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Jo Brauner: "Mr Tagesschau" nimmt Abschied

Mit seinem 30. Dienstjubiläum verabschiedet sich "Tagesschau"-Sprecher Jo Brauner vom Fernsehen. Am Samstag um 20 Uhr können wir ihn zum letzten Mal auf unseren Bildschirmen sehen.

Probleme mit Lampenfieber hatte Jo Brauner so gut wie nie. Natürlich sei er bei seiner ersten Sendung vor 30 Jahren "aufgeregt wie ein Novize" gewesen, erinnert er sich, aber das habe sich nach ein paar Wochen gelegt. 30 Jahre lang war "Mr. Tagesschau" die Ruhe selbst, auch in hektischen Zeiten. Doch jetzt kehrt die Nervosität zurück: Am Samstag, 9. Oktober, um 20 Uhr wird der 66-Jährige seine allerletzte "Tagesschau" verlesen. Jo Brauner hat ein wenig Angst davor, vor lauter Rührung die Fassung zu verlieren.

Immer stolz auf seinen Beruf

"Ich fürchte, meine emotionalen Dämme sind nicht so stabil", gesteht der freundliche, grau melierte Herr, der - abgesehen von einem kurzen Lachanfall 1996 bei den "Tagesthemen" beim Anblick des verdutzten Moderators Ulrich Deppendorf - als personifizierte Seriosität wirkt. Brauner fügt hinzu: "Aber vielleicht muss man sich in so einem Moment auch nicht unbedingt im Griff haben?" Muss man nicht, vor allem wenn man seine Arbeit so geliebt hat wie Jo Brauner. Dieses Gefühl werde er am meisten vermissen, erklärt er, "Teil dieser Nachrichtensendung ’Tagesschau’ gewesen zu sein. Darauf war ich immer sehr stolz."

Er hat sich den Abschied nicht leicht gemacht. Das übliche Renteneintrittsalter mit 65 ließ er schon verstreichen; doch er versicherte immer, den richtigen Zeitpunkt nicht aus den Augen zu verlieren. Jetzt fällt Jo Brauners Abschied von Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung mit seinem 30-jährigen Dienstjubiläum zusammen.

Vor 30 Jahren

Am 9. Oktober 1974 las der junge Brauner seine allererste "Tagesschau", wenn auch noch längst nicht die berühmte 20-Uhr-Ausgabe. "Das durften die Neulinge bei Karl-Heinz Köpcke erst nach einem halben Jahr", erzählt Jo Brauner, und ein wenig Ehrfurcht schwingt noch immer mit bei der Erwähnung des Ur-"Mr. Tagesschau". Ganz einfach sei Köpcke nicht gewesen, erinnert er sich. "Ich dachte eigentlich immer, dass er mich nicht mag, aber er war zu allen so."

Bis Brauner mit seiner angenehm sonoren Stimme endlich bei der "Tagesschau" in Hamburg landete, verlief sein Lebensweg alles andere als schnurgerade. Geboren am 29. November 1937 in einem kleinen Ort in Schlesien, verbrachte der junge Joachim seine ersten Lebensjahre bis zum Kriegsende in Breslau. Im Januar 1945 wurde er gemeinsam mit seiner Mutter und drei Geschwistern nach Thüringen evakuiert. Dort studierte er später Lehramt, verließ aber 1958, noch vor dem Mauerbau, die DDR und ging nach Hamburg.

"Ich hatte immer davon geträumt"

Sein Staatsexamen wurde in der Bundesrepublik nicht anerkannt, Brauner musste sich andere Jobs suchen. Unter anderem arbeitete er in einer grafischen Kunstanstalt und als kaufmännischer Angestellter in einer Versicherungsgesellschaft, bis er nach Sprechunterricht 1965 seine ersten Nachrichten im NDR-Hörfunk verlas. Bei der NDR-Fernsehsendung "Berichte vom Tage" landete Jo Brauner 1967. Kamera-Erfahrung hatte er also Mitte der 70er Jahre schon genug, als Köpcke ihm das "Tagesschau"-Angebot machte. Trotzdem war die Ehrfurcht groß: "Ich hatte immer davon geträumt, hätte aber nie gewagt, danach zu fragen."

Diese Bescheidenheit hat sich Jo Brauner bis heute bewahrt. Während so mancher "Tagesschau"-Sprecher schon in peinlichen Angelegenheiten in den Schlagzeilen der Boulevard-Blätter landete, gibt es bei Brauner, der seit 1969 verheiratet ist und zwei Töchter hat, keine Spur von Klatschgeschichten. Wie kaum ein Zweiter stand er für das seriöse, verlässliche und unprätentiöse Image der "Tagesschau". "Alle Sprecher haben einen Vertrag, wonach eine gewisse Seriosität dazu gehört. Das ist der Preis, den man zahlt", erklärt Brauner.

Zum Abschied von Dagmar Berghoff wurde Jo Brauner im Oktober 1999 zum neuen Chefsprecher der "Tagesschau" berufen. Zu seinem Nachfolger ist Jan Hofer im Juni dieses Jahres berufen worden.

Der unheimliche Ruhestand

Ein bisschen unheimlich ist ihm die Aussicht auf den Ruhestand schon. "Ich kann dann zwar machen, was ich will, aber ich kann nicht mehr zur Arbeit gehen", sagt Brauner. Das sehe er mit gemischten Gefühlen. "Ich glaube aber nicht, dass ich in ein Loch fallen werde", betonte er. Er freue sich darauf, viel zu lesen und mehr Zeit mit seiner Frau Ann zu verbringen. Außerdem denke er daran, ein Buch zu schreiben, in dem er seine Kindheitserlebnisse am Ende des Zweiten Weltkrieges verarbeiten wolle. Genug Zeit hat er jetzt dafür.

Lisa Arns/AP / AP