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Berlinale-Bilanz: Vermählung von Multiplex und Multikulti

Bei der 59. Berlinale hat sich das bewährte Konzept durchgesetzt: Während des Festivals stehen die großen Hollywood-Stars im Mittelpunkt, die Preisverleihung gehört dann dem Weltkino. Davon profitierte auch ein deutscher Film.

Von Carsten Heidböhmer und Sophie Albers

Zehn Tage lang drehte sich auf der Berlinale alles um die großen Stars. Wieder einmal gelang es Festival-Leiter Dieter Kosslick, einige der Top-Schauspieler dieser Welt in die kalte deutsche Hauptstadt zu locken und den Filmfestspielen den in einer Mediengesellschaft so wichtigen Glamour zu verleihen. Demi Moore, Michelle Pfeiffer, Renée Zellweger, Keanu Reeves, Willem Dafoe, Kate Winslet - zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen, Berlin sei nur einen Steinwurf von Hollywood entfernt.

Dass Jahr für Jahr so viele Prominente die weite Reise antreten, zeigt, welchen Stellenwert die Berlinale in der Filmwelt einnimmt. Gleichzeitig wird auch Berlin als Drehort immer wichtiger. Allein während der letzten Tage waren mit Quentin Tarantino und Roman Polanski zwei bedeutende Regisseure in der Stadt, um hier neue Filme zu drehen.

Die Preisverleihung gehört der Welt

Das ist alles wichtig für das Festival, um in den nationalen und internationalen Medien präsent zu sein. Doch einzigartig wird die Berlinale durch die jedes Jahr von neuem praktizierte Arbeitsteilung, die man auf den folgenden Nenner bringen könnte: Das Festival gehört den Hollywood-Stars, die Preisverleihung gehört der restlichen Welt. Immer wieder prämiert die Jury Filme aus entlegenen Teilen der Welt und verschafft ihnen damit eine Aufmerksamkeit, die sie sonst nicht bekommen hätten. In den letzten Jahren gewannen Filme aus Brasilien, China oder Bosnien und Herzegowina.

Es war klar, dass die Preisverleihung einer Berlinale-Jury unter der Leitung von Tilda Swinton etwas Besonderes sein würde. Und die sieben Juroren haben nicht enttäuscht: Aus Wettbewerbsbeiträgen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, gingen die ungewöhnlichsten Filme als Preisträger hervor.

Diesmal ging der Goldene Bär an die spanisch-peruanische Produktion "La Teta Asustada" (Die Milch des Leidens). Die 32-jährige Regisseurin Claudia Llosa erzählt darin von einer jungen Frau, die an den Folgen des Jahre zurück liegenden Terrorsystems in Peru leidet. Es war das erste Mal, dass ein peruanischer Film im Wettbewerb der Berlinale antrat - und dann gleich ein solcher Triumph!

Starke Frauen

Starke Frauen vor und hinter der Kamera waren auf der 59. Berlinale immer wieder Thema, so auch in Maren Ades "Alle Anderen", einem von zwei deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Der Film zeigt turbulente Szenen einer Beziehung. Die österreichische Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr gewann den Silbernen Bären als Darstellerin, Regisseurin Ade den Großen Preis der Jury.

Auch der Silberne Bär für die beste Regie ging an eine Geschichte, die von Frauen getragen wird: "About Elly", ein Film über eine Frau, deren plötzlicher Tod die Wahrheit über Freundschaften, Ehen und Denkstrukturen ans Licht bringt - gedreht von dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi.

Die längste aller Dankesreden

Der afrikanische Schauspieler Sotigui Kouyate wurde als bester Darsteller geehrt. Er spielt in dem Drama "London River" einen Vater, der nach den Terroranschlägen in der britischen Hauptstadt seinen Sohn sucht. Der beeindruckende Mime hielt die wohl längste Dankesrede in der Geschichte der Berlinale. Und niemand wagte zu unterbrechen.

Gleich mehrere Freudensausbrüche hintereinander feierte der Regisseur Adrián Biniez. Sein Film über einen Sicherheitsmann, der sich vor seinen Überwachungsmonitoren im Einkaufszentrum in eine Putzfrau verliebt, gewann gleich drei Mal: den Großen Preis der Jury, der diesmal geteilt wurde, den ebenfalls geteilten Alfred-Bauer-Preis für Innovation im Film, und den Preis für den besten Erstlingsfilm. Ganz außer Atem vom Danke-Sagen, rief der glückliche Biniez schließlich ins Mikro: "Ich will meine Mama!" Bei der Dankesrede für den Goldenen Bären war sogar gesungen worden.

Die andere Hälfte des Alfred-Bauer-Preises ging an den Altmeister Andrzej Wajda. Er wurde für seine Meditation über Liebe und Vergänglichkeit "Tatarak" geehrt. Der Silberbär für das beste Drehbuch ging an Oren Moverman und Alessandro Camon für "The Messenger" mit Woody Harrelson als Kriegsveteran, der Familien von Gefallenen die Todesnachricht überbringt. Peter Stricklands "Katalin Varga" gewann in der Kategorie herausragende künstlerische Leistung/Sound-Design.

Verlierer des Abends

Der Verlierer dieser Berlinale ist Hans-Christian Schmid, dessen beeindruckendes Drama "Storm" über das UN-Tribunal zu den Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien komplett leer ausging. Und das, obwohl er von vielen als Favorit gehandelt wurde. Da ist es verständlicher, dass der wunderbare, aber auch leichte "My One And Only" mit Renée Zellweger gar nicht bedacht wurde, schließlich hat sich die Berlinale immer auch als politisches Festival verstanden.

Das schönste Schlusswort kam von Jury-Mitglied Christoph Schlingensief: "Ich habe erschöpft angefangen, nun geht es mir fantastisch."

Fantastisch geht es auch der Berlinale: Einmal mehr erwiesen sich die Filmfestspiele als großer Publikumsmagnet, der neben Journalisten und Fachbesuchern auch ganz normale Kinogänger anzieht. Von Krise ist hier nichts zu spüren: Zuschauer, Stars, Sponsoren - alles, was ein gutes Festival braucht, ist hier vorhanden. Jetzt trennt einen einzig das deutlich schwächere Wettbewerbsprogramm von Cannes.

Mitarbeit: Kathrin Buchner, Bernd Teichmann, Matthias Schmidt