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Interview mit Sidney Lumet: "Hollywood unterschätzt sein Publikum"

Er ist einer der Titanen Hollywoods. Zwar hat Sidney Lumet den Ehren-Oscar schon bekommen, doch ist ihm mit 84 Jahren ein weiteres Meisterwerk gelungen. Im stern.de-Interview spricht der Regisseur über seinen Film "Tödliche Entscheidung" und verrät, was er gerne mit Julia Roberts tun würde.

Mit seinem Kinodebüt "Die 12 Geschworenen" gelang dem langjährigen Theater- und Fernsehregisseur Sidney Lumet im Jahr 1957 gleich ein Klassiker, Oscar-Nominierungen inklusive. Lumet drehte vorzugsweise Krimis der existentialistischen Art, von "Serpico" über "Hundstage" bis "Network" oder "Der Morgen danach". Besetzt hat er sie mit einer wahren Star-Armada: Marlon Brando spielte für ihn, Katharine Hepburn, Paul Newman, Al Pacino, Richard Burton, Sean Connery und auch Sharon Stone.

Mit 84 Jahren präsentiert die nimmermüde Hollywoodlegende nun ein grandioses Alterswerk der eleganten Art: "Tödliche Entscheidung". Diesmal standen Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke und Albert Finney vor der Kamera.

Ihr neuer Film bekommt grandiose Kritiken. Wann merken Sie selbst, ob ein Kuchen gelungen ist?

Ganz ehrlich und ohne falsche Bescheidenheit: Ich hatte absolut keine Ahnung, dass die Kritiken derart positiv ausfallen würden. Ich dachte, ich mache einen guten Film, der einige Spannung bietet, weil er ein so schönes Drehbuch hat. Dass man nun diese Tiefe darin entdeckt, war überraschend für mich. Das macht mich sehr glücklich.

Autor Kelly Masterson ist absoluter Anfänger. Wie gelingt einem Debütanten so ein Coup?

Darauf habe ich keine passende Antwort. Man kann eben nie voraussagen, wie gut einem Autor seine Arbeit gelingt. Es war ähnlich schicksalhaft, wie ich an diesen Stoff gekommen bin. Weder der Autor oder sein Agent boten mir das Drehbuch an, sondern die Produzenten, die es bereits gekauft hatten. Ich las es und war sofort begeistert.

Ist das Filmemachen für Sie nach all der Zeit einfacher geworden oder schwieriger?

Ich bin mir nicht ganz sicher. Zum einen ist es einfacher, weil ich inzwischen weiß, was ich da mache. Andererseits ist es schwieriger, weil Filmemachen körperlich sehr anstrengend ist. Man ist ständig auf den Beinen und dem Wetter ausgesetzt. Bei der Szene im Einkaufszentrum war es beispielsweise so extrem heiß, dass alle bereits nach einer Stunde völlig erschöpft waren. Im klimatisierten Studio ist es kaum besser, weil ich zu jeder Minute beim Drehen anwesend bin. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich habe einen der besten Jobs der Welt.

Auch wenn Sie sich im Schneideraum von Szenen trennen müssen?

Der Schneideraum ist keineswegs schmerzhaft, ich bin diszipliniert genug, um mich von Szenen zu trennen, die nicht funktionieren. Die größten Probleme hatte ich bei zweien meiner Filme, deren Titel ich natürlich nicht verraten werden. Ich hatte schon in der ersten Woche gemerkt, dass alles, was ich in diesem Projekt gesehen hatte, nicht mehr vorhanden war. Mir war klar, dass alles nur in meiner Vorstellung existierte und ich nichts davon im Film zeigen können würde. Dennoch hatte ich sieben oder acht Wochen Dreharbeiten vor mir - und niemanden, dem ich von diesen Sorgen erzählen konnte. Schließlich war ich ja der Regisseur. Man muss allen etwas vormachen. Das sind sehr schwere Zeiten.

Sie haben auch die besten Schauspieler der Welt. Haben Sie einen Trick, die immer wieder zu Höchstleistungen anzutreiben?

Dazu müsste ich einen vierstündigen Vortrag halten (lacht). Ich habe vor allem großes Mitgefühl und Verständnis für meine Schauspieler. Ich weiß, wie quälend ihr Beruf sein kann - und das spüren die Darsteller. Durch dieses Gefühl werden sie selbstbewusster und mutiger. Sie probieren Dinge aus, die sie sonst vielleicht nicht so einfach wagen würden.

Sie finden Schauspielen ist eine Qual?

Ich bin der Meinung, dass es vor allem quälend ist, ja. Jede gute Kunst bedarf der Preisgabe des Künstlers, und ich glaube, dass die meisten Menschen nicht sehr gerne ihre Geheimnisse oder Intimität preisgeben. Es mag Ausnahmen geben, aber die Mehrheit macht das nur ungern. Aber alle wissen, dass es für diesen Beruf unerlässlich ist. Der Spaß kommt erst, wenn die Arbeit getan ist.

