Die deutsch-arabische Sprachenschule Ibn Khaldun in Berlin-Neukölln genießt großes Ansehen in der Berliner Politik. Das liegt daran, dass sich Schulleiter Hudhaifa Al-Mashhadani offen für Vielfalt und gegen Antisemitismus einsetzt. Das Bild hat nun aber erhebliche Risse erhalten.
Im vergangenen November war es zu einem Vorfall in der Berliner U-Bahn gekommen. Angeblich habe ein Unbekannter versucht, Al-Mashhadani an der Station Rathaus Neukölln vor die einfahrende Bahn zu stoßen. Zusätzlich habe der Unbekannte erst die „Kopf ab“-Geste (Finger über den Hals ziehen) und dann die „Ich habe dich im Blick“-Geste (zwei Finger vor die Augen) gezeigt. So schilderte es Al-Mashhadani.
Vorfall in Neukölln wird zum Medienthema
Die Aufregung um den Vorfall war groß. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner, der die Schule mehrmals besucht hatte, äußerte auf X seine Erschütterung angesichts des „feigen Angriffs“. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel bekundete seine Solidarität. Zahlreiche Medien berichteten über den „Mordanschlag“. Auch der stern vermeldete den angeblichen Angriff unter der Überschrift „Die betrachten mich als Gefahr“ – Leiter von deutsch-arabischer Schule angegriffen“. In Interviews vermutete das angebliche Opfer den Täter im Umfeld von Islamisten oder propalästinensischen Aktivisten, denen das politische Engagement Al-Mashhadanis nicht passe.
Doch offenbar ist das meiste an der Geschichte gelogen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen den Iraker eingeleitet „wegen des Anfangsverdachts der falschen Verdächtigung“, wie sie dem stern bestätigte.
Zuerst hatte die Zeitung „taz“ über erhebliche Zweifel an der Version des Angriffs berichtet. Anfang der Woche legte der „Tagesspiegel“ nach und veröffentlichte Bilder der Überwachungskameras. Darauf ist deutlich zu erkennen, dass fast nichts an den Schilderungen Al-Mashhadanis korrekt ist.
Videobilder zeigen etwas anderes
Man sieht, wie der Schulleiter mit einem Kaffeebecher in der Hand den ersten Waggon der Bahn betritt. Einen Augenblick später tippt ihn ein Mann mit Mantel und Umhängetasche durch die geöffnete Tür an und zeigt die Geste „Ich habe dich im Blick“. Es gibt kein Schubsen, kein Palästinensertuch, keine Kopf-ab-Geste und erst recht keinen Mordanschlag. Die Polizei hatte die Aufnahmen umgehend nach der Meldung des Vorfalls beschlagnahmt. Aus Polizeikreisen heißt es, man habe gar nicht glauben können, dass Schulleiter Al-Mashhadani so dreist gelogen habe.
Doch das scheint nicht die einzige Lüge zu sein. Offenbar sind die Angaben des Mannes, dem der Neuköllner Bezirksmeister wegen seines Engagements die Ehrennadel des Bezirks verlieh, in seinem umfangreichen Lebenslauf falsch oder lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Das legen Recherchen der „taz“ nahe. Mittlerweile ist die Biografie von der Website der Schule entfernt worden.
Nach eigener Auskunft hat der Iraker bis 2019 im Irak gelebt, bevor er vor Gefängnisstrafen wegen proisraelischer Aussagen, Folter und Islamisten nach Deutschland floh. Doch selbst das scheint nicht zu stimmen. Es gibt wohl deutliche Hinweise, dass er sich bereits seit 2016 in Deutschland aufhält.
Imposante Biografie
Laut seiner Biografie habe er in Bagdad Politik und Medizin studiert, sei Mitglied im Parlament gewesen und habe im Staatsdienst gearbeitet. In Afghanistan will er für das US-Außenministerium tätig gewesen sein. 2014 folgte eine Promotion in Politikwissenschaften in Texas. In Deutschland habe er wegen seiner „medizinischen Expertise“ in einem Krankenhaus und im Gesundheitsministerium gearbeitet. Nebenbei habe er den Verfassungsschutz und die Polizei beraten und lehre an mehreren Hochschulen in Deutschland.
Was richtig ist: Al-Mashhdani wurde 2022 zum Vorsitzenden des Schulvereins Ibn-Khaldun, nachdem er dessen langjährigen Leiter und Gründer der Schule kennengelernt hatte, ebenfalls ein Iraker. Und er suchte die Öffentlichkeit. Schon 2020 veranstaltete er in einer Neuköllner Kirche ein arabisches Literaturfestival, auf dem er Bezirksbürgermeister Hikel kennenlernte. Nach dem Hamas-Anschlag am 7. Oktober 2023 zeigte er sich mit Israel solidarisch.
Einmal nahm er mit einigen Schülern an einer Veranstaltung der israelischen Botschaft teil. Seitdem werden er und die Schule von Islamisten bedroht. Das hat die Polizei bestätigt. Die Schule steht weiterhin unter Polizeischutz. Gleichzeitig wird Al-Mashhadani zu einem begehrten Gesprächspartner für die Politik, die sein Engagement lobt. Er tritt vermehrt als Sprecher eines ominösen „Deutsch-Arabischen Rats“ auf.
Der angebliche U-Bahn-Anschlag Ende 2025 beförderte ihn bundesweit zu einem Liebling der Medien. Sie berichteten gern von einem aufrechten arabischen Kämpfer gegen Islamismus und Antisemitismus. Besser geht es natürlich nicht, wenn man etwas werden will in der deutschen Öffentlichkeit. Für ein Schulprojekt erhielt er mehr als 50.000 Euro aus dem Antisemitismusfonds des Berliner Senats.
Auf Anfrage des stern wollte sich die Pressestelle der Schule „nicht im Detail zu einzelnen Vorwürfen äußern“. Der „Sachverhalt“ sei „Gegenstand laufender, rechtlicher Ermittlungen“. Was die U-Bahn-Schubserei angeht, bleibe Al-Mashhadani bei „seiner Darstellung der Ereignisse“ – trotz der Videobilder.
Quellen: „taz“, „Tagesspiegel“, „Süddeutsche Zeitung“