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Fernseh-Flops: Rote Karte für Fernsehmacher

Die Fernsehchefs sind ratlos: Viele ihrer so erfolgversprechenden TV-Formate sind gescheitert. Neuer Hoffnungsträger sind nun die "Telenovelas", die ins deutsche Fernsehen Einzug halten sollen.

Keine Shows mit Jobsuchenden, keine Sendungen mit Schönheitsoperationen und keine Gefühlsduseleien zur Hauptabendzeit - das Fernsehpublikum hat vielen neuen TV-Formaten in diesem Herbst die kalte Schulter gezeigt. Die Programmverantwortlichen, ob auf Senderseite oder bei den Produktionsfirmen, sind nach den schlechten Erfahrungen vorsichtiger geworden. Ihre Prognosen fallen für das Jahr 2005 deutlich gebremster aus - auf den kommenden Publikumstrend mag sich keiner mehr festlegen, zumal auch Erklärungen für die Rückschläge der vergangenen Wochen fehlen.

Der Hoffnungsträger

Sicher scheinen nur zwei Orientierungslinien, die als Hoffnungsträger für die neue Saison dienen: Die Telenovela, eine in sich geschlossene Geschichte mit 150 bis 200 Folgen mit einer Hauptfigur, wird das deutsche Fernsehen heimsuchen. "Bianca", Start Anfang November im ZDF, wird daher auch von der Konkurrenz mit Interesse verfolgt. Sat.1 schickt Anfang 2005 die erste eigene Telenovela (auf Deutsch: Fernsehroman) nach lateinamerikanischem Vorbild ins Rennen - Arbeitstitel: "Alles nur aus Liebe". In einigen Produktionsschmieden, unter anderem bei der Bavaria in München, werden derzeit Telenovelas entwickelt.

Trend zwei gibt Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski vor: Er traut der "Impro-Comedy" viel Potenzial zu, wie er bei den Medientagen in München erläuterte. Der Erfolg der "Schillerstraße" habe ihn in der Annahme bestärkt, dass weiterhin TV-Formate, in denen Komiker improvisieren anstatt vom Blatt abzulesen, Chancen haben. Auch Hugo Egon Balders "Genial daneben" sei ein Produkt, in dem Komiker sich auf ihren Bauch und ihre Spontaneität statt aufs Auswendiglernen von humoresken Sprachhülsen verlassen. Produzent Borris Brandt von der Firma Endemol setzt auf "Big Brother" für immer, "eine Art 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten' mit echten Leuten", wie er sagt.

Ratlosigkeit macht sich breit

Aber es ist schwer, sich am Tisch etwas auszudenken, das im Fernsehen zum Massenerfolg wird. "Früher hat man sich auf sein Bauchgefühl verlassen, und es hat geklappt", sagt WDR- Unterhaltungschef Axel Beyer. "Heute braucht man dazu die Marktforschung." Aber auch die hat ihre Haken. Denn die Urteile der Testpersonen weichen oft vom tatsächlichen Sehverhalten des Publikums ab. "Wir waren der felsenfesten Überzeugung, dass die Show funktioniert", sagt Beyer über die von ihm verantwortete ARD-Sendung "Für Dich tu ich alles" mit Sebastian Deyle. "Aber der Zuschauer hat uns die rote Karte gezeigt. Ich weiß einfach nicht, woran es liegt."

Schawinski knabbert immer noch an der Reihe "Kämpf um Deine Frau". "Unsere Erwartungen waren hoch, auch die in uns gesetzten Erwartungen. Im Vergleich zur Quizshow, die zuvor auf dem Sendeplatz gezeigt wurde, blieb die Quote allerdings unbeschädigt." Die Hoffnungen jedoch erlitten einen Dämpfer. Ähnliches galt für Anke Engelkes Late-Night-Show, die nach dem Willen aller Beteiligten eingestellt werde. "Anke war die beste Chance nach Harald Schmidts Abschieds, das Genre dem Fernsehen zu erhalten." Und Produzentin Ute Biernat (Grundy Light Entertainment) gesteht: "Nach John de Mols 'Hire or Fire' hatten wir auch Angst, dass unser RTL-Format 'Big Boss' Schaden nehmen könnte - es ist aber eine andere Sendung."

Apropos "Hire or Fire" - Laut Produzent Borris Brandt hatten vor dem Start in einer Umfrage 87 Prozent der Zuschauer gesagt, sie kennen den holländischen Fernsehmacher. Oder verwechselten sie ihn mit der Schwester Linda, hielten sie ihn für den Vater, den Mann? "So weit sind wir dann aber wohl nicht in die Tiefe gegangen", räumt Brandt ein.

Carsten Rave/DPA / DPA