Sie sind bekannt dafür, die Szenen vor dem Dreh ausgiebig zu proben...

Lange Proben sind für mich ganz entscheidend. Dadurch bekommen die Schauspieler die notwendige Zeit, ihre Figur genau zu erforschen. All das passiert in großer Ruhe und Konzentration. Es gibt kein Team und keine Kamera, die stören.

Mit Stars wie Al Pacino oder Sean Connery haben Sie mehrfach gedreht. Sind dabei Freundschaften entstanden oder wahrt man doch lieber Distanz?

Ich suche nicht bewusst nach Distanz, aber von all den vielen Schauspielern, mit denen ich oft mehrfach gearbeitet habe, ist Sean Connery der einzige, mit dem sich eine Freundschaft entwickelt hat - was vielleicht daran liegen mag, dass er nicht in Amerika lebt. (lacht)

Je größer der Star, desto größer vielfach die Allüren. Welche Zickigkeiten haben Sie in Ihrer Karriere erlebt?

Ich habe nie Zickigkeiten erlebt, weil ich mit solchen Schauspielern nie gearbeitet habe. Natürlich gibt es dieses kindische Verhalten bei manchen Stars, aber das schlägt sich ganz schnell in ihrem Talent nieder. Wirklich große Darsteller haben so ein Getue nur selten nötig.

Bekommen Sie jeden Schauspieler, den Sie wollen?

Ich habe selten Schwierigkeiten, meine Wunschbesetzung zu bekommen. Schauspieler arbeiten offensichtlich gerne mit Regisseuren, bei denen sie sich gut aufgehoben fühlen.

Woher kommt diese Vorliebe für die düsteren Seiten der Menschen. Ihre Filme wirken nicht besonders optimistisch?

Ich wäre sicher optimistischer, wenn ich Filme für Disney machen würde (lacht). Es geht nicht um die Frage, ob die Menschheit böse ist. Entscheidend ist die Frage, was besser für ein Drama ist. Leider wird das Melodram vielfach unterschätzt und gilt als billiges Genre. Das sehe ich anders.

Hatten Sie nie den Wunsch, eine Liebeskomödie mit Julia Roberts zu drehen?

Mit Julia Roberts würde ich gleich morgen damit beginnen! Sie ist nicht nur eine begnadete Schauspielerin, sondern eine wunderbare Person. Mein Problem ist, dass mir diese Art von Komödie nicht besonders liegt. Bei natürlicher Komik bin ich noch ganz gut. Jack Warden ist in "Die zwölf Geschworenen" zum Beispiel ziemlich komisch, aber das resultiert eben aus seinem realistischen Verhalten. Bei konstruierter Komik wäre ich nicht der richtige Regisseur.

Sind Sie ein Moralist?

Ich hoffe nicht. Moralisten sind langweilig und ziemlich unangenehme Zeitgenossen. Zudem sind sie falsch und verlogen, denn jeder von uns kommt in seinem Leben in Situationen, in denen er unmoralische Dinge tut. Wer sich nicht selbst vergeben kann, der führt kein schönes Leben.

"Tödliche Entscheidung" ist ziemlich komplex erzählt. Wie kompliziert darf ein Film sein - oder besser: Traut Hollywood seinem Publikum traditionell zu wenig zu?

Hollywood hat die Intelligenz des Publikums schon immer unterschätzt. Nehmen Sie "Das Schweigen der Lämmer" - komplizierter kann eine Geschichte kaum sein. Und beim Publikum war es ein enorm großer Erfolg.

Welchen deutschen Film haben Sie zuletzt gesehen?

Ich gehe zwar sehr häufig ins Kino, aber deutsche Filme werden hier leider selten gezeigt. So hoch entwickelt die Kinobranche in Amerika ist, gibt es für ausländische Filme kaum noch Platz. Früher gab es in New York ein Kino, das ausschließlich russische Filme zeigte, in zwei Kinos wurden nur französische gespielt. Das existiert heute alles nicht mehr. Das ist traurig.

Haben Sie eigentlich den 'final cut', das letzte Wort, wie der Film aussieht, wenn er in die Kinos kommt?

Ja. Ich verzichte auch auf Testvorstellungen und vertraue lieber meinen eigenen Instinkt.

Haben Sie einen Rat für junge Filmstudenten, deren Vorbild Sie sind?

Ich finde es sehr wichtig, eine Filmhochschule zu besuchen, egal ob im polnischen Lodz oder in Los Angeles. Entscheidend ist, dass man lernt durch die Kamera zu sehen. Und das lernt man am schnellsten auf einer Hochschule. Und danach sollte man so schnell wie möglich auf einen Film-Set. Ganz egal, welchen Job man dabei macht.

Mögen Sie eigentlich die Echtzeitthriller-Serie "24" mit Kiefer Sutherland?

Ich habe viel Gutes über die Serie gehört, kenne sie aber leider nicht. Ich schaue kaum Fernsehen, und wenn, dann höchstens Sport.

Interview: Dieter Oßwald

"Tödliche Entscheidung" kommt am 10. April in die Kinos