Dieter Hildebrandt "Schockiert über Nationalhymne"


Während die Amerikaner am 4. Juli ihren Unabhängigkeitstag feiern, werden hierzulande wieder Erinnerungen an das WM-Endspiel von 1954 wach. Wie die des Kabarettisten Dieter Hildebrandt.

Erinnern Sie sich noch an den Nachmittag des 4.Juli 1954?
Hildebrandt: "Ja, wir haben in München mit einer Gruppe von Schauspielschülern geprobt. Ich durfte nicht ans Radio gehen, weil die anderen Fußball fast hassten. Ich habe mich dann in einer Pause weggeschlichen und in einem Nebenzimmer ein Radio angestellt. Ich hörte gerade wie das 2:0 für die Ungarn fiel. Daraufhin dachte ich, das wird wieder so wie im ersten Spiel, das 3:8 ausging. Also habe ich das Radio ausgestellt. Kurz vor Schluss habe ich es noch einmal eingeschaltet und gehört, dass es 3:2 steht. Ich war ziemlich fassungslos und konnte das überhaupt nicht begreifen."

Sie waren Fußballfan?

Hildebrandt:

"Ja, und ich bin es immer noch. Ich habe später wie ein Wilder alles über das Finale nachgelesen."

Welche Bedeutung hatte für Sie persönlich dieser Sieg? Hatten Sie da besondere Emotionen oder wie empfanden Sie das?

Hildebrandt:

"Ich war ein wenig schockiert, als ich hörte, wie sich die deutschen Zuschauer im Wankdorf-Stadion aufgeführt haben, dass sie die erste Strophe des Deutschland-Liedes gesungen hätten. Es gab dieses Problem, welche Strophe gesungen wird. Bundespräsident Theodor Heuss hatte ja auch eine andere Hymne vorgeschlagen. Ich wusste aber natürlich nicht, dass diese Leute die erste Strophe nicht mit Absicht gesungen hatten, sondern die konnten die anderen Strophen gar nicht. Ich war also der Meinung, dass dieses 3:2 schlimme Folgen haben könnte, auch für uns. Aber das war überreagiert. Es ist ja dann viel, viel ruhiger ausgegangen."

Haben Sie den Sieg primär als Fußballfan, "als Deutscher" genossen oder wie würden Sie das beschreiben?

Hildebrandt:

"Ich war und bin ganz gut informiert im Fußball, und ich war eigentlich sehr überrascht. Ich hatte nie damit gerechnet, dass die überhaupt eine Runde weiterkommen. Ich war ziemlich fassungslos, dass die so weit gekommen waren."

Hatte dieser WM-Sieg für die deutsche Nachkriegsgesellschaft eine besondere Bedeutung?

Hildebrandt:

"Ich habe damals noch nicht so einen guten Einblick gehabt in die Mentalität meiner Mitbürger. Ich habe zu viel zu tun gehabt. Ich habe vermutet, dass es Menschen, die den Krieg noch nicht verwunden hatten oder den "Zusammenbruch" noch immer als einen solchen betrachteten, wieder Auftrieb gegeben hat. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sich das weiter entwickelt hat."

Und wie sehen Sie die Wirkung aus heutiger Sicht?

Hildebrandt:

"Es könnte schon sein, dass ein ziemlich großer Teil dieses Volkes den Kopf dann wieder ein wenig höher getragen hat."

Interview: Susanne Augenreich/DPA

DPA

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