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Disney: Micky Maus sieht schwarz

Jahrzehntelang fielen Disney-Filme durch die Abwesenheit dunkelhäutiger Cartoonfiguren auf, später durch die Verwendung rassischer Stereotype. Jetzt plant Disney eine Trickfilm mit einer Schwarzen als Hauptperson - und fängt sich mächtig Ärger mit der afro-amerikanischen Community in den USA ein.

Von Jörg Isert

2007 ist das Jahr der einschneidenden Veränderungen beim Unterhaltungsriesen Disney. Seitdem der einstige Konzernboss Michael Eisner 2005 abgetreten ist, orientiert sich das Unternehmen zunehmend neu. Gerade erst kam die Ansage, dass in sämtlichen Filmen der Produktionssparten Disney, Touchstone und Miramax künftig nicht mehr geraucht werden darf.

Klassische Zeichentrickfilme fürs Kino

Die größte Überraschung gab es im Frühjahr. Da kündigte Dick Cook, der Vorsitzende der Filmsparte, bei einer Aktionärsversammlung an, die Produktion von klassischen Zeichentrickfilmen fürs Kino wiederaufzunehmen - eine drastische Umkehr von der Geschäftspolitik Eisners. Die zweite Überraschung folgte auf dem Fuße: Die Heldin des neuesten Disney-Films "The Frog Princess" ist schwarz. "Maddy" ist die erste afroamerikanische Trickfigur in der Geschichte des Entertainment-Riesen.

Doch binnen kürzester Zeit wurde die Froschprinzessin zum Problemkind. In den vergangenen Monaten sorgte Maddy für nichts als Ärger bei Disney: Nach der Ankündigung des neuen Films kam es zu einem mittleren Erdbeben in Amerikas schwarzer Internet-Community. Was Disney zwischenzeitlich zu einschneidenden Veränderungen an "The Frog Princess" bewegt hat, auch wenn der Konzern das abstreitet.

Unmut in der schwarzen Community

Internet- und damit aktenkundig sind zahlreiche Kommentare. Es könne nicht sein, dass die Story über eine Schwarze von Weißen geschrieben werde, schrieb eine aufgebrachte Bloggerin. Gemeint waren die beiden Disney-Regisseure Ron Clements und John Musker. Andere Vorwürfe gingen weiter: Dass die Hauptfigur lediglich eine Zofe sei, dazu noch die einer weißen verzogenen Göre, sei ein Unding. "Maddy" sei zudem ein typischer Sklavinnen-Name. Und am Ende werde sie auch noch von einem hellhäutigen Prinz gerettet. Vor einem - natürlich! - bösen schwarzen Voodoo-Priester. Eine Aneinanderreihung von Klischees also.

Die Heftigkeit der Reaktionen ist in der Konzerngeschichte begründet: Im 1946 erschienene Film "Song of the South" - deutscher Titel "Onkel Remus' Wunderland" - schwangen deutliche rassistische Untertöne mit. So einfältig musste der farbige Schauspieler James Baskett die Figur des Sklaven Remus spielen, dass ihm sogar der Zeichentrickhase "Meister Lampe" intellektuell überlegen war. Entsprechend brachte Disney "Onkel Remus' Wunderland" nie auf DVD heraus - trotz des Wunsches vieler Fans.

Kritik auch von Moslems

In Disney-Zeichentrickfilmen kamen jahrzehntelang gar keine dunkelhäutigen Cartoonfiguren vor. Selbst Mowgli und seine kleine "Dschungelbuch"-Freundin sahen recht hellhäutig aus. Erst in den 90er Jahren bewegte sich der Konzern vorsichtig in Richtung Multi-Kulti. Doch obwohl "Aladdin" 1993 die arabische Prinzessin Jasmin zur Freundin hatte, gab es Ärger: Zahlreiche Moslems beschwerten sich, dass ihre Herkunftsländer in dem Film als Orte dargestellt würden, in denen Gewalt offenbar zum guten Ton gehöre. Gleich im Auftaktsong tönte eine Figur: "Ich komme aus einem Land, in dem dir das Ohr abgeschnitten wird, wenn man dein Gesicht nicht mag. Das mag barbarisch sein. Aber hey, was soll's: es ist mein Zuhause!" Disney ließ die umstrittene Textpassage schnellstmöglich ändern.

Auch bei "Pocahontas" gab es einen kleinen Aufschrei. Die Zeichner der Titel gebenden Indianerin hatten sich angeblich von Supermodel Naomi Campbell inspirieren lassen. Von Disney hieß es damals in einer Reaktion, das Gesicht der Figur basiere tatsächlich auf Amerikas Ureinwohnern. Bei "Mulan", in dem die gleichnamige Titelheldin asiatischer Herkunft war, blieb es dagegen ruhig. Noch in "Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt" fristete ein Afroamerikaner 2001 ein Schattendasein als " Nebenfigur.

Film wird umbenannt

Inzwischen ist "The Frog Princess", der Ende 2009 in die US-Kinos kommen soll, in "The Princess and the Frog" umbenannt worden. Und Maddy heißt jetzt Tiana. Zudem ist sie nun eine Prinzessin. In einer Erklärung von Heidi Trotta, der Sprecherin des Unterhaltungsriesen hieß es, dass "Fehlinformationen" durch die Presse gegeistert wären. Tatsächlich befinde sich das "amerikanische Märchen" noch mitten im Entwicklungsprozess. Die Charaktere und Aspekte der Geschichte würden mit größtmöglichem Respekt und Feingefühl behandelt - "weshalb Ihre Informationen nicht richtig sind."

Trotz aller guten Vorsätze: Der Zeichentrickregisseur Don Bluth ("In einem Land vor unserer Zeit", "Anastasia") äußert sich kritisch zur Neuausrichtung. Der 69-Jährige sagte zu stern.de: "Bei Disney geht es zuallererst ums Geschäft. Genauer gesagt um Gier, nicht um Kunst. Ich fürchte, dass das auch bei "The Princess and the Frog" wieder der Fall sein könnte."