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Kerkelings Kino-Erfolg: Zeitreise auf der Leinwand: Warum uns "Der Junge muss an die frische Luft" so sehr berührt

Die Verfilmung von Hape Kerkelings Biografie rührt Millionen Zuschauer und versetzt sie zurück in ihre Kindheit. In eine Zeit, in der nicht alles besser, aber manches wärmer und direkter war.

Von Jochen Siemens

Biografie von Hape Kerkeling: Trailer: "Der Junge muss an die frische Luft"

Auf der Leinwand eines Hamburger Kinos singt ein Junge mit einem Kochlöffel als Mikrofon den Roy-Black-Schlager "Du bist nicht allein" – und im Zuschauersaal ertönt ein sonst im Kino selten gehörtes Geräusch: Das Publikum summt. Summt mit. Erst ein paar Zuschauer, dann viele: "Hhm-hhm-m-mmm …"

Es läuft kein Schlagerfilm und auch keine ironische Klamotte, sondern "Der Junge muss an die frische Luft", die Verfilmung von Hape Kerkelings Biografie. Die Geschichte handelt davon, als Kind nicht allein zu sein, auch wenn die Mutter krank und der Vater nicht da ist. Denn es gibt, jedenfalls war das damals so, auch noch Oppa und Omma. Und als der Oppa dem Jungen einmal ganz unschlagerhaft sagt: "Du bist nicht allein", da antwortet der: "Ich weiß, das sagt auch Roy Black."

Hape Kerkelings Babyboomerfilm: "Der Junge muss an die frische Luft"

Szene aus dem Hape-Kerkeling-Film "Der Junge muss an die frische Luft": Nach dem Tod der Mutter kümmern sich Omma und Oppa un den kleinen Hape.

Hape Kerkeling, ein Recklinghäuser Jung'

Als nach dem Film im Kinosaal das Licht angeht, sieht man das Publikum: junge, nicht mehr ganz so junge und viele ältere Menschen. Also drei Generationen, was man im Kino selten sieht. Manche der Älteren ächzen ein wenig, als sie sich aus den tiefen Kinosesseln stemmen, und beim Hinausgehen wischen sich einige Tränen aus den Augen, vom Lachen und vom Weinen.

"Der Junge muss an die frische Luft" ist mit über 2,2 Millionen Zuschauern schon jetzt einer der Kinohits des Jahres. Überall. In Köln lief er in der vergangenen Woche in acht Kinos, in Recklinghausen zeigt ihn das "Cineworld" dreimal am Tag, abends ist fast immer ausverkauft.

In Recklinghausen, im Ruhrpott, spielt die Geschichte, hier wuchs Hape Kerkeling in den 70er Jahren auf, zwischen Zechen, Schornsteinen, Wiesen und Bergmannssiedlungen, zusammen mit seinen Eltern, seinem Bruder, Ommas und Oppas, Tanten und Onkeln, Freunden und einem Pferd – so, wie es heute selten geworden ist. Mit einer Familie wie eine große Decke, ein völlig selbstverständliches Mehrgenerationen-Modell mit einem Fundament aus nichts anderem als, ja, Liebe und Wärme. Banal, könnte man sagen. Und warum gucken das die Leute?

Die stern-Redaktion öffnet ihre Familienalben aus den Siebzigern. Hier: Auslandsressort-Leiterin Cornelia Fuchs (in Gelb-Rosa) mit Eltern und Bruder.

Die stern-Redaktion öffnet ihre Familienalben aus den Siebzigern. Hier: Auslandsressort-Leiterin Cornelia Fuchs (in Gelb-Rosa) mit Eltern und Bruder.

Erst einmal: Weil Hape Kerkeling, dessen Bestsellerroman Vorlage für den Film war, auf seine Art einzigartig erzählt. Es ist kein Idyll, das der damals neunjährige Hans-Peter in den Straßen und grauen Häusern von Recklinghausen erlebt, im Gegenteil. Erst verstirbt seine eine geliebte Oma, dann wird seine Mutter krank und quält sich mit Depressionen, die sie schließlich in den Selbstmord treiben. Und mitten dazwischen der Pummel Hape, der beschließt, die Tragödien mit Humor zu besiegen: "Dat is aber auch still hier drin. Da wird man ja ganz trübsinnich." Er will erst seine kranke Mutter, dann die ganze Familie mit seinen Parodien und Verkleidungen und seinem unglaublichen Wortwitz aus dem Tal herausholen. Es ist eine Geschichte über, wie man in Italien sagt, die Familie als Vaterland des Herzens.

