Helden. Ein Loser – sympathisch, aber letztlich zum Scheitern verurteilt. Schon zu Beginn von "Inside Llewyn Davies", dem mittlerweile 16. Spielfilm des Brüderpaars Joel und Ethan Coen, wird der Folksänger in einer Hinterhofgasse zusammengeschlagen. Und auch danach macht er nicht gerade eine glückliche Figur. Da helfen selbst ehemals gute Freunde, gespielt von Carey Mulligan und Justin Timberlake, nicht wirklich weiter. Beim Interview in Cannes, wo der Film den großen Preis der Jury gewann, sind die sonst recht maulfaulen Brüder erstaunlich redselig. Ethan, 56, sitzt hochkonzentriert auf einem Stuhl, während Joel, 59, fast liegend in einem Sessel lümmelt.

Ihr neuer Film ist ein Porträt der New Yorker Folk-Szene in den 60er Jahren und zugleich eine Komödie übers Scheitern.


Ethan Coen: Unsere Story spielt im Winter 1960/61 und das ist schon noch sehr verschieden von 1967.
Joel Coen: Das, was wir heute mit den 60er Jahren verbinden, begann tatsächlich erst viel später.
Ethan: Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Film für uns wirklich als Komödie durchgeht. Die Leute dürfen lachen, aber es gibt keine eigentlichen Witze oder Gags. Zählt das?

Mögen Sie Komödien? Und falls ja, welche?


Ethan: Ich gehe nicht mehr so viel ins Kino wie früher. Aber klar, wer mag das nicht.
Joel: Hm. Vielleicht der epische Abschluss der "Hangover"-Trilogie (lacht laut).

Ihr Held will seiner künstlerischen Vision treu bleiben und trotzdem Erfolg haben. Sie drehen seit über 30 Jahren zusammen Filme, kommt Ihnen das bekannt vor?


Ethan: Llewyn balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Scheitern und Erfolg. Für uns ist das leichter, weil wir uns darüber nie Gedanken machen.
Joel: Wir hatten das Glück, das wir mit unseren Filmen eine kleine, geschützte Nische gefunden haben. So können wir finanzielle Probleme ignorieren, obwohl es die natürlich trotzdem gibt.

Steven Soderbergh hat sich gerade vom Kino verabschiedet. Weil es immer schwieriger werde, anspruchsvolle Filme zu finanzieren.
Joel: Der hat gut reden, der dreht doch mehr Filme als sonst wer. Klingt komisch für mich, diese Aussage. In der Tat: Es wird immer schwieriger, ja. Aber es gab und gibt immer noch genug Leute in den Studios, die unsere Art Filme mögen und unterstützen. Wir machen einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir mit "Inside Llewyn Davies" viel Geld verdienen werden.

Ihr Film ist unglaublich sorgfältig und liebevoll ausgestattet. Wie schaffen Sie das?


Ethan: Wir machen nicht wirklich viel, wir sind da ziemlich entspannt. Die meiste Arbeit und Recherche leistet unser Ausstatter-Team, das eine komplette Welt neu entstehen lassen muss. Wir gehen ab und zu mal ins Netz.
Joel: Wir googeln irgendwas, lesen zum Spaß ein paar Bücher und hören Musik aus der Zeit.

Für den Film haben Marcus Mumford von Mumford & Sons und T-Bone Burnett neue Songs komponiert. Hören Sie sich sowas auch privat an?


Joel: Ich mag Mumford oder Bands wie Wilco. Aber hauptsächlich hören wir uns alte Sachen an wie Pete Seeger, und Llewyn ist inspiriert vom Folksänger Dave Van Ronk. Das Problem beim Älterwerden ist: Man ist immer weniger aufgeschlossen für neues Material. Irgendwie scheint der Musikgeschmack sich schon sehr früh im Leben zu bilden und zu verfestigen. Das ist nicht gut, aber es ist nun mal so.

Stand von vornherein fest, dass Ihr Hauptdarsteller auch wirklich singen muss?


Joel: Ja, damit steht und fällt diese Rolle und das war recht kompliziert bei der Besetzung. Llewyn ist schließlich in fast jeder Szene des Films zu sehen. Er musste überzeugend wirken als Musiker mit Gitarre und auch live singen können. Bevor wir Oscar Isaac gefunden haben, hatten wir auch etliche Musiker ausprobiert, aber das waren meist einfach miese Schauspieler.
Ethan: Insgesamt war Oscar leichter zu dirigieren als die Katze, die ihn durch den Film begleitet. Die hat so viele Einstellungen ruiniert. Wie heißt es so treffend: Hunde wollen dir gefallen, Katzen nur sich selbst.

Ihre Dialoge sind oft sehr knapp und sagen trotzdem mehr als 1000 Worte. Werden Ihre Drehbücher jeden Tag kürzer?


Ethan: Das passiert manchmal, ja. Zum Beispiel bei "No Country for Old Men". Die Sprüche von Javier Bardem wurden immer besser, je weniger er sagen musste. Wir haben ihm im Laufe der Dreharbeiten immer mehr Dialog weggenommen.

Llewyn mag ein Verlierer sein. Aber er bereitet auch den Weg für jemanden wie Bob Dylan.


Ethan: Dylan ist in unserem Film natürlich das heiße Eisen. Es ist scheinbar oft so: Der zweite Typ, der etwas zum ersten Mal macht, sahnt den ganzen Erfolg ab. Der andere geht leer aus. Llewyn war der erste Typ.
Joel: Das richtige Timing spielt bei vielen Künstlern eine entscheidende Rolle. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied mag zwar zutreffen, andererseits haben viele einfach nur das richtige Quäntchen Glück: Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In unserer Karriere als Filmemacher ist das auch schon passiert. Da wurden andere Arthouse-Filme nicht rechtzeitig fertig und unser Film lief praktisch ohne direkte Konkurrenz in den Kinos. Glück gehabt.

Interview: Matthias Schmidt

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