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Empörung nach Auftritt in Hannover "Fühle mich wie Sophie Scholl" – Infektionsschutzgegner instrumentalisieren die Opfer der Nazis

Hannover: "Querdenker"-Rednerin sorgt mir Sophie-Scholl-Vegleich für Empörung
Sehen Sie im Video: "Querdenken"-Rednerin sorgt mit Sophie-Scholl-Vergleich für Empörung.






Eine "Querdenken"-Rednerin sorgt landesweit für Empörung.


Die 22-Jährige vergleicht sich bei einem Auftritt in Hannover mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die den Nazis zum Opfer fiel.


Die damals, wohlgemerkt 21-Jährige wurde zusammen mit ihrem Bruder Hans am 22. Februar 1943 in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet.


Einem vermeintlichen Ordner der Veranstaltung platzt daraufhin der Kragen:


"Für so einen Schwachsinn  mache ich keinen Ordner mehr!"


"Nee, für so einen Schwachsinn  mache ich doch keinen Ordner mehr."


"Für so einen Schwachsinn  mache ich doch keinen Ordner mehr."


„Ich mache hier keinen Ordner mehr  für so einen Schwachsinn. Beim besten Willen!“


"Sowas hier, das ist die Verharmlosung vom Holocaust."


"Verharmlosung vom Holocaust!"


"Um Gottes Willen!  Hängengeblieben! Hängengeblieben!"


"Das ist mehr als peinlich!"


Anschließend verlässt die "Querdenkerin" erbost die Bühne.


In Hannover hatten sich rund 650 Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen auf dem Opernplatz versammelt.


Laut einem Polizeisprecher sei es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen gekommen.


Zu Scharmützeln mit Gegendemonstranten sagte der Polizeipräsident von Hannover, Volker Kluwe gegenüber dem NDR:
"Solange es da bei lautstarken Versuchen bleibt, sind wir da sehr zufrieden."


Im Netz löst das Video heftige Reaktionen aus. Einzelne Versionen des Clips wurden mehr als 1 Million Mal abgerufen.


In den Kommentarspalten finden sich vor allem Empörung und Ablehnung:


Die Parallelen zu Sophie Scholl seien verantwortungslos, die Gleichsetzung mit dem Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" zur NS-Zeit sei beschämend.


Der junge Mann bekommt dagegen mehrfach Zuspruch. Ein Nutzer etwa schrieb:


"Respekt für den Ex-Ordner, der die Verhöhnung der realen Holocaust-Opfer erkannte und sich dagegen stellte."


Auf Veranstaltungen der "Querdenker" kommt es immer wieder zu Verstößen gegen Auflagen, wie beispielsweise das korrekte Tragen eines Mundnasenschutzes oder die Einhaltung des Abstandsgebots.


Ein Leipzig seien auf einer "Querdenken"-Demo bis zum Samstagabend zwei Menschen festgenommen worden, teilte die Polizei mit.


Im Stadtgebiet seien 18 Straftaten festgestellt worden. Dabei gehe es um Körperverletzungen und Landfriedensbrüche.


Neun Tatverdächtige seien ermittelt worden.


Zudem seien 113 Anzeigen wegen Verstößen gegen die Sächsische Corona-Schutzverordnung gefertigt worden. Eine Beamtin sei bei dem Einsatz leicht verletzt worden.
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Sie fühle sich wie Sophie Scholl, behauptete eine Gegnerin der Coronavirus-Politik auf einer Demo in Hannover – und verdrehte so die Geschichte. Ihre herbeifantasierte Gleichsetzung mit einem Opfer der NS-Diktatur ist kein Einzelfall in der "Querdenken"-Bewegung.

Wieder sorgt eine Infektionsschutz-Gegnerin durch einen konstruierten Vergleich ihrer selbst mit den Opfern der Nazi-Diktatur für Entrüstung. Schauplatz diesmal: eine Demonstration von mehreren hundert Anhängern der selbsternannten "Querdenken"-Bewegung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie in Hannover am Samstag.

Auf der Bühne: Eine Frau, die sich als Jana, 22 Jahre alt, aus Kassel, vorstellt. Ihren Redebeitrag beginnt sie mit einem geschmacklosen Vergleich: "Ich fühle mich wie Sophie Scholl", behauptet sie und führt als Begründung an, dass sie seit Monaten im vermeintlichen "Widerstand" aktiv sei, Reden halte, Demonstrationen besuche, Flyer verteile und Versammlungen anmelde. Von Umstehenden erntet sie Applaus, wie auf Aufnahmen zu hören ist. 

Hannover: "Querdenker"-Rednerin sorgt mir Sophie-Scholl-Vegleich für Empörung

Der stern hat das inzwischen millionenfach abgespielte Video des Auftritts umfangreich verifiziert, an dessen Echtheit gibt es keine Zweifel.

