Interview "Princesas" "Die meisten tun es, um Geld zu verdienen"


"Princesas" handelt von der Freundschaft zwischen zwei Prostituierten in Madrid. Im Interview mit stern.de erzählen Regisseur Fernando León de Aranoa und Hauptdarstellerin Candela Peña, wie sie für den Film recherchiert haben - und worum es ihnen wirklich geht.

In seiner Heimat landete der spanische Regisseur und Drehbuchautor Fernando León de Aranoa mit seinem neuen Film einen großen Erfolg. "Princesas" wurde mit drei "Goyas" ausgezeichnet - die höchste nationale Ehre, die einem Film zukommen kann. Seit dem 4. Januar ist das Drama um die Freundschaft zweier Prostituierter auf in den deutschen Kinos zu sehen. Während Caye (Candela Peña) aus einer bürgerlichen Familie stammt, ist Zulema (Micaela Nevárez) illegal aus der Dominikanischen Republik eingewandert. Nach anfänglichen Streitereien freunden die unterschiedlichen Frauen sich an und spinnen Träume von einem besseren Leben. stern.de traf den Regisseur und zwei der Darstellerinnen zum Interview in Hamburg.

Herr León de Aranoa, Sie haben in Spanien bereits mehrere Auszeichnungen für Ihre Filme erhalten. In Deutschland sind Sie aber noch recht unbekannt. Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

León: Das fällt mir sehr schwer. Ich sehe mich eher als Drehbuchautor denn als Filmemacher. Seit einiger Zeit drehe ich Filme, aber noch länger arbeite ich als Autor. Meine Filme leben von den Charakteren, den Dialogen, Gefühlen und Beziehungen zwischen den Darstellern, nicht von großen Effekten à la Hollywood.

Beschreiben Ihre Filme die Wirklichkeit oder sind sie ein Fluchtweg aus der Realität?

León: Meine Filme haben eine reale "Haut", das heißt die Wirklichkeit ist mein Gerüst, doch dahinter steckt mehr. Die Vorstellungskraft kann die Wirklichkeit anreichern wie eine gute Sauce ein Gericht. Im Moment arbeite ich an einem Dokumentarfilm und das macht auch Spaß, doch wenn ich wählen könnte, würde ich immer Filme machen, die eine Prise Fantasie beinhalten. Sie verleiht der Realität Flügel.

Was für ein Film ist "Princesas"?

Peña: Der Film ist eine Mischung der Gefühle: Alltag, Drama und ein bisschen Komik. Aber vor allem ist es die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen, Caye und Zulema. Sie kommen aus Spanien und der Dominikanischen Republik, doch es könnten auch Deutsche oder Philippinos sein. Der Film handelt von Gefühlen, die überall verstanden werden.
León: Die Freundschaft zwischen den zwei Frauen verändert wichtige Dinge in ihrem Leben. Die Wirklichkeit ist für beide gleich, aber sie gehen auf ganz unterschiedliche Art mit ihr um. Caye lebt in ihrer Traumwelt, Zulema steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Caye hilft Zulema, die Realität mal hinter sich zu lassen. Zulema lehrt Caye, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen.

Wie haben Sie für den Film recherchiert?

León: Wir haben viele Monate lang eine Organisation begleitet, die sich um die Frauen auf der Straße kümmert. Sie heißt "Hetaira". Wir haben mit der Gruppe gearbeitet wie Freiwillige. Das war viel lehrreicher als ein paar Tage auf die Straße zu gehen und viele Fragen zu stellen. So konnten wir viel tiefere Einblicke gewinnen. Es gibt in Madrid einen Park namens Casa de Campo, ein Ort so ähnlich wie der, den wir im Film nachgestellt haben. Viele Stunden haben wir dort mit den Frauen verbracht, ihnen zugehört und uns mit ihnen ausgetauscht. Die Frauen haben recht schnell Vertrauen zu uns gefasst, weil wir uns den Sozialarbeitern angeschlossen haben. Sie waren neugierig und wollten wissen, wie man einen Film macht. Manche von ihnen haben später als Darsteller mitgespielt, andere haben lieber Tipps gegeben, wie sich die Schauspieler bewegen und benehmen sollen.

Frau Peña, wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Peña: Ich war viel mit Fernando León und den Leuten von der Organisation "Hetaira" unterwegs. Aber ich möchte betonen, dass wir dort nie als Regisseur und Schauspieler hingegangen sind. Wir haben uns verhalten wie alle anderen Freiwilligen, die dort zugehört, beobachtet und Zeit verbracht haben. Ich habe mich in der Rolle nicht als Prostituierte gesehen, sondern als Frau. Ich wollte Caye verkörpern und die Gefühle, die sie bewegen. Dazu gehörte mehr als ihr Beruf.

