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Julia Jentsch: "Sophie Scholl wurde nicht als Heldin geboren"

Für ihre Darstellung der Sophie Scholl erhielt sie den Silbernen Bären der Berlinale. Im stern.de-Interview spricht Julia Jentsch über die Dreharbeiten und ihre Annäherung an die Widerstandskämpferin.

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Sophie Scholl vorbereitet?

Ich habe alle Informationen genutzt, die ich bekommen konnte: Biografien, Briefe, Tagebücher und Interviews mit Zeitzeugen, vor allem die aufgezeichneten Gespräche mit einer Schwester von Sophie Scholl. Mit dieser Fülle von Informationen habe ich versucht, mehr und mehr ein Gefühl für diese Person zu bekommen. Besonders schwierig war es, sich diese besondere Atmosphäre klar zu machen. Es ist heute schwer begreiflich, was es für Sophie Scholl bedeutet hat, in diesem Gestapo-Gebäude verhört zu werden, umgeben nur von Nazis. Dort zu sein und ihre Meinung zu äußern. Trotz dieser Atmosphäre Stärke zu bewahren. Diese gedankliche und emotionale Reise zu machen, hat mich inspiriert.

Wie ließen sich die anstrengenden Dreharbeiten und Ihre Auftritte an den Münchner Kammerspielen vereinbaren?

Das hat mich Regisseur Marc Rothemund vor Drehbeginn auch gefragt, ob ich mir zutraue neben dem Theater die Scholl zu spielen. Bei den Theatervorstellungen habe ich einfach versucht, den Dreh zu vergessen und mich auf das Stück und meine Partner zu konzentrieren. Danach musste ich das Stück wieder ganz schnell verdrängen und mir Gedanken über den nächsten Drehtag machen und überlegen, wie die Geschichte weitergeht. Es gab schon extreme Tage, für immer wäre das nicht gegangen.

Das Verhör durch die Gestapo wirkt wenig brutal. Sophie wird mit einer Lampe geblendet, es wird geschrieen aber keine Gewalt angewandt. Ist das authentisch?

Wir haben uns schon Gedanken gemacht, ob das Verhör brutal genug wirkt. Marc Rothemund wollte auf keinen Fall verharmlosen. Anderseits wussten wir, wie Robert Mohr seine Verhöre geführt hat und wollten der Person gerecht werden. Es gibt Überlieferungen der Befragungen und auch Berichte von anderen Mitgliedern der Weißen Rose, die von Mohr verhört wurden.

War dieses Verhör, der verbale Machkampf zweier unterschiedlicher Menschen, eine Herausforderung für Sie?

Die Verhörszenen sind lang, haben viel Text und sollten in einem Stück durchgedreht werden. Die Vorbereitungszeit war sehr knapp, deswegen habe ich mich mit Alexander Held, der den Robert Mohr spielt, während der Dreharbeiten am Wochenende getroffen um den Text in den Kopf zu bekommen, uns kennen zu lernen und um zu sehen, was in welchem Verhör wichtig ist.

Sophie Scholl ist eine Lichtgestalt, eine Ikone des Widerstands gegen das Dritte Reich. Wie war es für Sie, als die Zusage für die Rolle kam?

In dem Moment, als ich die Zusage bekam, hat das mich nicht umgehauen. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich die Rolle bekomme habe. Dann habe ich aber sofort gedacht, jetzt muss ich loslegen. Es ging dann auch schnell mit Masken- und Kostümproben los. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment nutzen zu müssen, um mir die nötigen Informationen anzueignen. Die Freude ist nur ein Moment, dann kommt auch die Angst, ob das, was man sich gewünscht hat, auch so klappt.

Ist Sophie Scholl für Sie eine Heldin?

Sie ist für mich schon eine Heldin, aber sie war vor allem ein junger Mensch, der viel Kraft hatte, einen schwierigen Weg zu gehen. Ich habe versucht, Sophie Scholl als normale junge Frau zu spielen, die das Leben genossen, Pläne für die Zukunft gemacht hat und nicht ihren Tod im Widerstand vor Augen hatte. Sophie Scholl wurde nicht als Heldin geboren.

Bleiben Sie im Gedächtnis der Leute jetzt die ewige Sophie Scholl?

Ich hoffe nicht! Ich habe mich schon gefragt, ob ich jetzt das prägende Bild dieser Person verkörpere. Aber es gibt ja auch noch Lena Stolze aus "Die Weiße Rose", die sehr als Sophie Scholl in den Köpfen ist. Ich glaube nicht, dass ich von Außen jetzt auf diese Rolle festgelegt bin.

Das Interview führte Hauke Friederichs