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AfD in Dresden: "Richtig rechte Brühe" - ein Sprachforscher analysiert Höckes Rede der "Schande"

Die Rhetorik ist eine mächtige Waffe. Das hat auch Björn Höcke erkannt und bedient sich altbewährter Methoden. Bei seiner Brandrede in Dresden griff er auf Taktiken zurück, die Joseph Goebbels bereits 1938 ins Feld führte.

Björn Höcke zählt selbst innerhalb der AfD zum rechten Rand

Björn Höcke zählt selbst innerhalb der AfD zum rechten Rand

"Die Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat", schallt es vom Rednerpult. Es ist Dienstagabend, im Ball- und Brauhaus Watzke am Elbufer in Dresden hält eine Rede, die am folgenden Tag durch die ganze Bundesrepublik hallt. Es ist eine Brandrede. "Eine richtig rechte Brühe, die verbal ausgekübelt wird", nennt es Prof. Dr. Peter Schlobinski von der Leibniz Universität Hannover.

"Der Duktus, die Wortwahl, die Argumentationsstruktur - all dies folgt den besten Traditionen der rechten Rhetorik", sagt der Sprachwissenschaftler und Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache. Im Zentrum der Rede des thüringischen AfD-Chefs: der vermeintliche deutsche Schuldkult. Deutschland befinde sich noch immer im "Gemütszustand eines total besiegten Volkes". Die "dämliche Bewältigungspolitik" müsse ein Ende haben. Eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", fordert

Worte, die genau so in den 30er Jahren in Nürnberg hätten fallen können. Damals wollte die NSDAP von der Schuld des Ersten Krieges befreien, von dem "Schandfrieden", von der "Schande von Versailles". Und nun nimmt Höcke dieses Wort der Schande in den Mund. Zufall? 

"Die Leugnung der Schuld gehört zur rechten Ideologie"

Schlobinski glaubt nicht daran. "Semantisch hat Höcke das Holocaust-Denkmal nicht als Schande bezeichnet, sondern den Holocaust selbst. Doch man muss die Aussage in ihrem gesamten Kontext betrachten." Und dieser entlarve die rechtsextremistische Gesinnung Höckes. "Die systematische Leugnung der Schuld gehört zu der rechten Ideologie. Man tut einfach so, als gebe es sie nicht", so der Professor. 

Wie einst die Nationalsozialisten sieht Höcke Deutschland nicht in der Rolle des Täters, sondern des Opfers. Die Bombardierung zum Ende des Zweiten Weltkriegs sei ein "Kriegsverbrechen, vergleichbar mit den Atomwaffen auf Hiroshima und Nagasaki", skandiert er. Ein Versuch, "die Deutschen ihrer Identität zu berauben, sie mit Stumpf und Stiel zu vernichten und ihre Wurzeln zu roden". Denselben Vorwurf richtete auch Hitler an die alliierten Siegermächte von 1918.

Rhetorik aus dem Jahr 1938

Die Lösung des Problems sieht Höcke in der AfD. Nur ein "vollständiger Sieg" seiner Partei könne das Land retten. Die Bundesregierung sei zu einem "Regime mutiert". Eine rhetorische Taktik, die in der Geschichte keineswegs neu ist. "Schon 1938 hetzte Joseph Goebbels gegen die 'Altparteien', die das Land ruinieren", sagt Schlobinski. "Und da vergleicht Höcke auch noch Merkel mit Erich Honecker, weil sie angeblich Floskeln benutzt. Angesichts seiner Lexik grenzt dieser Vergleich an Selbsthohn", erklärt der Sprachwissenschaftler.

Ob das "Denkmal der Schande" eine bewusste, provokative Wortwahl des AfD-Politikers war, lässt sich für Schlobinski nicht zweifelsfrei sagen. Doch der Auftritt Höckes lasse ihn an einem einstudierten Vortrag zweifeln. "Der Furor in der Sprache, die wilde Gestik und die Stimmlage deuten darauf hin, dass er sich in Rage geredet und sich seine Ideologie einfach Bahn gebrochen hat", schätzt der 62-jährige Professor. "Aber mir ist es gleichgültig, ob er bewusst oder unbewusst geredet hat. Das Gesagte bleibt unsäglich."

Björn Höcke - der Fanatiker in der AfD

"Man darf nicht die gesamte AfD über einen Kamm scheren, doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist. Und Höcke ist ja schon fanatisch in seiner Sprache", sagte der Wissenschaftler bereits in einem früheren Gespräch mit dem stern.

Besonders beliebt: die Volks-Thematik. Das deutsche Volk, Volksgemeinschaft oder gar Volksverräter - Begriffe wie diese durchsetzen die Reden einiger AfD-Politiker, nicht nur die von Höcke. Der AfD-Fraktionsvorsitzende in Brandenburg, Alexander Gauland, forderte etwa vor 8000 Demonstranten in Erfurt: "Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen". Die Parteivorsitzende Frauke Petry äußerte sich zum Thema einer von der AfD geplanten Volksabstimmung zur Abtreibung mit den folgenden Worten: "Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen."

Schlobinski sagt dazu: "Natürlich kann der Begriff des Volkes vielfältig ausgelegt werden, es kommt ganz auf den Kontext an, in dem er verwendet wird". Die AfD meine allerdings sicherlich nicht das Staatsvolk, wenn sie vom deutschen Volk spricht, es seien also nicht all diejenigen gemeint, die etwa die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, betont der Sprachwissenschaftler, "darunter würden ja auch viele Menschen mit Migrationshintergrund fallen."

"Wir" gegen "Die"

Dieses Staatsvolk meinen Höcke und Co. offenbar nicht. Vielmehr lehnt sich ihre Volksbegrifflichkeit wohl an die NS-Rassenlehre. So kommt er wieder durch: der Deutsche als überlegener "Herrenmensch", der für Ordnung und Sauberkeit steht, und nicht auf Kosten der Gemeinschaft lebt, wie Höcke mal die Thüringer beschrieb.

"Die Idee eines deutschen Volkes, das vor der Flut beschützt werden muss, die von außen auf Deutschland zurollt, konstituiert ein Wir-Ihr-Schema", sagt Schlobinski. Der Volksbegriff erzeugt bei den einen ein Zugehörigkeitsgefühl und grenzt gleichzeitig andere aus dieser Volksgemeinschaft aus. "Überfremdung, Asylantenflut sind beliebte Begriffe, die das Feindbild der Fremden verfestigen. Solche Wörter werden zu Kampfbegriffen, um bestimmte Menschen abzuwerten, um Grenzen zwischen ihnen und sich selbst zu ziehen. Die Fremden sind es, die das deutsche Volk bedrohen." Oder die blonden Frauen, die zunehmend sexistischen Übergriffen durch Flüchtlinge ausgeliefert sind, wie Höcke postulierte. Die Fremden - im Nazideutschland waren es Juden, Kommunisten oder Sinti und Roma. Bei der AfD sind es zur Zeit die Flüchtlinge, vor einigen Jahren diente noch Griechenland als Bild vom Fremden.