HOME

Interview mit Ludwig Trepte: "Denken ist kollektives Kranksein"

Sein weiches Gesicht ist allgegenwärtig. Dabei ist Ludwig Trepte einer der ganz harten unter Deutschlands Nachwuchsschauspielern. Sein neuer Film heißt "Berlin - 1. Mai". Im stern.de-Interview zeigt der 19-Jährige Verständnis für die Mai-Krawalle und erklärt, worüber man lieber nicht nachdenken sollte.

"Chorknabe", "volle Lippen", "wuschelige Haare", "große braune Augen". Wenn man die Beschreibungen für Ludwig Trepte so liest, könnte man ihn für einen sanften Kuscheltypen halten. Ist er aber nicht. Dazu muss man sich nur die Karriere des 19-jährigen Schauspielers angucken.

Ob Fernsehen oder Kino, an Trepte kommt man derzeit nicht vorbei. Bereits im Alter von zwölf Jahren stand er in seinem ersten "Tatort" vor der Kamera. Es folgte eine steile Karriere im deutschen Filmgeschäft: 2004 wurde er für "Kombat Sechzehn", in dem er die Psyche eines Nazi-Schlägers ergründete, für den First Steps Award nominiert. 2006 gewann er den Max-Ophüls-Preis für seinen Auftritt in dem Entführungsdrama "Keller - Teenage Wasteland". Seine Rolle als Problemschüler in "Guten Morgen, Herr Grothe" brachte ihm 2007 eine Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis ein. 2008 gewann er schließlich die Goldene Kamera als bester Nachwuchsschauspieler.

Umso erstaunlicher, dass Trepte bei der Rollenauswahl unberechenbar bleibt. Deshalb landete er wohl auch in dem No-Budget-Projekt "Berlin - 1. Mai". Ein Regisseur-Kollektiv hat sich in einem Episodenfilm des Berliner "Chaos-Tages" angenommen und erzählt ganz unterschiedliche Geschichten über Ideologie, Party und Gewalt.

Trepte spielt Pelle, der mit seinem Freund Jacob (Jacob Matschenz) aus der öden Kleinstadt nach Berlin fährt, der Aufregung wegen. Dieses Sich-spüren-wollen kennt auch Trepte, der es als seine größte Motivation beschreibt. Überhaupt: Dieser junge Mann, der tatsächlich noch mehr nach Junge als nach Mann aussieht, offenbart sich als harter Arbeiter am Selbst. Das geht so weit, dass er das eigene Denken in Frage stellt.

Wie bleibt man auf dem Boden bei so viel Lob, wie sie momentan bekommen?

Man bleibt sich selbst treu, Familie, Bekannte...

Ist das eine bewusste Anstrengung?

Nein, nicht wirklich. Man muss dieses Lob ja nicht 100-prozentig annehmen. Nicht jeder, der dich lobt, meint das auch ernst. Da habe ich schon genug erlebt.

Wenn man sich die Entwicklung Ihrer Rollenwahl anguckt, scheinen die Charaktere eher wenig mit Ihren eigenen Lebenserfahrungen zu tun zu haben. Sie waren ja eher ein Vorzeige-Jugendlicher...

(Lacht) Nein, wo haben Sie das gelesen. Wie skurril. Vorzeige-Jugendliche sind auf ihre Art kaputt, aber sie sind immer auf der Suche, und das kann ich schon teilen. Alle Figuren, die ich gespielt habe, suchen nach Anerkennung, nach Liebe, wollen Liebe geben. Wenn man tief in die Figuren hineinguckt, sind sie auf ihre Art sehr verletzbar.

Ist es ein Trugschluss zu sagen, dass Pelle in "Berlin - 1. Mai" Ihnen näher ist?

Aber er ist auch ein Suchender. Er kommt von einem Dorf und will zum ersten Mal in die Welt hinaus. Da ist diese Szene in der Galerie, wenn er seinen Freund fragt: Was soll ich denn mit meinem Leben machen? Soll ich BWL studieren? Soll ich die Firma meines Vaters übernehmen? Er ist unsicher, muss sich noch kennenlernen.

Waren Sie jemals bei den Mai-Krawallen?

Nein.

Haben Sie Verständnis für Krawall um des Krawalls Willen?

Ja, es gibt ja mittlerweile nichts mehr, wo gegen man rebellieren könnte. Also nutzt man die Gelegenheit des 1. Mai, die Gelegenheiten, die da sind.

Sie sprechen jetzt von Ihrer Generation.

Meine Generation, klar. Da geht man hin, um sich auszutoben, denn es ist ja irgendwie erlaubt.

Erlaubt?

In dem Sinne, dass man sich in dem Moment eher das Recht herausnimmt, es zu dürfen. Ich brauche keinen 1. Mai, um auf die Straße zu gehen und zu sagen, was mich stört. Aber viele brauchen das wahrscheinlich, weil sie sich in dem Moment auch sicher fühlen.

