Slowenien Das Musterländle lockt Slowaken und Polen


Als wirtschaftliches Musterländle galt Slowenien schon zu Zeiten von Jugoslawien-Gründer Tito. Seit der EU-Erweiterung ist es ein Magnet für Arbeitssuchende aus anderen Beitrittsländern.

Zog es einst vor allem Serben oder auch Kroaten zur Arbeit in die nördlichste Republik des ehemaligen Jugoslawien, so sind es jetzt Jobsuchende aus anderen neuen EU-Mitgliedsstaaten wie der Slowakei und Polen. Für die Slowenen war von vornherein klar, dass sie sich schnell in die Europäische Union integrieren würden. Das wirtschaftliche Umfeld war ohnehin seit langem von der Nähe zu Österreich und Italien geprägt.

Slowenen packen im eigenen Land an

Ein Abwandern von qualifizierten slowenischen Arbeitnehmern nach Norden stand nie zur Debatte. Ein Jahr nach der Eingliederung der ersten ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik in die EU packten die als bodenständig geltenden Slowenen lieber im eigenen Land an. Laut Statistik gingen nur rund 300 Menschen auf Arbeitssuche in andere EU-Staaten. Ein anderer, nicht erwarteter Effekt trat ein: Die kleine Alpenrepublik wurde zu einer interessanten Arbeitsadresse - von einem Geheimtipp war die Rede.

Nach Angaben aus dem Ministerium für Arbeit und Sozialwesen in Ljubljana wurden in Slowenien mit seinen knapp zwei Millionen Einwohnern Anfang dieses Jahres rund 40.000 ausländische Arbeiter gezählt. Die meisten - dies ist eine jahrzehntelange Tradition - kamen aus den ehemaligen Bruderrepubliken des nicht mehr existierenden Jugoslawien. Tendenz fallend. Dazu kamen 3300 Arbeitnehmer aus dem EU-Ausland - das sind fast 1200 mehr als noch vor einem Jahr. Die meisten Gastarbeiter waren Slowaken (fast 1000), die anderen Polen und Tschechen.

Magnet für "Gastarbeiter"

Wenn man sich auf den zahlreichen Baustellen umsieht, dann ist das dem Slowenischen verwandte, aber dennoch gewöhnungsbedürftige Slowakisch immer häufiger zu hören. Mit umgerechnet 400 Euro Nettogehalt im Monat verdient ein Slowake oder Pole in Slowenien zwar deutlich weniger als in Deutschland und knapp mehr als in seiner Heimat, doch in Slowenien wird sowohl für Unterkunft und Verpflegung zusätzlich gezahlt. Zudem gibt es in der Regel zwei kostenlose Reisen nach Hause.

Ein Grund dafür, warum sich auch Piotr Ochman, ein gelernter Elektrotechniker aus Warschau, für das Angebot eines Bauunternehmers aus Ljubljana entschieden hatte, wie er der slowenischen Tageszeitung "Finance" erläutert. Er malt jetzt die Fassaden in der slowenischen Hauptstadt an. Einen Massenansturm seiner Landsleute nach Slowenien erwarte Ochman nicht. "Die meisten zieht es in die Alt-EU, vorwiegend Deutschland. Die wissen gar nicht, dass es in Slowenien auch Möglichkeiten gibt", sagt der Pole. Der slowenische Bauunternehmer Janez Reple erläutert: "Seit der EU-Mitgliedschaft Sloweniens ist es noch schwieriger, Arbeiter aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien anzustellen." Reple sagte der "Finance": "Die Polen sind bei uns willkommen, das zeigt auch die Fairness, mit der wir sie behandeln."

Mangel an Ärzten und Krankenpflegern

Auch wenn sich die Zahl ausländischer Arbeitnehmer angesichts einer Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent erhöhen könnte, ist nach Meinung der Wirtschaftsexperten ein Konflikt auf dem kleinen slowenischen Arbeitsmarkt nicht in Sicht. So sind Ausländer weiterhin willkommen, vor allem dann, wenn sie helfen können, den Mangel an Arbeitskräften an den notwendigsten Stellen zu lindern. Seit Jahren gibt es einen chronischen Mangel an Ärzten und Krankenpflegern. Und da die Aufnahme des Nachbarn Kroatien in die EU noch in weiter Ferne liegt, werden sich die slowenische Wirtschaft und der Staat wohl noch intensiver in der EU-Nachbarschaft nach neuen Arbeitskräften umsehen müssen.

Igor Bergant/DPA DPA

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