Vergleich mit Sophie Scholl sorgt für Empörung

Die Gleichsetzung mit Sophie Scholl, Widerstandskämpferin im Dritten Reich, löst bundesweit Empörung aus. So erklärt Bundesaußenminister Heiko Maas bei Twitter, derartige Äußerungen verhöhnten den Mut, den es brauchte, Haltung gegen Nazis zu zeigen. "Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit", so Maas. Nichts verbinde die Proteste gegen die Corona-Politik mit Widerstandskämpferinnen und -kämpfern. (Weitere Reaktionen sehen Sie im Video oben.)

Sophie Scholl gehörte zum inneren Kreis der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" gegen die Diktatur der Nationalsozialisten. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und Dutzenden Unterstützerinnen und Unterstützern trat sie der Nazi-Unrechtsherrschaft mutig unter Einsatz ihres Lebens entgegen, unter anderem durch das Verfassen und Verteilen von Flugblättern in München und anderen Großstädten in den Jahren 1942 und 1943.

"Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann", schrieben sie beispielsweise über den von den Nazis betriebenen Völkermord an den Juden. "Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet habe und täglich neu anrichten", klagten die Mitglieder der "Weißen Rose" in ihrem letzten Flugblatt aus dem Februar 1943 an.

Am 18. des Monats wurden Sophie und Hans Scholl und in der Folge weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. In einem Schauprozess verurteilte man sie vier Tage später wegen "landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat [und] Wehrkraftzersetzung" zum Tode. Noch am selben Tag wurden in München die Urteile vollstreckt. Sophie und Hans Scholl sowie ihr Kommilitone Christoph Probst wurden enthauptet. Weitere Mitglieder der "Weißen Rosen" trafen später gleichlautende Willkürurteile.

Hans und Sophie Scholl
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl auf einer undatierten Aufnahme
© Ullstein / DPA / Picture Alliance

"Ich bin 22 Jahre alt, genau wie Sophie Scholl, bevor sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel", führt die Rednerin auf dem Podium in Hannover weiter aus (tatsächlich starb Sophie Scholl 21-jährig; Anm. d. Red.) – und stellt ihr in unserem Rechtsstaat legitimes Engagement gegen die Politik zur Bekämpfung des Coronavirus auf eine Stufe mit dem lebensgefährlichen Kampf der "Weißen Rose" gegen das verbrecherische NS-Regime.

"Querdenker" immer wieder mit unangebrachten Vergleichen 

Es ist nicht das erste Mal, dass im Umfeld der "Querdenken"-Bewegung die Maßstäbe vollkommen verloren gehen. Mehrfach schon fielen auf ihren Demonstrationen Infektionsschutz-Gegnerinnen und -Gegner auf, die sich abgewandelte "Judensterne" mit der Aufschrift "ungeimpft" an die Kleidung geheftet und so die Opfer des Holocaust für sich vereinnahmt hatten. Als seien die Maßnahmen zum Infektionsschutz auch nur ansatzweise vergleichbar mit dem größten Zivilisationsbruch in unserer Geschichte.

Mit dem "Judenstern" an der Kleidung mussten sich unter dem nationalsozialistischen Regime Menschen kennzeichnen, die nach der NS-Ideologie und -Gesetzgebung als Jüdinnen oder Juden galten – die Markierung erleichterte den NS-Schergen unter anderem die Deportationen der Menschen und den millionenfachen Mord an ihnen.

Bürger mit "Judenstern"; Infektionsschutzgegner
Geschmacklose Gleichsetzung: Bürger mit "Judenstern" im Ghetto von Lodz 1941 und Infektionsschutzgegner mit abgewandelter Kennzeichnung mit dem Wort "ungeimpft" auf einer Demonstrantion in Frankfurt am Main 2020
© Prisma / Picture Alliance, Boris Roessler / DPA

Für einen weiteren Eklat im Umfeld der "Querdenken"-Bewegung sorgte in der vergangene Woche ein Kind in Karlsruhe. Das elfjährige Mädchen setzte ihre Geburtstagsfeier unter Corona-Bedingungen mit dem Schicksal des jüdischen Mädchens Anne Frank im Dritten Reich gleich. Das Kind las auf der Bühne von einem Blatt ab, die Feier mit ihren Freunden sei ganz anders gewesen als in den Jahren davor: "Wir mussten die ganze Zeit leise sein, weil wir sonst vielleicht von unseren Nachbarn verpetzt worden wären. Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hinterhaus, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden."

Auch dies ist eine drastische Verharmlosung der Ereignisse in den 1940er Jahren. Während es bei den Beschränkungen der Teilnehmerzahl bei privaten Feiern um den Schutz vor der Ausbreitung eines potenziell tödlichen Virus geht, diese Regelungen durch demokratisch gewählte Institutionen eingeführt wurden und bei Verstößen ein Bußgeld verhängt werden kann, ging es für Anne Frank und ihre Familie um das nackte Überleben. 

Anne Frank hatte von 1942 bis 1944 mit ihrer Familie in Amsterdam im Versteck vor den deutschen Nationalsozialisten gelebt und dort ihr weltberühmtes Tagebuch geschrieben. Sie wurde von der Gestapo entdeckt, verhört und am 3. September zunächst ins Vernichtungslager Auschwitz und später ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Dort starb sie im Frühjahr 1945 an Fleckfieber infolge der katastrophalen hygienischen Bedingungen. Anne Frank wurde 15 Jahre alt.