Haben Sie jemals bewusst etwas zerstört, um Dampf abzulassen?

Mit Sicherheit.

Und was war das?

Weiß ich nicht mehr.

Fenster?

Nein.

Wände?

Nein.

Lampen?

Mich selbst.

Wie sich selbst?

Um mich zu spüren.

Reden wir jetzt von Arme aufschneiden?

Um Gottes Willen nein, das würde ich nie tun. Zuviel denken. Denken ist kollektives Kranksein.

Aber man denkt doch allein.

Ab einem gewissen Punkt ist Denken gut. Kollektiv krank macht es, wenn man zuviel denkt, nachdenkt, was alles passieren kann, nachdenkt, was bereits passiert ist. Wenn man nicht im Jetzt denkt. Dinge, die man erlebt oder getan hat, sind nicht reparabel. Gib mir die Kraft, Dinge zu verändern, die ich verändern kann. Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht verändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Sagt wer?

Mein Vater (Ostrock-Star Stefan Trepte, Anm.d.Red.). Und ich glaube, ab dem Moment, da man im Jetzt denkt, ist es richtig. Wenn ich jetzt etwas verändern kann, dann sollte ich es jetzt tun. Aber nicht nachdenken, was in einem halben Jahr passiert, denn ich kann es nur im Jetzt beeinflussen.

Aber es ist doch menschlich, das beeinflussen zu wollen.

Aber zerstört auch wieder vieles. Wir denken, dass wir mehr wollen. Wir sind ja immer auf der Suche nach mehr. Jemand, der alles hat, der reich ist, eine Villa hat, Ruhm und Anerkennung, sitzt in seinem neu gekauften Haus und denkt nach einem halben Jahr: Okay, ich kenne die Wand, ich kenne das Bild, wo ist jetzt mein Mehr, um mich selbst zu finden. Ich habe mich immer noch nicht gefunden, also will ich mehr - ein größeres Haus, ein größeres Bild, mehr Ruhm, mehr, mehr, mehr. Dadurch findet man sich nicht. Ab dem Moment, da man darüber nachdenkt, was man will - das meine ich mit Denken - entwickelt man nicht sein Selbstgefühl. Das kommt wo ganz anders her, nicht vom ewigen mehr, mehr, mehr.

Aber Ihr Nachdenken scheint der Karriere ja bisher gut getan zu haben. Und Sie haben doch sicher darüber nachgedacht, wo sie hinwollen.

Ich fälle die Entscheidungen immer im Augenblick. Ich bin keiner, der ein Drehbuch liest und denkt: Okay, mit diesem Film komme ich weiter. Nein, ich nehme ein Drehbuch für mich an, weil ich es für richtig halte, weil ich daraus mehr nehme für mich in diesem Moment oder weil ich für mich weiterkomme. Aber nicht, um zum zweiten Mal die Goldene Kamera zu gewinnen.

Was steht Ihnen näher Fernsehen oder Film?

Drehbuch. Wenn ein Drehbuch kommt, das okay ist, würde ich es wahrscheinlich auch machen. Selbst wenn es von ProSieben kommt. Mir ist wichtig, dass die Geschichte gut erzählt wird.

Böse oder gut?

Ab wann ist man böse, ab wann gut? Das Böse an sich ist erklärbarer. Es gibt einen Hintergund, warum jemand etwas tut. Einen Mord kann man erklären, aber wie erklärt man das Gute? Das finde ich schwierig. Jesus wurde schon zu oft gespielt, hat Robert DeNiro immer gesagt. Aber ein solider Typ, der langweilig ist, ist auch nicht schlecht - aber auch sehr schwer zu spielen.

Dann kann ich mir die Frage, ob Horst Bucholz oder DeNiro ja sparen.

DeNiro definitiv. Aber er ist kein Vorbild. Den mag ich einfach, weil er ein unglaublich präziser Perfektionist ist. Ein Workaholic, der für seine Arbeit lebt. Ich kenne ihn nicht, aber ich glaube, an sich ist das ein sehr langweiliger Mensch, der nur in seinen Rollen aufgeht.

Sie haben mal gesagt, viele Schauspieler spielen ab einem gewissen Punkt auch privat eine Rolle.

So viele Rollen gibt es nicht, die sie spielen müssen.

Hat man das manchmal nicht unter Kontrolle, oder ist das eine bewusste Entscheidung?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, ab dem Moment, in dem du nicht mehr wahrhaftig bist beziehungsweise du selbst, wird es schwierig. Denn dann bist du ja nicht mehr offen. Schauspieler müssen sich aber immer wieder selbst entdecken.

"Berlin - 1. Mai" kommt am 30. April in die Kinos.

Interview: Sophie Albers