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Interview Mario Adorf: "Ich konnte schnell ausflippen"

Mario Adorf spielt in Peter Kahanes Kinderfilm "Die Rote Zora" einen Fischer, der die Freiheit obdachloser Kinder verteidigt. Im stern.de-Interview erinnert sich das Urgestein des deutschen Films an seine Jugend und erzählt, wen er alles umgeboxt hat.

Herr Adorf, Sie wurden jüngst mit den Worten zitiert, dass Sie keine schönen Erinnerungen an Weihnachten hätten. Haben Sie auch sonst keine schönen Kindheitserinnerungen?

Na doch, sicher. Das wurde in der Presse als schrecklich traurige, schwere Kindheit dargestellt: alleinerziehende Mutter, Hunger, Krieg, kein Weihnachten, keine Geschenke. Das hört sich alles schrecklich traurig an, aber so traurig war es dann auch wieder nicht. Nicht einmal die Monate, die man am Ende des Krieges im Bunker verbrachte, waren so, dass man laufend gezittert hätte. Nein, es wurde gesungen, es wurde getanzt, man hatte auch Spaß, man wollte Spaß haben! Und den haben die Menschen gesucht, wo sie konnten, in jeder Ecke. So war auch meine frühere Zeit - eine Bandenzeit hatte ich nämlich auch.

Wie sah die Bandenzeit denn aus?

Wir spielten damals auf einem Grubenfeld, das war ganz in der Nähe meiner Heimatstadt Mayen in der Eifel. Das war eine ganz tolle Landschaft für uns. Es war sehr spannend, in diesen Basaltsteingruben und Höhlen zu spielen. Ich war, glaube ich, auch mal der Anführer der Bande. Dann kam allerdings auch schon das Jungvolk, die Hitlerjugend. Da wurde alles sehr viel genauer genommen und war organisierter. Auch da wurden in der Umgebung Spiele veranstaltet, Kampfspiele, die Roten gegen die Blauen… Das war noch mitten im Krieg. Danach waren wir dann zu alt für Banden. Mit 15, 16 hatten wir zwar eine sehr schwere Zeit, aber auf der anderen Seite auch wieder sehr viel Spaß. Es war ein Freundeskreis meiner Schulkameraden, die ich heute noch auf Klassentreffen sehe. Wir haben das Glück, dass von den 25 Absolventen der Abitursklasse noch 20 am Leben sind. Und das ist in unserem Alter ja schon ganz beachtlich!

Wann haben Sie "Die rote Zora" das erste Mal gelesen?

Ich habe das Buch erst kennen gelernt, als man mir vor zwei, drei Jahren eine Rolle in dem Film anbot.

Haben Sie gleich zugesagt, den alten Fischer Gorian zu spielen? Was hat Ihnen an der Rolle gefallen?

Dieser Fischer ist eine sehr menschliche Figur mit einer sehr schönen Aussage. Er setzt sich ein für die Kinder, damit man sie nicht kriminalisiert, sondern ihnen eine Chance gibt. Das war für mich reizvoll. Dann kam noch dazu, dass auch Ben Becker und Dominique Horwitz mitspielten, die ich beide sehr gut kenne. Und dann war es auch noch ein Wiedersehen mit Montenegro, diese Landschaft kannte ich sehr gut durch viele Filme im damaligen Jugoslawien, darunter "Winnetou I".

Apropos "Winnetou", Sie waren lange auf die Rolle des Bösewichts abonniert, hatten Sie mit diesem Image zu kämpfen?

Als Schauspieler nicht, als Privatmensch schon eher. Da wurde ich über Generationen hinweg erst mal gehasst, als der Bösewicht, der Winnetous Schwester erschossen hat. Man hat damals gesagt, ich sei abgestempelt auf Schurkenrollen. Es hieß auch oft, dass ich darunter gelitten hätte, das stimmt aber nicht. Im Gegenteil, ich fand diese bösen Rollen immer ganz reizvoll. Das war mir lieber, als Gutmenschen zu spielen. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir das Bösewicht-Image irgendwie geschadet hätte.

Sie können sich Ihre Rollen heute aussuchen. Aber gibt es noch die eine, für die Sie mit aller Leidenschaft kämpfen würden?

Na ja, seit ein paar Jahren wird von Karl Marx gesprochen. Soll gemacht werden, es gibt aber noch kein Drehbuch. Ich weiß nicht, ob das was wird. Es gibt einige sehr gute Angebote, aber immer wieder sehr große Schwierigkeiten mit der Realisierung.

Es fehlt das Geld?

