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Erotik-Melodram "Chloe": Neuauflage mit Starbesetzung

Atom Egoyans erster Hollywood-Film "Chloe" ist raffiniert, aber nicht neu. Mit Julianne Moore und Amanda Seyfried in den Hauptrollen wird das Remake des französischen Films "Nathalie - wen liebst du heute Nacht?" zu einem faszinierenden Psychodrama.

Wie treu ist mein Mann wirklich? Diese Frage stellen sich sicherlich viele Ehefrauen. Auch die attraktive Ärztin Catherine, eine Frau Ende 40, quält sich damit herum. Denn sie glaubt Anlass zu haben, eine Affäre ihres Mannes zu vermuten. Um Gewissheit zu bekommen, kommt sie auf eine problematische Idee: Sie verpflichtet ein hübsches junges Callgirl namens Chloe. Diese soll bei Catherines Gatten, dem Musikprofessor David, testen, wie widerstandsfähig er sich gegenüber weiblicher Verführungskunst erweist.

Die Handlung von Atom Egoyans neuem Film "Chloe" ist originell, aber nicht neu. Denn der kanadische Filmemacher hat eine Neuauflage des aus dem Jahr 2003 stammenden französischen Films "Nathalie - Wen liebst Du heute Nacht?" in Szene gesetzt. Da in Deutschland nicht viele Zuschauer diesen sehenswerten Streifen aus dem Nachbarland gesehen haben, ist nun nochmals Gelegenheit, das raffinierte erotische und seelische Beziehungsgeflecht dreier Menschen in 96 spannenden Kinominuten zu verfolgen.

Mit Julianne Moore als Catherine und Amanda Seyfried als Chloe kann Egoyan fantastische Hauptdarstellerinnen präsentieren, die ab dem 22. April in den Kinos zu bewundern sind.

Deshalb hat es selbst ein so renommierter Schauspieler wie Liam Neeson als unter Ehebruchverdacht stehender David nicht leicht, eigenes Profil im Geschehen zu bekommen. Neeson macht das Beste aus dieser eher undankbaren Rolle. Umso mehr können sich Julianne Moore als lebenstüchtige Ehefrau, Mutter und Ärztin und Amanda Seyfried als lasziv-phlegmatische Edelprostituierte entfalten. Es ist ein sehr waghalsiger Drehbucheinfall, Chloe mit Catherine im Bett landen zu lassen. Doch die beiden so ungleichen Frauen werden von Moore und Seyfried so glaubwürdig verkörpert, dass der Zuschauer diese erotische Wendung glauben kann.

Für die erst 25-jährige Amanda Seyfried war es eine besondere Herausforderung, die Titelrolle zu übernehmen, spielte doch in der französischen Originalfassung keine Geringere als Emmanuelle Béart die angemietete Verführerin. Seyfried lässt die schöne Französin nicht vermissen und hat mit Sicherheit eine große Zukunft auf der Leinwand vor sich. Die genau ein Vierteljahrhundert ältere Julianne Moore, schon viermal für den Oscar nominiert, setzt die Reihe anspruchsvoller Filme fort, die ihre Kinokarriere seit Beginn der 90er Jahre kennzeichnen. Sie gehört zu den Schauspielerinnen, die immer besser zu werden scheinen, je älter sie werden.

Es dürfte einige Cineasten überrascht und auch enttäuscht haben, dass Atom Egoyan sich zur Inszenierung eines Remakes bereitfand und noch nicht einmal das Drehbuch dazu verfasst hat. Aber er war sowohl begeistert von der Vorlage der Autorin Erin Cressida Wilson wie auch davon, die Handlung in einer Stadt spielen zu lassen, mit der der Sohn armenischer Eltern seit seinem 18. Lebensjahr bestens vertraut ist. Umso leichter fiel es dem Regisseur, den Film mit seiner eigenen Handschrift zu versehen.

Einmal mehr umkreist Egoyan meisterhaft sich auflösende Familienverhältnisse und gestörte Beziehungen, zeigt er Personen, die in ihrer Identität erschüttert sind. Der erste richtige Hollywood-Film des Kanadiers ist herausragendes Unterhaltungskino mit großartigen Schauspielern. Atom Egoyan selbst sieht das ganz unkompliziert: "Chloe spricht mich an, weil dies ein Film ist, den ich selbst gern als Zuschauer sehen würde. Ich habe ihn nicht gemacht, weil ich etwas Bestimmtes damit ausdrücken möchte."

Mehr zu den neuen Kinofilmen in dieser Woche erfahren Sie in Sneak, dem stern.de-Kinomagazin.

Wolfgang Hübner, APN / APN