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Jenny Gröllmann: Die Romy des Ostens

Jenny Gröllmann, Ex-Frau von Ulrich Mühe, galt in der DDR als "Romy des Ostens". Kurz vor ihrem Krebstod 2006 tauchten Spitzel-Vorwürfe auf. Der Film "Ich will da sein" ist das Porträt einer ebenso kämpferischen wie lebenslustigen Schauspielerin. Im Gespräch mit stern.de erklärt Regisseurin Petra Weisenburger, warum man Stasi-Akten nicht immer trauen darf.

Jenny Gröllmann war in der DDR ein Star und spielte in einer Reihe bedeutender Film- und Fernsehproduktionen mit. Im Westen wurde sie nach der Wende vor allem durch ihre Rolle als Anwältin "Issy" Isenthal in der TV-Serie "Liebling Kreuzberg" bekannt. 2004 erhielt sie die Diagnose, dass sie aufgrund einer Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben habe. Die Dokumentarfilmerin Petra Weisenburger, über viele Jahre mit Jenny Gröllmann eng befreundet, begleitete die Schauspielerin mit der Kamera bis zu deren Tod im August 2006. Der Film "Ich will da sein" ist nun in den deutschen Kinos zu sehen. Er ist eine berührende Liebeserklärung an eine eindrucksvolle Frau, die sich in den letzten Monaten ihres Lebens gegen den - wie man heute weiß - unbegründeten Verdacht stemmen musste, als Inoffizielle Mitarbeiterin für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet zu haben. stern.de traf die Regisseurin zum Gespräch.

Ihr Film "Ich will da sein" ist ein Künstlerporträt über die Schauspielerin Jenny Gröllmann, zugleich aber auch ein Film über die letzten beiden Jahre Ihrer schwerkranken Freundin. Wie gingen Sie mit dieser Doppelrolle als Filmemacherin und Freundin um?

Wenn man wie ich die ganze Krankheitsgeschichte vom Moment der Diagnose miterlebt hat, gewinnt der Wunsch Vorrang, dass Jenny noch so lange wie möglich mit der denkbar höchsten Lebensqualität weiterlebt. Das Filmemachen war da sekundär. Ich passte mich ihrem körperlichen und seelischen Zustand an und organisierte dementsprechend die Dreharbeiten. Sie gab das Zeichen, und ich rückte mit meinem kleinen Team an. Das erforderte ein gewisses Maß an Flexibilität, was ich gerne in Kauf nahm.

Im Film ist Jenny Gröllmann zumeist quirlig, sie lacht viel und strahlt eine große Lebensfreude aus. Spiegelt das ihren Umgang mit der Krankheit wider oder wurde sie vor der Kamera noch einmal zur Schauspielerin?

Jenny hatte immer eine extreme Lebensfreude, die sie sich auch von der Krankheit nie nehmen ließ. Sie fand immer noch irgendwo einen Fetzen positiver Energie. Das war sicherlich auch ein Grund dafür, dass sie länger gelebt hat, als jeder - auch die Medizin - angenommen hat. Für den Moment des Drehens konnte sie die Schmerzen vergessen oder an einen anderen Platz verweisen und sagen "Jetzt seid mal ruhig!". Sie hatte gelernt, mit ihren Schmerzen zu sprechen, wie in so einer Art autogenem Training. Das kann nicht jeder Mensch, sie konnte das. Der Film gab ihr sicher auch noch einmal einen Schub, weil sie sich wahr- und ernstgenommen fühlte als Schauspielerin. Dass sich jemand so stark für sie interessierte, hatte sie ja gerade in der Wendezeit nicht immer erlebt.

Dieses Schicksal teilte sie mit vielen ehemaligen DDR-Schauspielern, die nach der Wende schwer wieder Fuß fassten. Im Westen wurde Jenny Gröllmann vor allem durch ihre Rolle in der Anwaltsserie "Liebling Kreuzberg" bekannt. Von ihrer Arbeit in der DDR weiß man hierzulande dagegen nur wenig. Welchen Stellenwert hatte sie dort?

Sie war in der DDR eine prominente, populäre Schauspielerin. Man sprach ja nicht von Stars. Sie war ein Publikumsliebling, man erkannte sie auf der Straße, gerade durch ihre Arbeit fürs Fernsehen. Sie wirkte in etlichen "Polizeirufen" mit, in denen sie sehr feine, facettenreiche Persönlichkeiten jenseits aller Klischees gespielt hat. Aber auch in zahlreichen DEFA-Produktionen, z.B. in dem Film "Dein unbekannter Bruder" von Ulrich Weiß, der auch im Ausland große Anerkennung fand. Ihre eigentliche Leidenschaft galt jedoch dem Theater. Zu DDR-Zeiten kam sie in dieser Hinsicht leider meist zu kurz. Sie spielte zwar 26 Jahre lang fest am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, war aber nicht immer glücklich mit ihren Rollen. Sie hätte gerne in wichtigen Inszenierungen von angesagten Regisseuren gespielt, z.B. in der legendären Thomas Langhoff-Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern". Doch da wurde sie nicht besetzt. Darunter hat sie gelitten. Im Film oder beim Fernsehen war das anders. Hier war sie gefragt, und ich bin mir sicher, wäre Jenny nicht in der DDR eingemauert gewesen, hätten Regiegrößen wie Godard, Truffaut, Chabrol oder Fassbinder ihre Freude an ihr gehabt.

In politischer Hinsicht war sie eher unauffällig und trat nicht wie andere als regimekritische Künstlerin in Erscheinung. So gehörte sie etwa auch nicht zu den Unterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976.

