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Film & TV: Michelle Pfeiffer ist die schönste Rabenmutter

Malerin Ingrid ist so schön wie "Weißer Oleander" und genauso gefährlich: Mit einem Giftcocktail aus jener Pflanze meuchelt sie ihren Liebhaber, der es gewagt hat, sie zu verlassen.

Die freigeistige Malerin Ingrid ist so betörend schön wie "Weißer Oleander", so der Titel des am 6. Februar anlaufenden Filmes, und genauso gefährlich: Mit einem Giftcocktail aus jener Pflanze meuchelt sie ihren Liebhaber, der es gewagt hat, sie zu verlassen.

35 Jahre Gefängnis sind für Ingrid kein zu hoher Preis für ihren ebenso raffinierten wie kaltblütigen Mord. Dass sie ihre 13-jährige Tochter Astrid damit in den Abgrund stößt, sieht sie als erzieherischen Härtetest an. Für das scheue Mädchen, das in symbiotischer Beziehung mit ihrer willensstarken und kunstverliebten Mutter lebte, beginnt ein fünfjähriges Martyrium, in dem mehrmals Gefahr für Leib und Leben besteht. In kalifornischen Fürsorgeheimen und in den Fängen durchgeknallter Pflegemütter erlebt Astrid eine brutale "education sentimentale", bei der sich jedoch die leibliche Mama als die schlimmste Widersacherin entpuppt.

Ein Frauenfilm

Wie kein anderer Film hat dieser das Etikett "Frauenfilm" verdient, geht es doch um einen weiblichen Teenager auf Identitätssuche in feindlicher Umgebung und um eine neurotische Mutter-Tochter-Beziehung; nebenbei werden noch mehr Schmerzensfrauen porträtiert. Nur die reißerischsten Episoden der bewegenden Romanvorlage von Janet Finch fanden auf die Leinwand, und was im Besteller fein ziseliert geschildert wird, erscheint im Hochglanzfilmbild oft oberflächlich und kolportagehaft.

Immerhin beweist Regisseur Peter Kosminsky mit seinem Kinodebüt ein Händchen für stimmige Details und Milieus und kreiert farbige und spannende Charaktere - wenn er sich auch hütet, so realistisch im Dreck zu wühlen, wie es im Roman geschieht, und Astrids Odyssee deshalb zeitweise in die Nähe eines sozialromantischen Abenteuer-Urlaubs gerät.

Verfolgt von eifersüchtigen Frauen

Astrids erste Pflege-Station ist die Familie einer feurigen Unterschicht-Venus, ehemaligen Striptease-Tänzerin und wiedergeborenen Christin, die mit Killerdekollete ihren Prediger verwirrt. Die zweite eine erfolglose Schauspielerin allzu sanften Charakters, reich und unglücklich verheiratet, die das empfindsame Künstlerkind mit Liebe und einer ästhetischen Umgebung verwöhnt.

Die dritte eine Rock-’n’-Roll-süchtige, geldgierige Exil-Russin, die Mülltonnen plündert und mit ihren Pflegetöchtern über die Flohmärkte zieht. Am Ende wartet, trotz aller Kassandra-Rufe ihrer radikalfeministischen Mutter, ein netter Junge auf Astrid. Ihre Schönheit liegt wie ein Fluch auf der Halbwüchsigen, die - so viel sei verraten - vor allem von eifersüchtigen Frauen fast umgebracht wird und an deren Fersen das Pech zu kleben scheint.

Mit eisigen Augen

Mit brieflichem Psychoterror versucht ihre Mutter, die das "spießbürgerliche Glück" verachtet, aus dem Gefängnis heraus Einfluss zu nehmen - bis sich die Tochter vom scheuen blonden Reh zur punkigen Rebellin mit antimama-schwarz gefärben Haaren wandelt und ihrer narzisstischen Mutti, die Astrids Aussage für eine Prozesswiederaufnahme braucht, die Zähne zeigt.

Eine fast bedrohliche Ballung weiblicher Starpower verleiht jedoch diesen fotogen gebrochenen Geschöpfen genug Wahrhaftigkeit, um manche Trivialität vergessen zu machen. Mit ihren eisigen Augen und scharfen Wangenknochen spielt Michelle Pfeiffer ihre Filmtochter, die etwas fade Alison Lohman, mühelos an die Wand. Als biestig-intelligente Mutter, die große philosophische Töne spuckt und nietzscheanisches Überfrauentum predigt - "Liebe schwächt, Hass macht stark" -, gar eine liebende Pflegemutter in den Selbstmord treibt, macht sie gruseln - und fasziniert. Schade, dass sie so selten auftritt.

Robin Wright als schießwütige Schlampe

Ebenso großartig sind Robin Wright als schießwütige Schlampe und Renee Zellweger. Als nervös-labile Schauspielerin, die Pflegekind Astrid ihre einstigen Glanzrollen in Horrorfilmvideos vorführt, ist sie kaum wieder zu erkennen. Dabei handelt es sich sogar um Zellwegers echte Jugendsünden in filmischen Gurken wie "Kettensägenmassaker 2" - doch für ihren Auftritt in "Weißer Oleander" braucht sie sich nicht zu schämen. Und man darf gespannt sein, ob Michelle Pfeiffer als schöne Rabenmutter endlich mal einen Oscar kriegt

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