Identifizieren Sie sich mit der Rolle?

Peña: Ein Teil von mir identifiziert sich sehr mit Caye. Sie verschließt sich vor der Wirklichkeit, weil sie ihr nicht gefällt. Ihre Träume und Fantasien helfen ihr dabei. Das mag ich an Caye am meisten. Jeder Spielfilm ist eine Flucht vor der Wirklichkeit und deshalb bin ich Schauspielerin. Ich habe mit Caye gemeinsam, dass wir beide manchmal aus unserem Leben aussteigen.

Was haben Sie aus dem Film für sich gelernt?

Peña: Ich hatte viele falsche Vorstellungen über Prostitution. Prostituierte waren für mich zum Beispiel Sexgöttinnen. Als ich dann mit ihnen geredet habe, habe ich gemerkt, dass sie normale Menschen sind, deren größte Sorge es ist, wie sie bis zum Ende des Monats durchkommen und das Kommunionskleid für ihre Töchter bezahlen können. Das hat alles nichts mit meinen Fantasien zu tun.

Haben die Prostituierten, die sie kennen gelernt haben, irgendetwas gemeinsam?

Peña: Sie sind Prinzessinnen. (lacht) Was das so genau bedeutet, kann ich gar nicht sagen. Klar sind sie was Besonderes. Wir reden alle viel über Prostituierte, aber nicht mit ihnen, und wir nehmen uns keine Zeit anzuhören, was sie zu sagen haben. Deshalb leben sie gezwungenermaßen in ihrer eigenen Welt. Doch man kann sie nicht verallgemeinern, denn jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Das ist genau wie mit den Architekturstudenten. Sie sind alle unterschiedlich und bauen verschiedene Häuser. Was haben sie gemeinsam? Es sind Architekturstudenten. Sonst nichts.

Warum arbeitet die Mehrheit von ihnen als Prostituierte?

Peña: Manche tun es, weil sie es wollen.
León: Die meisten tun es, um Geld zu verdienen. Das brauchen wir alle, und jeder findet seinen Weg, um es zu erwirtschaften. Manche sparen jeden Cent, andere machen es, um luxuriöser zu leben. Genau wie in anderen Berufen.

Wie haben die Prostituierten den Film aufgenommen?

Peña: Er hat ihnen sehr gefallen.
León: Sie sind ohne Ausnahme zur Premiere gekommen. Der Film handelt zwar von einer fiktiven Freundschaft, aber er ist auch ein Porträt ihres Lebens, deshalb war uns ihre Reaktion so wichtig. Sie haben viel applaudiert.

Herr León de Aranoa, warum haben Sie sich Madrid als Drehort ausgesucht?

León: Madrid ist meine Stadt und ich kenne sie gut. Aber ich wollte nie Madrid porträtieren und im Film ist auch nicht von Madrid die Rede. Der Film spielt in einem Viertel, das in jeder anderen Stadt liegen könnte. Und der Park in dem Film ist nicht die Casa de Campo, sondern einfach nur ein Park, wie es ihn auch in Paris geben könnte. Ich wollte eine Geschichte machen, die überall spielen kann: die Geschichte von der Freundschaft zwischen einer Einheimischen und einer Einwanderin. Die Stadt ist dabei nicht wichtig.

Hätte der Film auch in Hollywood gemacht werden können?

León: Dann hätten wir viel mehr Geld zur Verfügung gehabt und der Film würde in viel mehr Kinos laufen. (lacht) Ich glaube nicht, dass der gleiche Film in Hollywood hätte gemacht werden können. Es wäre eine andere Geschichte geworden. Hollywood macht oft standardisierte Filme und die Genres sind klar abgegrenzt. Außerdem ist das System der Studios in Hollywood sehr restriktiv. Formulare müssen ausgefüllt und verschiedene Meinungen unter einen Hut gebracht werden... Bei meinen Filmen habe ich das letzte Wort und ich mache sie so, wie ich sie gut finde. Klar gibt es finanzielle Grenzen. Wenn Filmemachen nicht so teuer wäre, dann wäre ich immer noch dabei, den Film fertigzustellen und würde mir noch mehr Zeit für jede Szene nehmen. Aber so redet mir wenigstens keiner rein.

Interview: Heike Sonnberger


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