Das ist es. Früher gab es viele schlechte Angebote, die ich absagte, heute gibt es sehr viele gute Angebote, aber geringe Chancen, dass sie auch realisiert werden. Das ist der traurige Unterschied. Das sind sehr schöne Geschichten, die nicht erzählt werden. Gerade rief mich ein türkischer Regisseur an, wir sollten schon im letzten Jahr drehen, und jetzt wissen wir nicht mal, ob der Film überhaupt stattfindet. Es ist eine sehr schöne Hauptrolle und ein sehr schönes Drehbuch. In einem anderen Fall sollten Vadim Glowna und ich zwei alte Kinobesitzer spielen, ein bisschen wie "Cinema Paradiso", schwule Kinobesitzer. Nicht tuckig, sondern wunderbare alte Männer, die seit 30, 40 Jahren ein Paar sind und dieses Off-Kino betreiben. Eine sehr schräge Geschichte, aber sehr menschlich, und sehr, sehr schön. Aber es gibt keine Förderung.

Haben Sie in Ihrer Karriere viel kämpfen müssen?

Ich war eigentlich nie ein Kämpfer. Ich war auch kein großer Eroberer, auch wenn es immer hieß, der Adorf und die Frauen…Ich war immer derjenige, der abwartet. Ich war auch nie besonders ehrgeizig. Ein sehr berühmter Kollege von mir hat kürzlich gesagt: "Ich musste zeigen, dass ich besser war als die anderen". Da kriege ich große Augen und sag "Was? Der musste zeigen, dass er besser war?" Ich habe nie zeigen müssen, nie zeigen wollen, dass ich besser war, dazu habe ich nie den Ehrgeiz gehabt. Ich habe gerne Erfolg gehabt, sicher, aber ich habe nie meine Ellbogen benützt, jemanden weggedrückt. Ich musste nicht kämpfen. Das ist vielleicht auch mein Glück gewesen. Sobald ich diesen Beruf gewählt hatte, ging alles wie in Butter, hat sich alles entwickelt. Als Schauspielschüler habe ich schon meinen ersten Film gemacht, und der war gleich erfolgreich. Für mich hat sich alles sehr glücklich und kampflos gefügt.

Und im Leben, mussten Sie da kämpfen? Sie hatten viele Jobs, bevor Sie Schauspieler wurden...

Vorher ja, als Student. Damals gab es kein Bafög, es gab überhaupt keine Zuschüsse, kein Geld. Meine Mutter konnte mir nicht viel geben. Also mussten wir jobben. Das war ganz normal. Die Jobs, die lagen gerade in unserer Gegend im Baugeschäft und in den Steingruben. Das war eine sehr harte Akkordarbeit, die man in den Semesterferien machte. Ich habe damals in Mainz studiert und auch dort zweimal am Bau gearbeitet, beim Bau der Schott-Glaswerke: als Zementmixer und danach als Eisenflechter, die auf den Decken und Dächern diese Eisenkonstruktionen flochten, sicher keine leichte Arbeit. Aber das war so, man musste ja das nächste Semester finanzieren. Einmal habe ich auch als Sozialarbeiter gearbeitet, beim Mainzer Jugendamt. Da war ich erst mal in der Jugendpflege und Männerfürsorge und dann auch mal durch Zufall Gefängnisfürsorger. Da hab ich wahnsinnige Geschichten erlebt. Gekellnert hab ich überhaupt nur einmal, und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich wurde schlecht behandelt, und ich war damals sehr unwirsch, konnte schnell ausflippen. Ich hab ja damals auch geboxt.

Also besser keine Extrawünsche…

Wenn da einer sagte: (imitiert) Junger Mann, bring mal hier so was, los, aber dalli, dalli! Da habe ich geantwortet: Wie bitte? Dalli? Also da wurde ich sofort aufmüpfig! Bedienen war nicht mein Ding.

Waren Sie eigentlich erfolgreich als Boxer?

Nach dem Krieg war man darauf angewiesen, dass man sich verteidigen konnte. Es gab Banden, die einem das, was man gehamstert hatte, abnahmen. Dadurch kam ich überhaupt zum Boxen! Nicht, weil ich Boxen besonders toll fand. Ich meine, gut, Max Schmeling hat mich schon vor dem Krieg fasziniert, aber ich wollte jetzt kein Boxer werden. Doch ich musste es lernen, um mich vor diesen Leuten zu schützen. Und es war auch ein gutes Training. An dem Tag, als ich zum ersten Mal abends auf der Bühne gestanden habe, habe ich am Vormittag einen Endkampf um die Universitätsmeisterschaften geboxt. Und die einen wussten nichts von den anderen. Die Boxer nichts vom Theater, und die vom Theater nichts vom Boxen. Mir durfte also nichts passieren, ich durfte da nicht mit einem blauen Auge ankommen, also musste ich Acht geben und habe diesen Kampf natürlich verloren. Aber abends habe ich dann zum ersten Mal Theater gespielt, und da habe ich mir gedacht: Das sind zwar ähnliche Bretter, die hier tun aber nicht so weh!

Interview: Sophie Albers