Doch das allein ist es nicht, was "Der Junge muss an die frische Luft" an den Kinokassen Blockbuster wie "Aquaman" oder "Mary Poppins' Rückkehr" überholen lässt. Es ist die Zeit, es sind die 70er Jahre der BRD, die die Regisseurin Caroline Link für 100 Minuten wiederbelebt und alle um und über 50-Jährigen wie in einer Zeitreise noch einmal erleben lässt – und das sind viele, die Babyboomer-Generation umfasst etwa 13 Millionen Deutsche.

Mettigel und Eierlikör

Die Siebziger: Manche sagen, ein wildes oder ein buntes Jahrzehnt, was natürlich nicht ganz stimmt, denn mit dem Vietnamkrieg und dem Terror der RAF war es auch ein blutiges Jahrzehnt. Doch in den Erinnerungen an die Kindheit sind es oft Symbole und Dinge, die einen seufzen lassen – und der Film ist voll mit solchen Dingen. Die bunten Ringelpullover, die Frotteeschlafanzüge, die Birkel-Nudelpackungen, der Geschmack von roten oder grünen Kaugummikugeln aus dem Automaten, Bud-Spencer-Filme im Kino, die Autos von Ford und Opel und der Renault 4, den Hapes Vater wie ein Rebell fährt. Es war eine Welt, in der Kinder unbeaufsichtigt auf der Straße die Abenteuer aus der Fernsehserie "Bonanza" mit "Peng, du bist tot" nachspielten und der pummelige Hape natürlich den dicken Hoss spielen muss. Und es war auch die Zeit, in der Ommas noch sagten: "Komm Hans-Peter, leg dich zur Omma ins Bett", und Hans-Peter liegt bei der Omma, als wäre sie ein Schutzraum.

Es war die Zeit vor "light" oder "glutenfrei", in der sich die Büfett tische der Familienfeiern unter der Last der Speisen bogen, die Salate meist aus Mayonnaise mit Kartoffeleinlage bestanden und Fleisch – große Lacher im Kino – die Form eines Mettigels mit Stacheln aus Zwiebeln hatte. Und wer den Film gesehen hat, wird das kaum hörbare "Schlarp" nicht vergessen, mit dem das bestimmt 15 Zentimeter hohe Stück Sahne-Nuss-Torte auf dem Teller umkippt. "Dat is Sahne mit Sahne", wie die Tante sagt, und dann macht sie die Nachbarin Frau Kolossa mit Eierlikör – mit Eierlikör! – betrunken.

Konfirmation: stern-Autor Kester Schlenz (Mitte mit Matte) und Familie

Konfirmation: stern-Autor Kester Schlenz (Mitte mit Matte) und Familie

Es war eine Zeit von Fortschritt und Skepsis unter einem Dach. Hapes Tante führt stolz ihren ersten Farbfernseher vor, und alle sagen "Oh, die Farben!", nur die Omma meint: "Also, ob sich das durchsetzt, weiß ich nich."

Es ist heute kaum noch vorstellbar, was für ein Sehnsuchtsort die flimmernde Kiste war. Nur drei Programme und um Mitternacht Sendeschluss mit Testbild und Fiepton – aber trotzdem das Fenster aller Sehnsüchte im Recklinghäuser Wohnzimmer. "Disco" mit Ilja Richter schaut der kleine Hape genauso konzentriert wie "Klimbim" mit Ingrid Steeger.

Fragt man Ilja Richter, heute 66, ob er eigentlich gespürt habe, was er und andere in den bundesdeutschen Wohnzimmern ausgelöst haben, verneint er und zitiert einen Satz, den der Tänzer Fred Astaire gesagt haben soll: "Ich habe einfach nur meine Arbeit gemacht." Die Dekade, also die 70er Jahre in der Bundesrepublik, mag Ilja Richter heute nicht bewerten: zu vielfältig, zu widersprüchlich und nicht geeignet, um in Nostalgie zu verfallen. Heute, sagt Richter, fehlen aber die Rituale, die es damals gab.

Das Ritual etwa, dass sich die ganze Familie vor dem Fernseher versammelte, weil es ein Ereignis, eine Show, eine besondere Sendung gab. "Die Auflösung dieser Rituale hat, neben vielen anderen Faktoren, auch zu einer Auflösung von Familie geführt", sagt Richter. So erinnert sich auch Regisseurin Caroline Link in einem Interview an diese Jahre und an die "Gespräche über Fernsehsendungen, bei denen man sich darauf verlassen konnte, dass sie fast alle gesehen haben".

Bessere Zeiten oder Nostalgie?

