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Doku über Jenny Gröllmann: Sie leuchtete bis zum Schluss

Mit "Ich will da sein" hat die Regisseurin Petra Weisenburger ihrer Freundin Jenny Gröllmann ein Denkmal gesetzt. Der Film gibt private Einblicke in die beiden letzten Lebensjahre der 2006 an Krebs gestorbenen Schauspielerin und zeichnet das berührende Bild einer starken Frau, die bis zum Schluss ihr Lachen nie verloren hat.

Von Mark Stöhr

Krumme Beine habe sie gehabt, sagt Henry Hübchen, das sei wohl wahr. Aber sonst: "Schöne Frau, schönes Mädchen, immer schön und interessant geblieben." Und Schauspielerkollege Michael Gwisdek sekundiert: "Von der haben wir Lockerheit gelernt, die war immer locker, locker, locker!" Ein bisschen Nonchalance, ein bisschen Laissez-Faire, ein paar Meter Croisette im miefigen Puppenhaus DDR: Das war Jenny Gröllmann. Sie gehörte nie zu den Künstlern, die sich offen gegen das Regime stellten. Sie nahm sich die Freiheit, die es sich zu nehmen gab, ohne viel Aufhebens, ohne große Kompromisse. Sie wollte spielen und nicht den Staat verändern. Ihr Lachen war Legende und übertrug sich selbst dann noch auf ihre Umwelt, als sich der Krebs schon tief in ihren Körper gefressen hatte.

Petra Weisenburger hat der Schauspielerin, die im August 2006 im Alter von 59 Jahren gestorben ist, ein berührendes Filmporträt gewidmet. Die beiden Frauen waren viele Jahre miteinander befreundet. Als ihr Jenny Gröllmann 2004 erzählte, dass sie nur noch wenige Monate zu leben habe, trommelte Weisenburger einige Filmfreunde- und -bekannte zusammen und begann mit den Dreharbeiten.

Wie eine Gewitterwand schieben sich Schmerzen vors lachende Gesicht

Aus den befürchteten wenigen Monaten wurden zwei Jahre. Wir erleben in "Ich will da sein" eine energische und lebenslustige Gröllmann, wie sie mit alten Weggefährten von früher wie Uwe Kockisch und Jaecki Schwarz Erinnerungen austauscht oder das Grab ihres großen Vorbildes Simone Signoret auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris besucht.

Die Schmerzen, die sie gehabt haben muss, sind oft nur zu erahnen, wie eine dunkle Gewitterwand schieben sie sich für kurze Augenblicke vor ihr lachendes Gesicht. Wenn sie etwa am Tag der Hochzeit mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Claus Jürgen Pfeiffer die Festtafel schmückt, liegt eine bleierne Erschöpfung auf ihrem Körper, doch sie wird zugleich überstrahlt von der Vorfreude auf die letzte große Feier ihres Lebens.

Der Eiserne Vorhang stand einer internationalen Karriere im Weg

In die dokumentarische Erzählung der Gegenwart montiert Regisseurin Weisenburger immer wieder Ausschnitte aus Gröllmanns Filmen. Die Schauspielerin als bildschöne junge Frau in Konrad Wolfs "Ich war neunzehn" von 1967, die es ohne weiteres mit Jean-Luc Godards Muse aus jenen Jahren, Anna Karina, aufnehmen konnte. Oder als gebrochene Trinkerin in einer der vielen "Polizeiruf 110"-Folgen, in denen sie zu DDR-Zeiten mitgewirkt hat.

"In Richtung Romy Schneider würde ich schon denken", sagt Hermann Beyer, der Bruder des DEFA-Regisseurs Frank Beyer, im Film, als er nach einer Klassifizierung gefragt wird. Jenny Gröllmann als die Romy des Ostens, mit dem historischen Pech, für eine internationale Karriere auf der falschen Seite der Mauer gearbeitet zu haben.

Porträt einer Unvollendeten

So ist "Ich will da sein" auch das Porträt einer Unvollendeten. Lange vor der Frist gestorben, am Eingang zum Schauspielerinnen-Pantheon stehen geblieben. "Man hätte doch verflucht gerne viel Größeres gemacht", sagt sie in einem Moment der melancholischen Einkehr. 26 Jahre lang gehörte sie zum festen Stamm des Ostberliner Maxim Gorki Theaters, die großen Parts in den Inszenierungen renommierter Regisseure blieben ihr all die Jahre verwehrt.

"Issy" blieb ein Einzelfall

Nach der Wende kam auch ihre Film- und Fernsehkarriere ins Stottern, ihre Rolle der Anwältin Isolde "Issy" Isenthal in der ARD-Serie "Liebling Kreuzberg" war ein Glücksfall. Doch so komplett konnte sie sich im gesamtdeutschen Kultur- und Unterhaltungsgefüge nie etablieren. Die Krebserkrankung, 1999 erstmals diagnostiziert, tat ihr Übriges.

Weisenbergers Film erzählt aber auch noch eine andere Geschichte. Die vom Auseinanderfallen eines Künstler-Kollektivs nach dem Ende der DDR, das über Jahrzehnte Werke von Weltrang hervorgebracht hatte. In "Ich will da sein" kommen die inzwischen alle zu Ich-AGs gewordenen Hübchens und Gwisdeks noch einmal zusammen, schon in der ersten Szene des Films, dem Tag der Beisetzung Jenny Gröllmanns auf dem Französischen Friedhof in Berlin-Mitte.

Stasi-Vorwürfe passend zum Filmstart

Da hatte längst eine unerbittliche Kampagne tiefe Gräben durch alle Lager gerissen. Passenderweise eine Woche vor Kinostart des Stasi-Dramas "Das Leben der Anderen" wurden Vorwürfe laut, Gröllmann habe als IM gearbeitet und dabei auch ihren damaligen Ehemann Ulrich Mühe bespitzelt. "Wieso werde ich so behandelt, wenn‘s nicht der Wahrheit entspricht?", fragt sie fassungslos. Vor zwei Monaten wurde das Verfahren gegen sie eingestellt. Sie hat es leider nicht mehr erlebt.