Anne Frank
Anne Frank (um 1940)
© AKG-Images / Picture Alliance

Das Entsetzen über die Gleichsetzung des anders als gewohnt verlaufenen elften Geburtstages mit dem Schicksal Anne Franks war groß. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat den Fall hinsichtlich einer möglichen Holocaust-Leugnung untersucht. "Die Prüfung des Falls habe keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten ergeben", erklärte aber ein Sprecher der Karlsruher Behörde. Abgesehen davon, dass das Kind selbst strafunmündig sei, werde auch nicht gegen die Eltern ermittelt. "Nicht alles, was moralisch verwerflich ist, ist auch ein Straftatbestand", kommentiere ein Polizeisprecher die Rede der Elfjährigen.

Radikalisierung bei Protesten gegen Coronavirus-Politik

Die unangebrachten Vergleiche und Anspielungen der Infektionschutzgegnerinnen und -gegner stehen beispielhaft für eine beobachtete Radikalisierung der "Querdenken"-Bewegung: Vielerorts – wie zuletzt in Leipzig – gehen sie Seit' an Seit' mit Neonazis und Hooligans auf die Straße, neben Impfgegnern und Esoterikern demonstrieren auch sogenannte Reichsbürger. Teilnehmerinnnen und Teilnehmer verbreiten immer wieder (antisemitische) Verschwörungserzählungen. Einigen geht es offenbar längst nicht mehr nur um Protest gegen die Maßnahmen zum Schutz vor einer Ausbreitung des Coronavirus. In einschlägigen Internetforen und Messenger-Gruppen wird mitunter offen zum Umsturz aufgerufen.

Der Geschäftsführende Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Pietismusforschung an der Uni Halle-Wittenberg, Friedemann Stenge, sagte der Nachrichtenagentur DPA zur Vereinnahmung der Holocaust-Opfer auf den "Querdenken"- und anderen Demonstrationen, man könne sich im Grunde nur schämen, "für Leute, die Sophie-Scholl-T-Shirts auf Anti-Corona-Demonstrationen tragen oder die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus mit ihrer frei erfundenen Situation parallelisieren".

Zuletzt warnte in der vergangenen Woche Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor der zunehmenden Radikalisierung der "Querdenken"-Bewegung, die vor allem in seinem Bundesland besonders groß erscheint. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Bewegung immer stärker von rechtsradikalen Kräften unterwandert werde, sagte Kretschmann. Die Ansichten, die die "Querdenker" vertreten, seien nicht faktenorientiert, zum großen Teil abwegig und schwer nachvollziehbar. Es sei beunruhigend, dass immer mehr Querverbindungen zum Rechtsextremismus und zum Rechtsradikalismus wahrnehmbar sind.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte kürzlich eine Überprüfung der Bewegung durch den Verfassungsschutz ins Spiel gebracht. "Es entwickelt sich ein wachsendes Konglomerat von Rechtsextremen, Reichsbürgern, Antisemiten und absurden Verschwörungstheoretikern, die der Politik sogar Satanismus vorwerfen". Die "Querdenker" entwickelten sich "zunehmend sektenartig", der Inlandsgeheimdienst müsse "genau unter die Lupe nehmen, was sich da entwickelt", so Söder.

Rednerin in Hannover bekommt Widerspruch

Bundesjustizministerin Christian Lambrecht sagte: "Wenn man [...] liest, was auf manchen Plakaten steht, gibt das einem schon zu denken. Was bei einigen der sogenannten Querdenker zu beobachten ist, entspricht nicht unserer Verfassungsordnung. Es stellt sich die Frage, ob die Bewegung ein Sammelbecken für Rechtsextremisten, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker geworden ist." Die Geschichte vom einfachen, besorgten Bürger, der auf die Straße geht, könne sie vielfach nicht mehr nachvollziehen. Die Verfassungsschutzämter müssten einordnen, ob sie die Bewegung überprüfen.

Zumindest in Hannover blieb die Gleichsetzung von Jana, 22, aus Kassel, mit Sophie Scholl nicht unwidersprochen. Kurz nach Beginn der Rede tritt ein Mann an die Bühne, der angibt, ein Ordner der Demonstration zu sein. Ob es sich bei ihm tatsächlich um einen solchen handelt oder er, wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" berichtet, von Gegendemonstranten eingeschleust wurde, war zunächst unklar. "Für so einen Schwachsinn mache ich keinen Ordner mehr!", entgegnet der Mann der Rednerin. "Sowas hier, das ist die Verharmlosung vom Holocaust", platzt ihm der Kragen. Sein vermeintliches Ordner-Leibchen gibt er an Ort und Stelle ab.

Die 22-Jährige bleibt konsterniert auf der Bühne zurück und behauptet "Ey, ich hab' doch gar nichts gesagt", bevor sie weinend das Podium verlässt. Wenig später kehrt sie dorthin zurück. "Ich fühle mich eben wirklich wie Sophie Scholl ...", beginnt sie ihre geschichtsverdrehende Rede von vorn.

Mitarbeit: Martin Thiele

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