Die Leute sprachen mehr direkt miteinander, auch aus technischen Gründen: 1973 gab es nur in 51 Prozent aller Haushalte ein Telefon, also einen Apparat mit Wählscheibe, an einem Kabel angebunden im Wohnzimmer oder im Flur. Im gesamten Film wird nur ein einziges Mal telefoniert: mit dem Notarzt, als die Mutter im Sterben liegt. Ansonsten: Wer sich was zu sagen hatte, traf sich, blickte sich in die Augen und lachte, weinte, schimpfte, wie auch immer. Wer damals Kind war, wird sich erinnern, einfach bei Doris, Thomas oder Hans-Peter geklingelt zu haben, um zu fragen: Kommt ihr raus zum Spielen? Heute verabreden solche Treffen die Eltern der Kinder mittels Whatsapp-Gruppen.

"Es war eine direktere Zeit", sagt Professor Werner Faulstich, Kulturforscher und Herausgeber eines Buches über die 70er Jahre. "Es war eine Zeit, als das Telefon Mittel zum Zweck war, man also nur telefonierte, wenn es nicht anders ging." Heute, so Faulstich, sitzen Kinder in der U-Bahn nebeneinander und chatten, "aber reden nicht miteinander".

Bessere Zeiten also? Zeigt "Der Junge muss an die frische Luft" eine gesündere Gesellschaft? Es schien nur einfacher, weil sich der Zuschauer an sich selbst erinnert: jung und vor sich ein Leben unendlicher Möglichkeiten. Oder wie es in Goethes "Faust" heißt: "So gib mir auch die Zeiten wieder, da ich noch selbst im Werden war … Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe, gib meine Jugend mir zurück." Diese Sehnsucht wacht wieder auf, wenn im Film Väter auf der Straße Fahrradreifen flicken und Mütter im Tante-Emma-Laden "ein Viertel Aufschnitt" kaufen und dabei erzählen, dass der Frau Kolossa schon wieder ein Mann weggelaufen ist, "ich saach Ihnen".

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Aber ob es besser war? Schwere Frage. In jeder Epoche verliert eine Gesellschaft etwas, gewinnt aber auch Neues hinzu. So hätte die Medizin heute vielleicht Hapes depressiver Mutter besser helfen können. Und auch dass in der Siedlung jeden Samstag noch die Sirenen zur Probe heulen, gehört zum Glück der Vergangenheit an. Einerseits.

Andererseits. Im heutigen Recklinghausen muss man suchen, um die Welt zu finden, die der Film zeigt. Die Scherlebeckerstraße in Herten, wo Hans-Peters Omma ihren Kaufmannsladen hatte, ist eine breite, aber sehr ruhige Straße. Viele der alten Bergmannshäuser sind abgerissen, man muss weit in die Nebenstraßen laufen, um noch einige zwischen 80er-Jahre-Bungalows mit Carport zu finden. Ein Taxifahrer erzählt, dass er dort geboren sei, aber "hier sind viele weggezogen". Der Bus in die Stadt fährt nur jede Stunde, eingekauft wird in einem Bau ohne Fenster, auf dem "Netto" steht. Den Tante-Emma-Laden gibt es schon lange nicht mehr, fragt man auf der Straße danach, wissen die Leute auch nicht, wo der genau war. Vielleicht da vorne, wo heute das Eis-Café Boutique bei Favaretto steht.

"Schlemmerfrühstück"

Aber dann findet man sie doch, Erinnerungen an frühere Zeiten. Denn vielleicht ändern sich manche Dinge doch nie. Im Dorfstübchen gibt es, so sagt die Karte, acht Mixgetränke mit Cola, Bacardi-Cola, Asbach-Cola und so weiter. Fast alle für drei Euro. Und ein paar Häuser weiter, in der Stadtbäckerei Friedrich Gatenbröcker, sitzen drei Ommas am Tisch, geblümte Blusen, ein Stück Torte schon gegessen, und eine erzählt den anderen: "Hat mein Bruder die Kaninchen geschlachtet, ich saach euch." Auf der Speisekarte steht das "Schlemmerfrühstück" mit: Zwiebelmett.

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Trotzdem haben Caroline Link und ihr Team für den Film keine einzige Szene in Recklinghausen gedreht. Der Tante-Emma-Laden befindet sich in Duisburg, das Haus und die Siedlung, in der Hape wohnt, finden sich in Wirklichkeit in Gelsenkirchen, manche der Wohnungen, in denen Szenen spielen, stehen in Berlin.

So ist Film und so ist verflogene Vergangenheit: Schöne Zeiten muss man sich wieder zusammensuchen. Manchmal findet man sie auch nur in sich selbst – und kann sie aufwecken, etwa durch solch einen Film.

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