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Fernsehen: Trittbrettfahrer auf allen Kanälen

Die Erfahrung zeigt: Wer TV-Formate kopiert, fällt auf die Nase. Trotzdem wollen fast alle großen Fernsehsender im Herbst einen Talentewettbewerb im Programm haben, der dem Superstar-Format stark ähnelt.

Alexander Klaws ist Deutschlands Superstar - als Sieger im Finale der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" am 9. März. Inzwischen greift der Spielmodus, einen "Superstar" in einer Showreihe mit Jury- und Telefonvoting zu bestimmen, als Reaktion auf den RTL-Erfolg um sich. In der zweiten Jahreshälfte werden vermutlich alle großen Fernsehstationen einen TV-Talentewettbewerb im Programm haben, der dem Superstar-Format zumindest stark ähnelt. Und das, obwohl sich schon oft gezeigt hat, dass Trittbrettfahrer leicht auf der Nase landen. "RTL hat in den letzten zehn Jahren die entscheidenden Trends in der Unterhaltung gesetzt", sagt Unterhaltungschef Tom Sänger und verweist dabei auf die Welle von Quizshows nach dem Erfolg von Günther Jauchs "Wer wird Millionär?". "Es überrascht nicht, dass andere versuchen. RTL zu kopieren. Aber die Vergangenheit zeigt: Der Zuschauer weiß zwischen Original und Kopie genau zu unterscheiden." Im Herbst werde RTL die zweite Staffel des Musikwettbewerbs "Deutschland sucht den Superstar" auflegen.

Konkurrenten holen sich blutige Nasen

In der Tat haben sich viele Konkurrenten mit Quizshows blutige Nasen geholt. Besonders SAT.1 musste eine Sendung mit Milena Preradovic einstellen und andere Formate zurückfahren, das ZDF hatte mit einem Ulla-Kock-am-Brink-Quiz keinen durchschlagenden Erfolg. Trotzdem scheinen die Fernsehstationen daraus nicht gelernt zu haben. "Die Sender geraten leicht in Panik, wenn die Mitstreiter erfolgreiche Produkte vorlegen", sagt der Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos aus Potsdam. "Jeder beißt sich da in den Hintern, wenn er nicht an die wertvolle Lizenz herangekommen ist."

Auch das ZDF steht dieses Mal beim Phänomen der "Superstarisierung" ganz oben an. Die Mainzelmännchen suchen im Herbst nicht nur den "größten Deutschen", sondern auch in einer siebenteiligen Staffel ab September "Die Deutsche Stimme 2003". 21 Kandidaten sollen gegeneinander antreten, um zum Schluss den besten Schlagersänger unter sich auszumachen. Die Wahl hat der Zuschauer. "Man kann das Fernsehen nicht neu erfinden", sagt ZDF-Sprecher Alexander Stock. "Es gibt auch Beispiele dafür, dass die Kopien erfolgreicher sind als das Original - dies trifft auf unsere Gerichtsshow 'Streit um drei' zu, die von den Privaten kopiert wurde."

Das Wort hat der Zuschauer

Der erste Sender, der nach dem Superstar-Prinzip verfährt, ist jedoch SAT.1. Der Berliner Privatkanal wird bereits im Sommer in der von Kai Pflaume moderierten Show "Star Search" nach dem besten Sänger unter Kindern, dem besten Sänger unter Erwachsenen, dem besten Model und dem besten Comedian Ausschau halten. Das Wort hat auch in diesem Fall der Zuschauer. Positiver Effekt für die Sender ist, dass in allen Fällen Nebeneinnahmen durch kostenpflichtige Anrufe erzielt werden. Ähnliches dürfte die ARD anstreben, die ihre Schlager-Grand- Prix-Vorentscheidung gerne nach dem österreichischen Format «Starmania» ausgerichtet hätte - und dieses wiederum ist eine Kopie des RTL-Superstars. Dabei ist die ARD gebranntes Kind: Mit dem Wettbewerb "Deutschlands Talente" zu Beginn dieses Jahres landete das Erste einen großen Flop. Die Sendung wurde ins Nachmittagsprogramm verbannt. Was die ARD nicht daran hindert, weiter nach dem Superstar- Prinzip zu casten: Die Serie "Marienhof" sucht in verschiedenen deutschen Städten den neuen Soap-Star - mit der Hilfe der Fans natürlich. Und auch das Deutsche Sportfernsehen (DSF) fordert seine Zuseher auf, Deutschlands Aufsteiger zu ermitteln, und meint damit die Kicker, die von der zweiten in die erste Liga hoch wollen.

Carsten Rave / DPA