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Gerichtsshows: Recht, und billig

Talkshow im neuen Gewand - wer hier lügt, wird nicht ausgebuht, sondern verknackt. Im TV-Gerichtssaal gibt es nur zwei Sorten Mensch: Juristen und Laiendarsteller. Die Realität muss leider draußen bleiben.

Der Boom der nachmittäglichen Talkshows wäre ohne das Privatfernsehen nicht denkbar gewesen. Geifernden Furien und Maulhelden in freier Bildbahn zu beobachten wurde zum Volkssport. Und wenn alles gesagt war, dann fing man mit der Themenliste einfach vorne wieder an.

Doch irgendwann waren die Sofas durchgesessen, die Gesichter der Moderatoren auswechselbar und die kuschelige Wohnzimmeratmosphäre langweilig geworden. Zeit für die Kulissenschieber. Die rückten zuerst ausgerechnet beim sympathischen Familiensender Sat1 an. Raus mit dem Sofa und runter mit den bunten Tapeten. Stattdessen Holzvertäfelung und Kronleuchter - und schon lebte der Gerichtssaal in einer Pracht, die im örtlichen Amtsgericht selten zu finden ist.

Blick frei aufs deutsche Rechtssystem

Seit 1999 schieben die forsche Babsi und der gemütliche Alex von Sat1 sowie ihre farblosen Kollegen von RTL jeden Nachmittag für uns die schwedischen Gardinen beiseite: Blick frei auf das deutsche Rechtssystem. Und was gibt's in "Richterin Barbara Salesch", "Richter Alexander Hold" (beide Sat.1), "Das Strafgericht", "Das Familiengericht" und "Das Jugendgericht" (RTL) nicht alles zu sehen: neidische Kollegen, cholerische Ex-Freunde, tratschsüchtige Nachbarn und Gossenslang, der Jungrapper auf MTV vor Neid erblassen lassen würde. Wie vorher in den Talkshows also, nur die Sitzverteilung ist anders.

Die Auflösung lauert im Publikum

In der Mitte des inszenierten Spektakels thronen Babsi, Alex und Konsorten, rechts die Staatsanwaltschaft, links die Fraktion der Bösen plus Verteidiger. Täter, Zeugen und Nebenkläger sind die neue Spielart des alten Plaudergastes - sie leiden und fluchen wie gewohnt. Nur die Outfits wurden noch etwas schriller. Dann gibt's noch das Publikum, das die Bänke im Saal in solchen Massen füllt, dass dem durchschnittlichen Amtsrichter Tränen der Rührung in die Augen treten könnten.

Der Kameraschwenk ins Volk ist schon deshalb wichtig, weil von dort meist kurz nach der ersten Werbepause ein Überraschungszeuge mit dem entscheidenden Hinweis zum Fall auftaucht. Nachdem der Staatsanwalt die Anklage verlesen hat, bestreitet der Angeklagte erst einmal alles und blickt hilfesuchend zu seinem Verteidiger. Drama pur. Und wehe der Spielverderber verweigert die Aussage.

Nur nicht durch Juristengeschwafel verwirren

Verteidiger gibt es grundsätzlich nur in den Varianten beinhart, intellektuell und schultertätschelnder Mutti-Typ. Coolness und Wortwitz sind die wichtigsten Kampfmittel. Wer jedoch in Fachterminologie verfällt und Worte wie "Ingerenz" oder "adäquat kausal" in den Raum wirft, muss zur Strafe eine Runde lang den Staatsanwalt angiften und hinter den Kulissen einen Euro in die Kaffeekasse werfen. Hauptsache, die Spannung steigt.

Fünf Minuten vor Verhandlungsende packt der Überraschungszeuge dann pflichtbewusst seinen Überraschungskoffer aus, der Schuldige bricht geständig zusammen, und ab und zu wird im Gerichtssaal noch schnell eine Festnahme erklärt. Großartig - hier wird Grundvertrauen in das Funktionieren des deutschen Rechtssystems hergestellt.

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Besonders wichtig: Es menschelt im Saal. Ganze Riegen von Laiendarstellern dürfen je nach Stimmungslage entsetzt nach Luft schnappen oder Tränen vergießen. Niemand glaubt ihnen die Hausfrau, die Schülerin oder den Zuhälter. Aber sie geben sich Mühe. Und das rührt - powered by emotion eben. Da passt es ganz gut, das Richter Hold den Traum jeder Schwiegermutter verkörpert, während Richterin Salesch, mit ihrem prüfenden Blick über die Brille und dem roten Schopf, eher Jungs anspricht, die selbst noch bei Muttern wohnen. Heimlicher Star: Der Staatsanwalt Bernd Römer. "So manche Frauenherzen höher schlagen" lässt der Bernd laut Sat1 - da hat man also ganz im Vorübergehen gleich einen Ersatzmann für Kai Pflaume gefunden.

Und genauso wie bei "Nur die Liebe zählt" ist auch im TV-Gericht alles überlebensgroß und doch in den niedrigsten Niederungen menschlichen Lebens angesiedelt. Nur für die Realität hat das Drehbuch keine Hauptrolle vorgesehen. Obwohl das deutsche Strafgesetzbuch Themen von Urkundenfälschung und Scheckkartenbetrug über Freiheitsberaubung und Diebstahl bis hin zum Hausfriedensbruch bietet, haben die Drehbuch-Autoren in der Regel bei Körperverletzung und sexueller Nötigung aufgehört, im Gesetz zu blättern. Macht auch nichts, so kann sich der Zuschauer viel schneller als Fachmann fühlen.

Farbe statt Fakten

Im Vorspann kracht ein aus Amerika entliehener Hammer auf den Richtertisch, im Gerichtssaal sorgt ein Uniformierter für Ordnung - kleine wirklichkeitsferne Farbtupfer, jetzt, wo die bunten Tapeten weg sind. Serviceaspekte und Zuschauermeinung, um die sich die Öffentlich-Rechtlichen noch in "Wie würden Sie entscheiden?", "Verkehrsgericht" und "Streit um Drei" bemühten, sind bei den Privaten dem Drama zum Opfer gefallen. "Erfolgreiche Court-Show-Tradition von Sat.1" nennt sich das Konzept heute, und dem anfänglichen Schiedsgericht, in dem ohne Blut, Schweiß und Tränen um unbezahlte Rechnungen gerungen wurde, trauert niemand hinterher. Noch läuft das Laienspiel um Recht und Gesetz sehr erfolgreich. Die Psychotherapeuten-Show oder die Ermittler-Soap wären ohne dieses Vorspiel kaum denkbar gewesen. Und wenn der Hammer doch irgendwann fällt, wird einfach schnell eine neue Kulisse gezimmert. Die Verhandlung um die menschliche Seele ist niemals geschlossen.

Claudia Fudeus