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Filmstart "Rückkehr ans Meer": Bauchgefühle

Soviel Glück konnte Regisseur Francois Ozon kaum fassen: Hauptdarstellerin Isabelle Carré war bei den Dreharbeiten im sechsten Monat - und verleiht der Geschichte um eine zweifelnde Schangere umso mehr Authenzität.

Mousse und ihr Freund Louis sind süchtig nach Liebe, Sex und Drogen. In einer luxuriösen Wohnung in Paris, die der Mutter von Louis gehört, vollzieht sich das Drama des Paars. Denn beide jagen eine Überdosis Heroin in ihre schon geschwächten Körper, Louis stirbt daran, Mousse aber wacht nach einem wochenlangen Koma wieder auf. Sie wird leben und sogar Leben schenken, denn Mousse ist schwanger. Um in Ruhe und Abgeschiedenheit auf die Geburt des Kindes warten zu können, zieht sie sich aufs Land zurück.

Dort, ganz in der Nähe des Meeres, besucht Paul, der Bruder des toten Louis, die Schwangere. Paul ist ein außergewöhnlich hübscher junger Mann, schwul und bald schon mit einem neuen Liebhaber namens Serge an der Seite. Mousse mit ihrem dicken Bauch und das Männerpaar sind ein merkwürdiges Gespann, gemeinsam verleben sie schöne Tage in einer schönen Landschaft. Doch liegt stets eine Spannung in der Beziehung zwischen Mousse und Paul, die erotische Funken schlägt. Am Ende des Films, die Frau hat das Kind geboren und Paul besucht die junge Mutter im Krankenhaus, kommt es zu einem verblüffenden Rollentausch zwischen den beiden.

Das ist die Handlung des neuen Films "Rückkehr ans Meer" von Francois Ozon, der ab dem 9. September in die Kinos kommt. Einmal mehr ist es dem französischen Filmemacher gelungen, mit einfachen Mitteln eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen, die anrühren und aufwühlen kann. Das ist allerdings nicht nur Ozons Verdienst allein, sondern bei diesem Film ganz besonders auch dasjenige von Isabelle Carré, der Darstellerin von Mousse. Carré war nämlich zum Zeitpunkt der Dreharbeiten tatsächlich schwanger, und zwar bereits im sechsten Monat.

Ozons Lust am Bauch der Hauptdarstellerin

Der Bauch, der auf der Leinwand mehrfach ganz groß zu sehen ist, musste nicht künstlich geschaffen werden und die schöne Schauspielerin deshalb keine werdende Mutter mimen. Das gibt dem in sehr leisen Tönen gehaltenen Drama eine besondere Authentizität, die der Betrachter auch wahrnimmt. Isabelle Carré hat zu ihrer Arbeit gesagt: "Ich war letztlich nicht so sehr auf den Film konzentriert. Und doch hatte ich ein sehr genaues Gefühl für meine Figur, wie sie ist, die Lust, sie zu spielen, die Angst, die gelegentliche Erschöpfung. All das ergibt ein reichhaltiges Bild."

Regisseur Ozon hat aus seiner Homosexualität noch nie einen Hehl gemacht, gleichwohl gibt es kaum einen Filmemacher der Gegenwart, der mit solcher Leidenschaft schöne Frauen auf der Leinwand inszeniert. Diesmal hat sich der Franzose seinen Wunsch erfüllt, eine attraktive Schwangere zu filmen: "Es ist faszinierend, eine schwangere Frau zu betrachten. Ihr Körper verwandelt sich, wird runder. Ich sagte Isabelle gleich zu Beginn: 'Ich will deinen Körper erotisieren, deinen Bauch. Ich werde ihn filmen, ihn liebkosen, er ist das Thema des Films.'"

Ganz nebenbei schafft Ozon das Kunststück, auch noch eine schwule Liebesbeziehung ansprechend in Szene zu setzen und es sehr verständlich zu machen, dass es zwischen Paul und der hochschwangeren Mousse zu einer sinnlichen Begegnung kommt. In dem Paul-Darsteller Louis-Ronan Choisy verfügt Ozon über einen Schauspieler, der schwulen Männern wie auch Frauen aller Altersgruppen ganz sicher gefallen wird und dazu noch Talent hat. Die 90 Minuten von "Rückkehr ans Meer" sind ein lohnendes Kinoerlebnis, dessen verstörender Schlusseffekt eifrig auf dem Nachhauseweg diskutiert werden kann.

Wolfgang Hübner, APN / APN