HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Andreas Petzold: #DasMemo: Wie Höckes Nazi-Rhetorik die AfD-Taktik torpediert

Es ist nicht nur widerwärtig, sondern auch widersinning: Während die AfD den Hitler-Widerstand missbraucht, um ihren Feldzug gegen die "Kanzler-Diktatorin" zu rechtfertigen, greift Björn Höcke in Dresden zu Nazi-Rhetorik.

Von Andreas Petzold

Der thüringische Landesvorsitzende der AfD, Björn Höcke

Liebe zu Nazi-Rhetorik: der thüringische Landesvorsitzende der AfD, Björn Höcke.

Die hintersinnige Methode der , den Widerstand gegen Adolf Hitler für sich zu instrumentalisieren ist das Widerwärtigste, was die politische Bühne in den vergangenen Jahren in Deutschland zu bieten hatte. Vorweg: Ich bin bei diesem Thema befangen. Mein Großvater, Artillerie-General Fritz Lindemann, gehörte zum Widerstandskreis des 20. Juli rund um Oberst Claus Schenk Graf zu Stauffenberg. Fritz Lindemann war nach einer Denunziation im September 1944 in Potsdam von den Schergen der Geheimen Staatspolizei erschossen worden, ein entfernter Verwandter wollte das Kopfgeld in Höhe von 500.000 Reichsmark kassieren.

Ich bin sicher, dass ich meinen Ekel über die Art, wie die AfD den Widerstand gegen eine mörderische Diktatur politisch vereinnahmt, mit der großen Mehrheit der Deutschen teile. Wer ist schon derart geschichtsvergessen wie manche Mitglieder der so genannten Alternative für Deutschland - allen voran deren thüringischer Landesvorsitzender , der am Dienstagabend in Dresden eine nationalsozialistisch gefärbte Rede gehalten hat. Doch dazu später.

Rolle des Widerstands wird umgedichtet und verhöhnt

Wenden wir uns kurz dem Mechanismus zu, mit dem die AfD den Hitler-Widerstand geschickt missbraucht, um ihren Feldzug gegen die "Kanzler-Diktatorin" (AfD-Sprech) zu rechtfertigen. Man erklärt die Freiheitskämpfer, die im Dritten Reich gegen Hitler rebellierten, zu den "einzig wahren Patrioten" und kapert so deren Reputation. Die vorgebliche Bewunderung für die Widerständler soll dem bürgerlichen Wähler-Lager signalisieren, dass die AfD mit dem moralischen Anspruch eines Stauffenbergs gegen die "Merkel-Diktatur" opponiert. Die "Alternative" entblödet sich also nicht, ihre Auseinandersetzung mit einer demokratisch gewählten Regierung mit dem Kampf gegen eine blutrünstige Gewaltherrschaft zu legitimieren. So wird die historische Rolle der Widerständler ohne Skrupel umgedichtet und verhöhnt.

" würde AfD wählen", postete vergangene Woche der Kreisverband Nürnberg-Süd/Schwalmbach. Auch Beatrix von Storch hatte sich in einem Tweet im vergangenen Jahr auf Sophie Scholl berufen. Kein Zufall, sondern System. Mit dieser wiederholten Vereinnahmung versuchen die Rechtsnationalisten gerne, Nähe zum braunen Gedankengut zu entkräften. Wahr ist wohl eher, dass die humanistisch geprägten Geschwister Scholl heute auf die Straße gehen würden, um gegen die nationalistischen Tendenzen der AfD zu protestieren.

Das gleiche Schema lässt sich bei Aufzügen von AfD und Pegida beobachten. Dort wird die "Wirmer-Flagge" oft und gerne geschwenkt, ebenfalls ein perfider Missbrauch der Geschichte. Josef Wirmer war ein früher Nazi-Gegner. Die Flagge sollte nach Hitlers Sturz als Symbol für Freiheit und Toleranz stehen. Wirmer ging es darum, dem Menschenrecht in Deutschland wieder Geltung zu verschaffen. Und nun weht sie unter anderem auf Versammlungen, die ein gewisser Lutz Bachmann in Dresden organisiert, ein aufgeblasener Kleinkrimineller, der Fremdenhass, Nationalismus und ein totalitäres Staatsverständnis propagiert und sich mit Hitlerbärtchen fotografieren lässt.

Höckes Rede torpediert AfD-Taktik

Gestern Abend allerdings, in einem vor Nationalismus dampfenden Wirtshaus in , da entblößte AfD-Spitzenpolitiker Höcke mal wieder seine Liebe zur Nazi-Rhetorik. Damit torpedierte er allerdings frei heraus die fein gesponnene AfD-"Solidarität" mit dem Hitler-Widerstand, sicher sehr zum Leidwesen seiner Parteioberen. Er spüre eine "reine, ehrliche, tief begründete Vaterlandsliebe" im Saal. Zum Holocaust waren es dann nur noch wenige Redeminuten: "Wir Deutschen sind das einzige Volk auf der Welt, dass sich ein Denkmal der Schande ins Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat!" Beifall! Dann lamentierte Höcke noch über die "nach '45 systematisch begonnene Umerziehung", womit er am Ende Standing Ovations und minutenlanges rhythmisches Klatschen erntete.

Es roch nach 1932, die Tonalität war unmißverständlich, auch wenn Höcke tags darauf den untauglichen Versuch unternahm, seine unsäglichen Sätze zu relativieren. Parteichefin Frauke Petry mühte sich um Distanz. Höcke sei "mit seinen Alleingängen und ständigen Querschüssen zu einer Belastung der Partei geworden." Ihr Ehemann Markus Pretzell, AfD-Chef in Nordrhein-Westfalen, assistierte via "Bild"-Zeitung: "Zum wiederholten Male rührt er mit größter Ignoranz an einer zwölfjährigen Geschichtsepoche, deren Revision wahrlich nicht die Aufgabe der AfD ist."

Die Aufregung in der Parteispitze ist verständlich. Schließlich, siehe oben, beruft sich der wahre AfDler lieber auf den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Wie widersinnig das allerdings ist, verdeutlicht schon ein einzelner Satz aus jener Regierungserklärung, die am 20. Juli nach einem geglückten Attentat auf Hitler verlesen werden sollte: "Zur Sicherung des Rechts und des Anstand gehört die anständige Behandlung aller Menschen." Daraus eine Rechtfertigung abzuleiten, für Fremdenhass und Nationalismus einzutreten, entlarvt eher den Rechtfertigungsnotstand der AfD . Auch wenn die AfD darauf hofft: So schnell vergessen die Menschen in diesem Land ihre Geschichte nicht.

Frauke Petry, Bundesvorsitzende der AfD, lächelt