Jenny wollte keine Politik machen, sondern spielen. Sie verfügte aber über einen großen Freigeist und konnte nein sagen zu Rollenangeboten, die einen propagandistischen Inhalt hatten. Da war sie ganz Kind ihrer Eltern, die während der Nazizeit aktiven Widerstand geleistet und dafür Folter und Konzentrationslager in Kauf genommen hatten. Das hat sie geprägt. Sie empfand es jedoch immer eher als Last, dass man auch von ihr erwartete, wie ihre Eltern politisch engagiert zu sein. Was die Biermann-Petition angeht, erzählte sie mir, dass sie gar nicht gefragt wurde. Für die sei sie viel zu unwichtig gewesen, sagte sie. Das war ein kleiner Theater- und Künstlerkreis. Natürlich hätte sie unterschrieben, zumal sie ja mit Biermann aufgewachsen ist und später noch befreundet war. Als sie mit ihrer ersten Tochter schwanger war, rief er sie damals an und sagte "Komm vorbei, ich besing dir dein Bäuchlein." Sie kam vorbei und er sang.

Eine Woche vor dem Kinostart des Films "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck 2006 wurden Stasi-Vorwürfe gegenüber Frau Gröllmann laut, ausgelöst durch ein Interview ihres Ex-Mannes Ulrich Mühe. Eine gewaltige Kampagne begann. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das war ein Albtraum. Einmal ausgesprochen, waren die Behauptungen nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Einer schrieb vom anderen ab. Wie in einer Tragödie spitzte sich die Situation immer weiter zu. Da lag jemand im Sterben und wurde völlig zu Unrecht an den Pranger gestellt. Ich dachte, das darf nicht wahr sein. Ulrich Mühe war sich damals bei dem Interview nicht im Klaren darüber, was für eine Lawine er lostreten würde. Ich glaube nicht, dass er das gewollt hat. Dem Regisseur von "Das Leben der Anderen" hingegen passte das wunderbar ins Konzept. Der ging damit strategisch um und stilisierte sich mehr und mehr zum alleinigen Besitzer der Wahrheit und zum Historiker und Richter der Nation. Das war durch keine Gegendarstellung aufzuhalten. Jenny sagte: "Das geht nicht. Ich will nicht als Verbrecherin sterben."

Und Sie entschlossen sich, auf eigene Faust zu recherchieren. Mit Erfolg - das Verfahren wurde vor wenigen Wochen nach zwei Jahren endgültig eingestellt.

Ich begann, diese Akte zu studieren, über mehrere Monate, rauf und runter. Ich nahm das Ding richtiggehend auseinander und suchte noch nach anderen Quellen. Das hatte ich eigentlich von Journalisten erwartet oder von Historikern. Mein größter Erfolg war, ins Maxim-Gorki-Theater zu gehen und zu recherchieren, zu welchen Zeiten Jenny auf der Bühne stand. Ich ging sämtliche Vorstellungsbücher durch, wo alles protokolliert wurde: Wann sich der Vorhang hob, wann er fiel, wer in der Besetzung stand. So konnte ich wenigstens fünf der vermeintlichen Treffen mit Stasi-Offizieren widerlegen und beweisen, dass solche Akten nicht unbedingt die Wahrheit sagen, wie bestimmte Fraktionen behaupten.

Sie glauben nicht an einen Einzelfall?

Die Geschichte von Jenny ist sicher nicht die einzige, wo Fiktionen im Spiel sind. Es geht aber auch um den grundsätzlichen Umgang mit den Stasi-Akten in diesem Land. Günter Gaus schrieb zur Debatte um die Öffnung der Akten sehr treffend: "Es macht einen schönen weißen Fuß, wenn man sich dafür äußert. Aber dies hat nach meiner festen Überzeugung die Rechtsstaatlichkeit weit zurückgeworfen, wir haben den Pranger wieder eingeführt. Das sehe ich nicht als Triumph des Rechtsstaates. Es ist tagespolitisch instrumentalisiert worden, es ist eine Marktfrage in den Medien geworden." Das habe ich so erlebt. Die Tatsache, dass die Stasi-Debatte ein solches Übergewicht hat, ist für mich eine Fortsetzung von staatssicherheitlichem Denken und von Denunziantentum. Man sieht nicht die Gefahr, die in diesen Akten steckt. Man muss sie einzeln und ganz differenziert betrachten. Akte ist nicht gleich Akte. Und Akte ist auch nicht gleich Wahrheit.

Es gibt im Film eine einzige Szene, in der Sie die todkranke Jenny Gröllmann zeigen. Sie liegt auf dem Krankenbett und bewegt die Arme gleich einer Dirigentin. Warum haben Sie sich entschieden, dieses Sequenz in den Film zu nehmen?

Weil sie das so wollte. Ich hatte im letzten Jahr keine Bilder mehr gedreht, sondern nur noch Tonaufnahmen gemacht. Sie wünschte sich, so gezeigt zu werden, wie sie wirklich aussah. Wir hatten uns kurz zuvor zusammen einen Artikel im stern angesehen, dem sie ihr allerletztes Interview gegeben hatte. Dort waren auch einige Fotos von ihr abgedruckt. Die seien viel zu schön, sagte sie, so sehe sie nicht mehr aus. Also nahm ich meine Kamera und filmte sie. Davon ist im Film dieser kurze Ausschnitt zu sehen. Der, wo deutlich wird, dass diese Frau und Schauspielerin auch am Ende noch eine unglaubliche Kraft hatte. Wie sie mit den Armen tanzt, mit einem Lächeln, wie sie sich der Musik hingibt. Das war zehn Tage vor ihrem Tod. Jenny hatte einen Lichtstrahl bis zum Schluss.

Interview: Mark Stöhr